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Der notwendige Krieg Neue Strategie für Afghanistan

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Brennendes Panzerfahrzeug nach einem Selbstmordanschlag in der Provinz Nangahar: Die Situation in Afghanistan ist der internationalen Schutztruppe schleichend entglitten.

(Foto: REUTERS)

Im Laufe der Jahre hat sich der Einsatz in Afghanistan zu einem Krieg entwickelt. Egal, ob es mangelnde Analyse oder falsche Wahrnehmung war, das Land steht am Wendepunkt. Mit einer gesamtheitlichen Strategie wollen die USA das Ruder herumreißen.

Der Zeitpunkt, zu dem sich der Einsatz in Afghanistan von einer Aufbaumission zu einem Kriegseinsatz wandelte, ist wohl genau so schwer festzumachen, wie die Fehler, die gemacht wurden. Fest steht jedenfalls, dass sich die westliche Welt viel zu lange in der schönen Illusion gefangen hielt, dass man am Hindukusch eine Friedensmission mit Aufbaucharakter habe, die sich irgendwann, irgendwie schon beenden ließe.

In den USA als federführende Nation des Einsatzes reifte die Erkenntnis, dass man sich in Afghanistan im Krieg befindet, schon wesentlich früher als in Deutschland. Bereits unter der Bush-Administration waren sich die maßgeblichen Sicherheitspolitiker darüber im Klaren, dass der schnelle Erfolg gegen die Taliban im Herbst 2001 ein Pyrrhussieg war. Der schnelle und schmerzlose Sieg in der Nachfolge der Anschläge des 11. September beim Sturz des Talibanregimes – nur 350 Soldaten von Spezialeinheiten und 100 CIA-Agenten, begleitet von rund 100 Luftangriffen täglich, waren damals im Einsatz - wurde erkauft durch die Kooperation mit Warlords und der Bildung einer Regierung unter deren Beteiligung. Allerdings war die Regierung Bush in den letzten Monaten ihrer Amtszeit nicht mehr stark genug, einen grundsätzlichen Strategiewechsel durchzuführen.

Furcht vor dem Domino-Effekt

Mit der Wahl von Präsident Obama rückte Afghanistan wieder in den Fokus der US-Außenpolitik. Die Erfolge im Irak bei der Befriedung des Landes beflügelten die neue Administration, nun auch am Hindukusch die Ausgangsbasis für einen langfristigen Abzug der US-Truppen zu schaffen. Die vielversprechende Strategie wollte man in Afghanistan wiederholen, aber das ist nicht der einzige Grund für die erhöhte Aufmerksamkeit. Vielmehr drohte am Hindukusch ein Scheitern auf ganzer Linie, den die US-Sicherheitsexperten um jeden Preis verhindern wollen. Im November 2008 formulierte es der damalige Kommandeur der ISAF, General David McKiernan, so eindringlich wie nie zuvor: "Tatsache ist, wir befinden uns in Afghanistan im Krieg. (…) Wir haben keinen strategischen Plan. Wir hatten nie einen."

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Zentralregierung als Betrüger: Afghanische Männer warten auf die Registrierung als Wähler.

(Foto: REUTERS)

Die zentrale Befürchtung der amerikanischen Sicherheitsstrategen ist ein Domino-Effekt in der Region. In der Wahrnehmung von Al Kaida haben die Mudschaheddin mit der Sowjetunion schon einmal eine Weltmacht in Afghanistan besiegt und in der Folge zum Sturz gebracht. Ein Abzug ist daher für die USA keine ernsthafte Option. Zudem bestünde die Gefahr, dass die afghanischen Taliban auf Sicht auch die Atommacht Pakistan unterminieren und die säkulare Regierung dort stürzen könnten. Das ist das Albtraumszenario für die US-Armee. Der frisch gebackene US-Befehlshaber, General David H. Petraeus, umschrieb diese Gefahr einst folgendermaßen: "Die Destabilisierung des Atomwaffenstaates Pakistan würde eine enorme Herausforderung für die USA, ihre Verbündeten und unsere Interessen darstellen." In der Tat wäre ein von den Taliban beherrschtes Pakistan für die USA die größte Bedrohung seit dem Kalten Krieg. Der Krieg in Afghanistan gilt in US-Sicherheitskreisen als ein notwendiger, der um jeden Preis gewonnen werden muss.

Seit Jahren im Krieg

Spätestens ab 2006 stand die ISAF, die internationale Schutztruppe für Afghanistan, einer ausgewachsenen Aufstandsbewegung gegenüber, deren Kern die wieder erstarkten Taliban-Kämpfer mit einigen terroristischen Organisationen in ihrer Peripherie bildeten. Zu diesem Zeitpunkt redete man in Deutschland noch von Brunnen, der Ausbildung von Polizeibeamten und der sicheren Nordregion, für die die Bundeswehr die Verantwortung hat. In der Politik wohlgemerkt, die Soldaten selbst hatten bereits damals ein anderes, realistischeres Bild von der Lage.

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Die Taliban vertreiben: US-Patrouille in einem Dorf bei Arghandab.

(Foto: REUTERS)

Mit einer Neuausrichtung der Pläne für die gesamte Region wollte die Regierung Obama ab Frühjahr 2009 ein gesamtheitliches Konzept für die Krisenregion Afghanistan und Pakistan erarbeiten und erteilte dazu einer Kommission den Auftrag. Diese "AfPak-Strategie", der Name wurde später aufgrund Irritationen auf der pakistanischen Seite nicht mehr verwendet, wurde bis zum Herbst des Jahres ausgearbeitet und mit den Alliierten auf der Afghanistan-Konferenz in London im Januar 2010 abgestimmt. Kern ist allerdings ein Ansatz auf eigene Faust, den die USA verfolgen. Sie stellen immer noch die absolute Mehrheit der Truppen im Land und sehen sich als Zielscheibe Nummer eins von Al Kaida. Zudem hält man die Mehrheit der beteiligten westlichen Regierungen in ihrem Engagement als Truppensteller für nicht stark belastbar.

Schutz der Zivilbevölkerung als Grundlage

Unter dem Begriff der "Counterinsurgency" wird seit der Neuausrichtung der Afghanistanstrategie ein Ansatz verfolgt, der im Irak bereits angewendet wurde. Es geht im Kern darum, die Zivilbevölkerung für die Ziele der internationalen Schutztruppe zu gewinnen. Dazu sollen sichere Räume geschaffen werden, in denen staatliche Strukturen etabliert werden können. Dort sollen der Zivilbevölkerung bessere wirtschaftliche Perspektiven geboten und so den Terroristen die Rekrutierungs-und Rückzugsbasis entzogen werden.

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Der einzige Gegner von Staatspräsident Karsai bei der Wahl letztes Jahr, Abdullah Abdullah, zog seine Kandidatur zurück.

Grundlage dieser Maßnahmen ist die Sicherheitsfrage und somit der Schutz der Zivilbevölkerung. So sind auch die tiefgreifenden Irritationen der amerikanischen Seite nach dem von deutschen Soldaten veranlassten Luftangriff auf einen Tanklastzug bei Kundus mit mehr als 100 Toten im vergangenen Jahr zu verstehen. Bis Ende Sommer 2010 sollen die US-Truppen auf eine Stärke von 100.000 Mann aufgestockt werden. Damit will die militärische Führung der US-Truppen mit offensiven Einsätzen in den bevölkerungsreichen Regionen die Aufständischen verdrängen und ein Maß an Sicherheit schaffen, das den Aufbau staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen erlaubt. Sukzessive sollen die Sicherheitsaufgaben an afghanische Kräfte übertragen werden. Die ISAF-Militärs treten als Mentoren und Berater auf, die eigentlichen Aufgaben aber auf Sicht von der einheimischen Armee und der Polizei wahrgenommen werden.

Viele Soldaten benötigt

Soweit die Theorie. In Afghanistan entpuppt sich die Anwendung dieser Strategie allerdings als weitaus komplexer, als es sich im Irak darstellte. Das liegt in der Historie des Landes, bei den direkten Nachbarn und in den politischen Debatten der westlichen Staaten, allen voran den USA, begründet. Der indisch-pakistanische Konflikt spielt dort ebenso eine Rolle wie die fragmentierte Struktur des Landes und der Bevölkerung. Uneinigkeit herrschte in der US-Regierung schon in der Auslegung der neuen Strategie für Afghanistan. Soll das ganze Land mit einem umfangreichen Militäreinsatz befriedet werden? Dazu wären wohl selbst die vom ehemalige US-Kommandeur McChrystal verlangten mehr als 100.000 Soldaten kaum in der Lage.

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Dem Schutz der Zivilbevölkerung kommt durch den Strategiewechsel zentrale Bedeutung zu.

(Foto: REUTERS)

US-Vizepräsident Joe Biden trat deshalb für eine abgeschwächte Form der Befriedung Afghanistans ein. Wichtige Zonen, wie zum Beispiel Kandahar im Zentrum des einstigen Einflussgebietes in der gleichnamigen Provinz, sollen erobert und strukturiert werden. Zwischen den einzelnen Zonen sollen gesicherte Verbindungswege die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung garantieren. Aber selbst für diesen abgeschwächten Ansatz sind die Kräfte knapp bemessen, wie auch der neue Befehlshaber General Petraeus feststellt.

Fragwürdige Zentralregierung

Die Probleme in Afghanistan speisen sich aber auch aus dem früheren Versuch des Westens über eine starke Zentralregierung Frieden in das Land zu bringen. Durch die Kooperation beim Krieg gegen die Taliban 2001 mit den regionalen Warlords haben diese viele zentrale Positionen in der afghanischen Regierung unter Staatspräsident Hamid Karsai eingenommen. Und dieser selbst steht nach den eindeutig manipulierten Wahlen vom vergangenen Jahr unter verschärfter Beobachtung und Druck des Westens. Allerdings fehlt zu ihm jegliche Alternative. Die schwindende Unterstützung hat ihn sogar dazu veranlasst, seine Machtbasis durch eine erweiterte Kooperation mit den Provinzfürsten zu stabilisieren. Deshalb wurde auch die Strategie des zivilen Wiederaufbaus verändert. Nach dem "bottom-up"-Prinzip, also eine Herangehensweise von den Provinzen hoch zu den obersten staatlichen Institutionen, werden jetzt Gelder gezielt an regionale Projekte gelenkt, die direkter der Zivilbevölkerung zugute kommen sollen.

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Eine schnelle Lösung gibt es nicht: Bundeswehrsoldaten tragen den Sarg eines in Afghanistan getöteten deutschen Kameraden.

(Foto: APN)

Ein zentrales Problem bei der "Afghanisierung", also der Übertragung der Sicherheitsaufgaben an die einheimischen Behörden, ist der Aufbau von Armee und Polizei. Beide Institutionen sind geprägt von Kriminalität und Korruption. Zudem ist die Ausfallquote sehr hoch. Jährlich verlassen 18 Prozent der Bediensteten bei der Armee und 25 Prozent bei der Polizei ihren Dienst. Das hat zur Folge, dass jährlich rund 40.000 Rekruten gefunden werden müssen. Zwar hat noch die Bush-Administration eine Anhebung des Soldes von 180 auf 240 Dollar pro Monat beschlossen, und dieses Programm zeigt durchaus auch Wirkung, aber dennoch verschlingen diese Anstrengungen enorme Ressourcen. Führungskräfte sind dabei kaum zu gewinnen, weil die Analphabetenquote bei mehr als 40 Prozent liegt. Eine Stärke von 111.000 Soldaten soll die Armee bis 2011 erreichen und 134.000 Polizisten sollen es sein. Derzeit liegt die Mannstärke der Polizei bei knapp 96.000 Beamten.

Druck durch US-Wahlen

Die Gründe für diese ambitionierten Ziele liegen in den anstehenden US-Wahlen 2012. Ab Mitte 2011 soll eine schrittweise Reduzierung der US-Truppen beginnen. Allerdings ist die Formulierung sehr schwammig: Nach der "Situation vor Ort" solle sich der Umfang des Abzuges bemessen. Diese zeitlichen Ziele stehen im krassen Gegensatz zu der umfassenden Strategie, die enorme Kosten und Personal erfordert. Bis heute hat das State Department die Zahl der zivilen Helfer gerade mal von 320 Ende 2008 auf 992 im März dieses Jahres erhöhen können. Fraglich ist zudem deren Wirkung, denn viele sitzen auf Militärstützpunkten fest und können aufgrund der Sicherheitslage ihren Aufgaben nicht nachkommen.

Auch nach der Londoner Konferenz vom Januar wird klar: Eine schnelle Lösung für Afghanistan gibt es nicht. Die Zusagen über Truppenabzüge und ein absehbares Ende des Einsatzes sind Balsam für die heimische Bevölkerung und Beruhigungspillen für die Opposition. Die Realität am Hindukusch sieht anders aus. Ein Ende ist nicht absehbar, schon gar nicht bis zur nächsten Wahl.

Quelle: n-tv.de

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