Politik

Sauerland-Prozess Lange Haft für Dschihadisten

Eine reale Gefahr ging von den Sauerland-Terroristen nicht aus - die Polizei hatte ihr Wasserstoffperoxid frühzeitig verdünnt. Zudem waren die meisten Sprengzünder nicht intakt. Dennoch waren die verhinderten Dschihadisten zu "nahezu grenzenlosem und hemmungslosem Töten bereit", sagt Richter Breidling. Die drei Haupttäter verurteilt er zu zwölf und elf Jahren Haft.

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Fritz Gelowicz. Seine Frau sitzt ebenfalls in Haft.

(Foto: REUTERS)

Die vier Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe müssen bis zu zwölf Jahre ins Gefängnis. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte die deutschen Konvertiten Fritz Gelowicz und Daniel Schneider zu Freiheitsstrafen von jeweils zwölf Jahren. Der türkische Staatsbürger Adem Yilmaz muss für elf Jahre hinter Gitter. Als Helfer des Trios wurde der Deutsch-Türke Atilla Selek zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Schneider, Yilmaz und Selek nahmen das Urteil noch im Gerichtssaal an.

Die Bundesanwaltschaft hatte zwischen 13 und fünfeinhalb Jahre Haft für die Angeklagten gefordert. Die Verteidiger plädierten für Strafen unter zehn Jahren. Eine tatsächliche Gefahr habe nicht bestanden, argumentierte die Verteidigung, weil die Männer rund um die Uhr überwacht worden seien. Außerdem seien nur 3 von 26 der bei den Männern entdeckten Sprengzünder intakt gewesen.

Gelowicz, Schneider und Yilmaz wurden wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Verabredung zum vielfachen Mord sowie Vorbereitung eines Explosionsverbrechens schuldig gesprochen. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft war Gelowicz die treibende Kraft der Gruppe.

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Daniel Schneider: "Mein Weg war falsch."

(Foto: REUTERS)

Schneider wurde auch wegen versuchten Polizistenmordes verurteilt, weil er bei seiner Festnahme einem Beamten die Waffe entrissen und damit geschossen hatte, ohne ihn zu treffen. Dass das Gericht unter den Höchststrafen blieb, begründete Richter Ottmar Breidling mit den Geständnissen. Diese hätten sich strafmildernd ausgewirkt.

"Todesengel im Namen des Islams"

Die Angeklagten seien zu "nahezu grenzenlosem und hemmungslosem Töten bereit" gewesen und hätten einen "zweiten 11. September" im Kopf gehabt, sagte Breidling. Mit mehreren Bomben hätten die vier als "Todesengel im Namen des Islams" Anschläge auf Pubs, Diskotheken und US-Einrichtungen in Deutschland geplant.

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Atilla Selek zeigte sich ebenfalls reumütig.

(Foto: REUTERS)

Schneider hatte sich während des Verfahrens für sein Verhalten bei der Festnahme entschuldigt. "Mein Weg war falsch und fußte auf falschen Überlegungen", sagte er. Auch Selek entschuldigte sich in seinem Schlusswort. Er kann mit Anrechnung der Untersuchungshaft bereits in gut fünf Monaten nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe auf freien Fuß kommen.

Gelowicz erklärte lediglich, er wolle sich in Zukunft nicht mehr an terroristischen Aktivitäten beteiligen. Kurz zuvor war allerdings bekanntgeworden, dass seine Frau verhaftet worden war. Sie soll noch vor kurzem Geld für die terroristische IJU gesammelt haben.

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Adem Yilmaz hat, so seine Anwältin, "pubertäre Vorstellungen à la Rambo".

(Foto: REUTERS)

Als einziger des Quartetts zeigte sich Yilmaz unbelehrbar. Seine Anwältin erklärte in ihrem Plädoyer, Yilmaz lege ein "ausgeprägtes moralisches Schwarz-Weiß-Denken" an den Tag und habe "pubertäre Vorstellungen von Kampfeshandlungen à la Rambo". Yilmaz schien mit dem Plädoyer seiner Verteidigerin nicht in allen Punkten einverstanden: "Das ist Schwachsinn", rief er vernehmlich.

"Erinnerung an London und Madrid"

Die Sauerland-Gruppe hatte nach Aussagen ihrer Mitglieder bis zu ihrer Festnahme am 4. September 2007 eine Serie von Anschlägen in Deutschland geplant. Unter anderem sollte damit der damals anstehende Bundestagsbeschluss über die Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan beeinflusst werden. Ziel der Anschläge sollten nach den Geständnissen US-Einrichtungen wie der Luftwaffenstützpunkt Ramstein sein.

Die Angeklagten hätten 150 amerikanische Militärangehörige töten wollen, sagte Richter Breidling. Ihre Anschlagspläne riefen "Erinnerungen an die Anschläge von London und Madrid wach". Einen Anschlag von einem solchen Ausmaß habe es "in Deutschland noch nie gegeben und auch nicht die Verabredung zu einem solchen Anschlag". Hätten Gelowicz, Schneider und Yilmaz ihr Vorhaben ausgeführt, "so hätte es ein ungeheures Blutbad gegeben mit einer unübersehbaren Vielzahl von Toten und Verletzten".

"Geißel unserer Zeit"

Breidling unterstrich, der Sauerland-Prozess habe "mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, zu welchen Taten hasserfüllte, verblendete und von verqueren Dschihad-Ideen verführte junge Menschen bereit und in der Lage sind". Das Verfahren habe auch gezeigt, dass es "offenbar zahlreiche verführbare oder schon verführte und verblendete junge Männer" geben, die ihr bisheriges Leben hinter sich ließen "und sich in den Dschihad begeben, also auf den Weg zum Töten".

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Yilmaz, Schneider und Gelowicz beim Haftprüfungstermin am 5. September 2007.

(Foto: dpa)

Dies geschehe vielfach "sogar mit dem Wunsch, ihr eigenes Leben für ihre wirren Dschihad-Ideen zu opfern", sagte der Staatsschutzrichter. Es müsse mit Erschrecken zur Kenntnis genommen werden, dass der weltweite islamistische Terrorismus als "Geißel unserer Zeit" weiter um sich greife und inzwischen junge Menschen aus westlichen Kulturen erfasse. Der gewaltbereite Islamismus habe offenbar "auch auf junge Menschen in unserer Gesellschaft eine verheerende Anziehungskraft".

700 Liter Wasserstoffperoxid

Nach einem Tipp des US-Geheimdienstes hatten rund 600 deutsche Ermittler die Verdächtigen monatelang überwacht. Die Beschattung der Sauerland-Gruppe gilt als die größte Polizei-Operation seit der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer durch RAF-Terroristen 1977.

Obwohl der Prozess durch die 1200 Seiten starken Geständnisse der Angeklagten um etwa ein Jahr abgekürzt wurde, wird er als eines der umfangreichsten Terrorverfahren in die deutsche Geschichte eingehen. Es füllt inzwischen mehr als 600 Aktenordner. An 65 Verhandlungstagen hatte das Gericht in gut zehn Monaten 17 Sachverständige gehört und mehr als 60 Zeugen vernommen. Der Prozess hatte am 22. April vergangenen Jahres begonnen.

Gelowicz, Schneider und Yilmaz waren am 4. September 2007 in einem Ferienhaus im sauerländischen Medebach-Oberschledorn beim Bombenbau festgenommen worden, Selek wurde wenig später in der Türkei verhaftet. Die Gruppe hatte bereits damit begonnen, aus mehr als 700 Liter Wasserstoffperoxid gewaltige Autobomben zu bauen. Allerdings hatten Polizisten die Chemikalie bereits heimlich verdünnt.

Quelle: n-tv.de, hvo/AFP/rts/dpa

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