Politik

Prozess gegen Bundespräsident a.D. beginnt "Leute wie Wulff sind selten und kostbar"

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Christian Wulff setzt auf einen Freispruch.

(Foto: picture alliance / dpa)

An diesem Donnerstag beginnt der Prozess gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Für den Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger ist der Fall Wulff "einer der ganz großen Problemfälle der Medien in der deutschen Nachkriegsgeschichte".

n-tv.de: War Wulffs Rücktritt gerechtfertigt?

Hans Mathias Kepplinger: Mit Blick auf die Qualität der Vorwürfe war der Rücktritt sachlich nicht notwendig. Politisch war er unausweichlich, weil Wulff seinen Verbleib im Amt - durchaus zu Recht - daran gebunden hatte, dass kein Ermittlungsverfahren eröffnet wird.

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Hans Mathias Kepplinger lehrt als Professor für empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz.

(Foto: privat)

Wenn Wulff am Ende des Prozesses freigesprochen würde, wäre er dann vollständig rehabilitiert?

Im juristischen Sinn ja. Bei einem großen Teil der Bevölkerung wird an ihm jedoch etwas haften bleiben. Und er wird auf absehbare Zeit keine wirklich wichtigen politischen Ämter ausüben können.

Glauben Sie, dass er überhaupt jemals wieder politisch eine Rolle spielen kann?

Ich denke ja, das wird er schon können. Wulff ist ein in der Wolle gefärbter Politiker, er hat sein Leben in der Politik verbracht, er ist ungeheuer gut vernetzt. Solche Personen sind selten und kostbar.

Über Wulffs Privatleben ist im Rahmen der Affäre sehr ausführlich berichtet worden - ist es nicht so, dass die Öffentlichkeit darüber den Respekt vor ihm verloren hat?

Ach, das glaube ich nicht. Das ist mehr eine sentimentale Frage. Wulff wird ja kaum ein Amt anstreben, bei dem man darauf angewiesen ist, Wählermassen von sich zu überzeugen. Da würde das eine Rolle spielen, nicht aber bei den Ämtern, die für ihn infrage kommen.

An welche Art Amt denken Sie?

Das könnten Ämter bei internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union sein. Dort gibt es ein breites Spektrum von Aufgaben, die für Wulff interessant sein könnten und wo er seine Fähigkeiten einsetzen könnte.

Haben Medien und Öffentlichkeit Wulff damals eigentlich fair behandelt?

Nein, überhaupt nicht. Das war extrem unfair und ist sicher einer der ganz großen Problemfälle der Medien in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das ist weniger ein Fall Wulff als ein Problem der Medien.

Die Nähe zwischen einem Politiker und Unternehmern, die da deutlich geworden ist, sehen Sie nicht als Problem?

In anderen Ländern ist die Nähe zwischen Wirtschaft und Politik gang und gäbe. In Großbritannien und den USA gehört der Wechsel von der einen auf die andere Seite zum politischen Alltag. In den USA ist diese Nähe auch in anderer Hinsicht erheblich enger – etwa bei der Finanzierung von Wahlkämpfen über Spendengalas. Wir sehen das in Deutschland meines Erachtens sehr eng. Es wäre sehr positiv, wenn es vor allem mehr Wechsel gäbe von den Unternehmen in die Politik und von der Politik in die Unternehmen. Für beide Seiten wäre es hilfreich, zu verstehen, wie die andere Seite tickt.

Mit Hans Mathias Kepplinger sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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