Politik
Die Flaggen in Norwegen wehen auf halbmast.
Die Flaggen in Norwegen wehen auf halbmast.(Foto: Reuters)
Samstag, 23. Juli 2011

Mehrere Jugendliche werden noch vermisst: Norwegen erwacht in einem Albtraum

Erst am Morgen nach der Tat wird Norwegen sich der ungeheuerlichen Dimension der Anschläge bewusst. Zunächst heißt es, dass rund 10 Menschen ums Leben gekommen seien. Dann sprechen die Behörden von mehr als 80 Opfern. Im Laufe des Samstags zählt die Polizei immer mehr Leichen in den Gewässern rund um die nur 400 Meter breite Ferieninsel Utøya. Noch immer werden Kinder vermisst. Der mutmaßliche Mörder legt ein Teilgeständnis ab. Ob es einen zweiten Täter gibt, kann die Polizei noch nicht sagen.

Norwegen steht nach dem Doppelanschlag in der Hauptstadt Oslo und in einem Ferienlager auf der Insel Utøya unter Schock. Insgesamt kamen bei dem Massenmord mindestens 92 Menschen ums Leben. Der mutmaßliche Täter ist ein 32-jähriger Norweger, dessen Name mit Anders Behring Breivik angegeben wurde. Er wurde bereits am Freitag festgenommen.

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Der Mann scheint einem Ideologie-Gemisch aus Rechtsextremismus und christlichem Fundamentalismus anzuhängen. Zwischen 1999 und 2006 war er Mitglied bei der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. Von 2002 bis 2004 habe er eine verantwortliche Stellung innerhalb der Jugendorganisation FpU innegehabt, teilte die Partei mit.

Zahl der Toten könnte weiter steigen

Der Mann legte ein Teilgeständnis ab. "Er hat gestanden, dass er auf Utøya war und Schüsse abgefeuert hat", sagte Oslos Vize-Polizeichef Sveinung Sponheim am Samstagabend. Die Verhöre mit dem Festgenommenen werden von der Polizei als "schwierig" eingestuft.

Die Beamten fürchten, dass noch nicht alle Todesopfer entdeckt sind. "Wir wissen, dass es noch Überreste von Toten in den Osloer Ruinen gibt. Das Ganze ist ein Puzzlespiel." Außerdem werden noch mehrere Jugendliche von der Insel vermisst.

Taucher suchen im See Tyrifjord um die Insel Utøya nach Leichen.
Taucher suchen im See Tyrifjord um die Insel Utøya nach Leichen.(Foto: REUTERS)

Die wehrlosen jungen Leute im Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF waren dem Täter völlig arglos begegnet. Er trug eine falsche Polizeiuniform. Als er auf die Teenager traf, hatten diese sich gerade versammelt, um mehr über den Anschlag zu erfahren, der nur kurz zuvor die nahe Hauptstadt erschüttert hatte.

Anderthalb Stunden

Das Massaker auf der Insel hat Polizeiangaben zufolge etwa anderthalb Stunden gedauert. Der 32 Jahre alte Verdächtige soll gezielt auf die Teilnehmer des Camps geschossen haben. Erst dann gelang es der Polizei, den Mann zu überwältigen. Nach Polizeiangaben stellte sich der Mann freiwillig den Beamten.

Die endgültige Zahl der Opfer ist noch unklar.
Die endgültige Zahl der Opfer ist noch unklar.(Foto: AP)

Nach den bisherigen Erkenntnissen ist Breivik auch für den Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo verantwortlich. Beobachter vermuteten zunächst einen islamistischen Anschlag. Vorläufige Bilanz: 7 Tote in Oslo und 85 auf der Insel.

Erst am Samstagmorgen wurde Norwegen sich der ungeheuerlichen Dimension des Geschehens bewusst. Am Freitagabend war zunächst bekanntgeworden, dass rund 10 Menschen ums Leben gekommen waren. Dann sprachen die Behörden plötzlich von mehr als 80 Opfern, doch auch diese Zahl stieg im Laufe des Samstags weiter an.

In verzweifelter Todesangst hatten sich viele Jugendliche in das kalte Wasser geflüchtet. Das nächste Ufer ist rund 700 Meter von der Insel entfernt. Auch im Wasser feuerte der Schütze auf die wehrlosen, panischen Opfer. Teenager, die verletzt am Boden lagen, soll er mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet haben.

"Schlimmste Katastrophe für Norwegen seit 1945"

Der Doppelanschlag löste weltweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Er kennt die Insel aus seiner eigenen Teenagerzeit: "Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt." Norwegens König Harald V. sprach von einem "Angriff auf unsere Gesellschaft und unsere Demokratie".

Eine Verletzte wird am Freitag in Oslo fortgetragen.
Eine Verletzte wird am Freitag in Oslo fortgetragen.(Foto: Reuters)

Die Hinweise auf einen möglichen Komplizen blieben bis zum Samstagabend vage. "Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären", sagte Kriposprecher Einar Aas der Zeitung "Verdens Gang". Der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon, der das Attentat verletzt überlebte, sprach von einem Missverständnis. Es habe Schüsse vom Seeufer gegeben. Diese seien aber auf den Attentäter abgegeben worden, um ihn zu stoppen.

"Ich flehte ihn an und er verschonte mich"

Pracon sagte, auf ihn habe der Täter ruhig und kontrolliert gewirkt. Er selbst sei von einer Kugel an der Schulter getroffen worden. Anschließend habe er sich in den See geflüchtet, als Breivik am Ufer auftauchte und erneut auf ihn zielte. "Ich flehte ihn an und er verschonte mich", schilderte der Jugendfunktionär die Begegnung.

Der Verdächtige wird der rechten Szene zugeordnet und ist laut Polizei "christlich-fundamentalistisch" orientiert. Breivik hat sich nach Berichten aus Stockholm auch bei einem schwedischen Internet-Forum für Neonazis registriert. Wie die schwedische Organisation Expo angab, war der 32-Jährige seit 2009 in dem Forum "Nordisk" aktiv. Hier diskutierten 22.000 registrierte Nutzer Themen wie "weiße arische Macht" und politische Strategien zur Bekämpfung der Demokratie. Expo gilt als führende schwedische Organisation zur Beobachtung der rechtsradikalen Szene. Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt.

Prinz Haakon spricht mit Überlebenden und Angehörigen.
Prinz Haakon spricht mit Überlebenden und Angehörigen.(Foto: dpa)

Wie Polizeisprecher Sponheim mitteilte, hatte beim Einsatz die Antiterroreinheit, die im 40 Kilometer entfernten Oslo alarmiert wurde, mit "Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines Bootes" zu kämpfen. Man müsse die näheren Umstände genauer untersuchen.

Am Samstagnachmittag besuchte Stoltenberg ebenso wie König Harald, dessen Frau und Kronprinz Haakon Überlebende und deren Angehörige in der Ortschaft Sundvollen, die auf dem Festland gegenüber von Utøya liegt . Er habe einige der Opfer persönlich gekannt, sagte der Regierungschef tief betroffen. Die ganze Welt sei in Gedanken bei ihren Angehörigen und den Überlebenden.

Merkel: Der Hass ist unser gemeinsamer Feind

In Berlin rief Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu auf, gemeinsam gegen Ausländerfeindlichkeit und Hass einzustehen. "Dieser Hass ist unser gemeinsamer Feind." Alle, die an ein friedliches Zusammenlaben glaubten, müssten dem gemeinsam entgegenwirken. Merkel sagte weiter, sie habe in einem Telefonat mit Stoltenberg ihre Anteilnahme ausgedrückt. Ihre Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer des entsetzlichen Verbrechens.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle teilte mit, den norwegischen Stellen sei umfassende Hilfe sowohl bei der technischen Aufklärung der Tat wie auch bei der Betreuung von Opfern angeboten worden.

Belgien forderte schärfere Waffengesetze

In Oslo patrouillieren Soldaten.
In Oslo patrouillieren Soldaten.(Foto: REUTERS)

Der belgische Außenminister Steven Vanackere forderte eine Debatte über schärfere Waffengesetze in Europa. Für den Besitz von Schusswaffen müsse es striktere Regeln geben, zitierte die Nachrichtenagentur Belga den Minister. Eine Debatte darüber müsse auf europäischer Ebene geführt werden. Denn bislang sei das Waffenrecht überwiegend national geprägt. Nach Ansicht Vanackeres müsse zum Beispiel über eine "größere Zusammenarbeit" und den "Austausch von Informationen" nachgedacht werden, ähnlich wie nach dem 11. September.

 Das deutsche Waffenrecht wurde nach dem Amoklauf von Winnenden verschärft. Bis 2012 soll ein nationales Waffenregister aufgebaut werden. Darin werden Fabrikat, Kaliber, Seriennummer sowie Name und Adresse von Verkäufer und Besitzer aller Schusswaffen in Deutschland für mindestens 20 Jahre erfasst. Zeit, dieses Register einzurichten, hätte Deutschland laut Vorgaben aus Brüssel bis Ende 2014.

Sprengstoff aus Dünger

Anders Behring Breivik.
Anders Behring Breivik.(Foto: Reuters)

Der mutmaßliche Täter hatte sich in einem Dorf rund 170 Kilometer nördlich von Oslo als Gemüsebauer niedergelassen. Er habe dort auch ein Laboratorium zur Sprengstoffherstellung eingerichtet, das von der Polizei in der Nacht zum Sonntag untersucht worden sei, berichtete ein norwegischer Journalist.

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Eine Handelskette für landwirtschaftlichen Bedarf teilte mit, der Mann habe am 4. Mai sechs Tonnen Dünger gekauft. Die Menge sei für einen solchen landwirtschaftlichen Betrieb nicht ungewöhnlich. Dünger kann aber auch zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden. Auf Utøya wurde nicht detonierter Sprengstoff gefunden, den vermutlich der Attentäter mitgebracht hatte.

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Quelle: n-tv.de