Bundeswehr-Trupp in GrönlandMilitärexperte Wasinger: "Es ist ein Zeichen, das schnell gesetzt ist"

Militärangehörige aus Deutschland sind nach Grönland aufgebrochen. Dort sollen sie den Einsatz von Nato-Truppen erkunden. Matthias Wasinger, Oberst beim Bundesheer in Österreich, lobt den Bundeswehr-Einsatz. Durch schmelzende Polkappen werden in der Arktis neue Seewege frei, was geostrategische Interessen wecke.
ntv: Herr Wasinger, ist der Grönland-Einsatz militärisch ein ungewöhnlicher Schritt?
Matthias Wasinger: Es ist normal, dass kleinere Kontingente zur Aufklärung und Erkundung geschickt werden, um dann definieren zu können: Was sind die Beiträge, die man leisten kann? Was sind die Fähigkeiten, die man einbringen kann?
Was schauen sich diese Soldaten denn jetzt vor Ort genau an und mit welchem Ziel sind sie unterwegs?
Ganz zu Beginn will man schnell Präsenz zeigen, um den amerikanischen Aussagen hier Wind aus den Segeln zu nehmen. Man sieht sich an: Wie kann man zu einem klaren Lagebild beitragen? Wie kann man beispielsweise Aufklärungsmittel oder Schiffe oder Landstreitkräfte einbringen, um das Lagebild zu verdichten? Wie sieht da die Infrastruktur aus? Man darf nicht vergessen: Die Infrastruktur in diesem sehr, sehr großen Land – sechsmal so groß wie Deutschland – ist entlang der Küste durchaus vorhanden, aber in der Tiefe des Raumes nicht. Also hier gibt es einige Herausforderungen, gerade im Bereich der Logistik. Und hier muss man zuerst abschätzen: Welche militärischen Fähigkeiten werden auf Grönland ad hoc gebraucht? Was braucht man an Logistik, um die Ziele zu erreichen und was ist an Infrastruktur nötig, um auch die Truppen entsenden und unterbringen zu können?
Zunächst sollen die Soldaten aus Berlin offenbar bis Samstag in Grönland bleiben. Das ist nicht sonderlich lang. Ist denn denkbar, dass dauerhaft mehr Militärpersonal dort stationiert wird - auch als Zeichen?
Man kann davon ausgehen, dass das eine längere Präsenz sein wird. Entweder mit permanenter Stationierung oder aber mit regelmäßigen Übungen, um die Präsenz sicherstellen und den Effekt der Sicherheit gewährleisten zu können.
Wie würden Sie denn das Zeichen bewerten, das Europa jetzt ausgesendet hat? Ist das selbstbewusst genug, um es mit Trump und seinen Fantasien aufzunehmen oder sie zumindest einzubremsen?
Ja, das ist eine ganz, ganz entschiedene Reaktion. Ob es genug ist? Hier ist der amerikanische Präsident - wie wir in den letzten Monaten gesehen haben - sehr, sehr schwer einzuschätzen. Was man aber sagen kann: Das ist ein wichtiges Zeichen, das schnell gesetzt ist. Und wenn es wirklich zu einer Entsendung von Truppen kommt - vorerst im Rahmen einer Übung - ist das ein starkes Zeichen. Es zeigt, dass Europa hier gewillt ist, Verantwortung zu übernehmen und Solidarität zu zeigen. Denn genau das ist ja immer wieder das, was externe Kräfte unterstellen: Dass hier Spaltlinien in der europäischen Sicherheitsarchitektur gesucht werden und versucht wird, diese vielleicht sogar aufzubrechen.
Wie beurteilen Sie die Lage in der Arktis-Region? Durch den Klimawandel könnten die Seewege dort mittelfristig eisfrei sein. Stellt das dann eine zusätzliche Bedrohung dar?
"Es gibt hier mehrere Aspekte, die man berücksichtigen muss: So handelt es sich mit den schmelzenden Polkappen und freiwerdenden Seewegen um eine geostrategische Frage. Es geht darum, wer Kontrolle ausüben kann. Ein anderer Punkt sind natürlich die Ressourcen - etwa Seltene Erden, nicht erschlossene Gas- und Öl-Vorkommen. Und nicht zuletzt geht es um militärische Hardware. Die USA haben bereits eine permanente Space Base in Grönland zur Raketenfrühüberwachung, mit der aber auch die Überwachung in den Orbit hinaus gewährleistet werden kann. Und schließlich kann Grönland im arktischen Raum als wichtiger Hub und wichtiger Stützpunkt für Kommandozentralen dienen. Also ja, es gibt Interessen. Meiner Beurteilung nach ist aber eine Ad-hoc-Gefährdung durch Russland und China nicht gegeben. Aber es geht um strategische Interessen. Und hier werden einfach schon Pflöcke abgesteckt über Interessen und Träume.