Politik

Die zweifelhafte Aktion "Kony 2012" Netzwelt jagt Kriegsverbrecher

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Seit Jahren vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht: Joseph Kony.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Tausende Internetnutzer unterstützen die Kampagne "Kony 2012". Sie wollen helfen, den brutalen Kriegsverbrecher und Führer der ugandischen Rebellengruppe LRA, Joseph Kony, zu schnappen. Doch die Köpfe hinter der Kampagne stehen selbst im Verdacht, Menschenrechtsverletzungen zu unterstützen.

Joseph Kony zählt derzeit zu den bekanntesten Männern im Internet. Kony ist ein fanatischer Rebell, Anführer der Lord's Resistance Army (LRA) in Uganda und wird seit 2005 vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht. Seinen Bekanntheitsgrad im Netz hat er der Aktion "Kony 2012" zu verdanken. Deren Ziel ist es, den Mann bis Ende des Jahres mit Hilfe von Twitter und anderen sozialen Netzwerken zu fassen. Allein auf Facebook hat die Kampagne Tausende Unterstützer. Mehr als

Die Netzwelt fühlt sich offenbar berufen, den Schlächter zu stoppen. Doch die Organisation, die hinter der Kampagne steckt, gerät zusehends in die Kritik.

Joseph Kony und die LRA

unter Kony den Norden Ugandas, den heutigen Staat Südsudan und den Nordosten der Demokratischen Republik. Sie will einen christlichen Gottesstaat errichten.

Kony zwangsrekrutierte Tausende Kinder. Die Mädchen missbrauchten er und seine Truppen als Sexsklavinnen. Die Jungen schickte Kony in einen Kampf für seine bizarre, mit afrikanischem Mystizismus verbrämte Ideologie. Insgesamt flüchteten in den vergangenen 25 Jahren mehr als zwei Millionen Menschen in Ost- und Zentralafrika vor den Schlächtern, die ohne Erbarmen mordeten, vergewaltigten, verstümmelten oder entführten. Erst 2006 wurde die Gruppe aus Uganda weitgehend vertrieben. Wo Kony steckt, weiß abgesehen von seinen Gefolgsleuten niemand. Insider vermutet, dass er sich – bestens beschützt von mehreren hundert Kämpfern – irgendwo im Busch der Zentralafrikanischen Republik versteckt.

Zweifelhafte Helfer

Die Kampagne gegen Kony begann am Montag. Die Organisation Invisible Children (Unsichtbare Kinder) stellte ein Videoclip über Kony ins Netz und feuerte die Nutzer sozialer Netzwerke an, sich dem Thema zu widmen. Dabei rief die Organisation zu einer Unterschriftensammlung auf und bat um Spenden, die dabei helfen sollen, die Gewalt der LRA zu stoppen, Kony zu schnappen und frühere Kindersoldaten zu entschädigen.

Der amerikanische Filmemacher und Regisseur des Videos, Jason Russell, interviewte bei Recherchen in Uganda vor rund zehn Jahren einen Jungen, dessen Bruder von der LRA mit einer Machete getötet worden war. Er versprach ihm "alles zu tun", um die LRA zu stoppen.

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Wo sich Kony versteckt, wissen wohl nur seine Gefolgsleute von der LRA.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trotz ihres hehren Ziels entwickelt sich im Internet eine Gegenbewegung zu "Kony 2012". Abgesehen von angeblich schlechter Recherche für den Videoclip und einer einseitigen Sichtweise auf den Konflikt in Uganda werfen Blogger "Invisible Children" vor, nur einen Bruchteil ihrer Spendeneinnahmen für wohltätige Zwecke in Afrika auszugeben. Nach eigenen Angaben sind es derzeit 37 Prozent. Der Rest fließt in die Öffentlichkeitsarbeit, die Filmproduktionen und die Gehälter der Mitarbeiter von Invisible Children.

Die Organisation hebt auf ihrer Internetseite aber hervor, dass dieser Einsatz der Mittel Teil ihres "einzigartigen" Konzeptes ist. Es gehe ihnen eben nicht nur darum, Spendengelder nach Afrika zu tragen. Sie wollen durch ihre Filme und Medienkampagnen zugleich über die Situation in Afrika informieren.

Spendengelder für einen Autokraten?

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Das Alter spielt keine Rolle: Die LRA hat viele Zivilisten übel zugerichtet.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der wohl schwerwiegendste Kritikpunkt ist indes ein anderer: Die Internet-Offensive spielt dem umstrittenen ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni in die Hände. Der ist schon seit 1986 an der Macht und hat keine Absichten, abzutreten. Museveni geht hart gegen jede oppositionelle Bewegung vor und verfolgt derzeit eine Kampagne gegen Homosexuelle, die bereits zahlreiche Schwule zwang, aus dem Land zu fliehen. Zudem untersteht ihm die reguläre Armee Ugandas (UPDF), die selbst für Menschenrechtsverbrechen bekannt ist. Musevinis Name wird in dem Videoclip nicht einmal erwähnt, trotzdem fließt Geld von Invisible Children auch zu ihm, um Kony zu fassen. So zumindest der Vorwurf.

Laut Invisible Children gingen nie Spendengelder an die Regierung Ugandas. Die Organisation räumt aber ein, mit der UPDF zusammenzuarbeiten. "Wir verteidigen keine der Menschenrechtsverletzungen der Ugandan Army", erklärt Invisible Children. "Aber der einzige mögliche Weg, um Kony zu schnappen und die Zivilisten, die er bedroht zu schützen, ist die Zusammenarbeit mit der regionalen Regierung."

Erfolgreich ist diese Kampagne trotz der Kritik. Zumindest unter einem Gesichtspunkt. In kürzester Zeit ist es Invisible Children gelungen, Joseph Kony ins digitale Rampenlicht zu stellen.

Quelle: ntv.de, ieh/dpa