Politik

Auf Schlumpfwichse in Halle "Leg die Scheiß-Diplomatenjacke ab, Angie!"

DSC_0063.JPG

"Urlaub im Glas": In Hartmut's guter Stube trinkt man Schlumpfwichse.

(Foto: Robert Dakin)

Früher waren Kneipen ein Ort der Begegnung, heute lebt jeder in seiner eigenen Filterblase. Stimmt? Stimmt nicht, jedenfalls nicht im Hallenser Norden: Dort trinken Studentinnen in Eckkneipen, die klassischer nicht sein könnten.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch Deutschland und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Halle an der Saale.

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Der Soziologe Ray Oldenburg hat Kneipen mal als essentiell für das Funktionieren einer Demokratie bezeichnet: Sie sind für den Amerikaner "Dritte Orte", an denen der Austausch zwischen links und rechts, oben und unten, außen und innen stattfindet; Orte, die einem zeigen, dass man nicht die Norm ist, selbst wenn man sich dafür hält. Ob es ein Zufall ist, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Kneipen um 22 Prozent von 39.929 auf 31.108 gesunken ist, während Begriffe wie "Echoraum" und "Filterblase" im öffentlichen Vokabular Einzug hielten, ist zwar nicht bekannt - aber wer "Hartmut's gute Stube" im Hallenser Norden betritt, bekommt eine Ahnung davon, was Oldenburg mit seinen "Orten für jedermann" meint.

Obwohl die Stube von der nächsten Ecke ein gutes Stückchen entfernt liegt, ist sie doch genau das: eine klassische Eckkneipe. Plastikblumen zieren die Fensterauslagen, im hinteren Teil der Gaststube wartet eine Dartscheibe auf Kundschaft und ein großes Schnitzel mit Beilage kostet 7,50 Euro. Hinter dem großen Tresen im Waikiki-Look steht Hartmut höchstpersönlich, zapft günstiges Bier in große Gläser und begrüßt jeden seiner Gäste mit Handschlag. Zum Beispiel Laura und Sina, die in diesem Moment zur Tür hereinkommen und auf den ersten Blick so gar nicht zur restlichen Klientel passen wollen: jung, hübsch, Bildungsbürgertum.

a481e7cb5b9b01dfd65b61103a757544.jpg

Überlagerten die "wirklich wichtigen Dinge" während des G20-Gipfels: Bilder der Ausschreitungen

(Foto: imago/Tim Wagner)

"Bei Hartmut geht es ganz einfach ehrlicher zu", findet Laura. Die Studentin mit dem blonden Kurzhaarschnitt wohnt zusammen mit ihrer Kommilitonin Sina, schwarze Locken und milchkaffeebrauner Teint, nur ein paar Häuser weiter. Nach einem langen Tag in den Vorlesungssälen der Martin-Luther-Universität brauchen die beiden Freundinnen manchmal einen Tapetenwechsel und einen von Hartmuts "furchtbaren Schirmchendrinks". Um Politik geht es dabei eher selten, aber jetzt, der G20-Gipfel liegt erst ein paar Tage zurück, haben auch Laura und Sina Redebedarf.

Klimawandel und "krasse Machtpositionen"

"Was da in Hamburg passiert ist, ist furchtbar, diese Gewalt von beiden Seiten", sagt Laura. "Viel mehr Angst habe ich allerdings davor, dass man bald vielleicht nicht mehr links sein kann, ohne gleich in eine Ecke mit ein paar Vollidioten gestellt zu werden." Und außerdem: "Die wirklich wichtigen Dinge sind von den Bildern von brennenden Barrikaden völlig überlagert worden." Welche das sind? "Angela Merkel hätte auf die Forderungen von hunderttausenden friedlichen Demonstranten eingehen und Trump und Putin mal schön die Leviten lesen sollen", findet Laura. Sina muss bei so viel sprachlicher Zurückhaltung mit dem Kopf schütteln und formuliert ihre Forderung deutlich prägnanter: "Zieh die Scheiß-Diplomatenjacke aus, Angie!"

Die beiden Freundinnen lachen laut auf, schauen sich in die Augen und heben dann synchron die Arme: "Das Übliche, Hartmut", ruft Sina dem Wirt zu. Hartmut schmunzelt, verschwindet unter der Theke und kommt kurz darauf mit einem Tablett zum Tisch, auf dem mehrere Schnapsgläser mit einer blauen Flüssigkeit stehen. "Schlumpfwichse", sagt Hartmut, "ist wie Urlaub im Glas." Geschmackstechnisch lässt sich darüber sicherlich streiten, die Zunge lockert das Getränk aber auf jeden Fall. Und so diskutieren die beiden Freundinnen weiter angeregt über Armut und Ungerechtigkeit in der Welt, "Leute in zu krassen Machtpositionen" und den Klimawandel, während ihre Aussprache zusehends verwaschener wird.

Irgendwann, Hartmut hat zwischenzeitlich die "Mallorca-Musik" voll aufgedreht, wird es Zeit für ein Fazit: "Puh, wählen gehe ich bestimmt", sagt Laura. "Aber wen?" - "Ich weiß nicht, darüber sollten wir vielleicht einfach noch ein bisschen diskutieren", stimmt Sina mit ein. Die beiden Freundinnen schauen sich an, heben synchron die Arme und bestellen die nächste Runde Schlumpfwichse.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema