Politik

Israel kritisiert Giftmord-Theorie Polonium-210 in Arafats Leichnam gefunden

Der frühere PLO-Chef Arafat ist möglicherweise vergiftet worden. Das legen Untersuchungen von Gewebe nahe, das bei Exhumierung der Leiche entnommen wurde. Arafats Witwe spricht von einem Beweis, dass er keines natürlichen Todes starb. Für Israel indes hat diese Theorie "mehr Löcher als ein Schweizer Käse".

Polonium-210

Polonium ist ein Element, das in der Natur in sehr geringen und daher ungefährlichen Mengen vorkommt. Es sendet radioaktive Strahlung aus. Diese kann unter normalen Bedingungen in größeren Mengen eine Gefahr darstellen.

Polonium gehört zu den sogenannten alpha-Strahlern. Die alpha-Teilchen kommen in der Luft nur wenige Zentimeter voran, weshalb sie schwer nachzuweisen sind - etwa bei Kontrollen am Flughafen. Im menschlichen Körper allerdings reicht die kurze Reichweite aus, um zum tödlichen Gift zu werden: Polonium zerstört das Gewebe. Es kann unter anderem über die Nahrung aufgenommen werden. 

1898 wurde das Element von Marie und Pierre Curie bestimmt und nach dem Heimatland von Marie, Polen, benannt. Der volle Name Polonium-210 kommt zustande, weil der Atomkern aus 84 Protonen (elektrisch positiv geladenes Teilchen) und 126 Neutronen (elektrisch neutrales Teilchen) besteht.

Ein Schweizer Ärzteteam hat laut dem arabischen Fernsehsender Al-Dschasira Hinweise auf eine Vergiftung des verstorbenen Palästinenserführers Jassir Arafat mit Polonium gefunden. Das Gutachten der Experten stütze die Hypothese einer Vergiftung mit dem radioaktiven Element, meldete der Sender, der den umfangreichen forensischen Bericht auf seiner Webseite veröffentlichte. Zuvor hatte auch der "Guardian" von den Untersuchungsergebnissen berichtet.

Laut dem Bericht fanden die vorgenommenen "neuen toxikologischen und radio-toxikologischen Untersuchungen" ein "unerwartet hohes Niveau von Polonium-210- und Blei-201-Aktivität" in den untersuchten Proben. Zusammenfassend heißt es in dem Bericht, die Ergebnisse würden die These "mäßig stützen" (moderatedly support), wonach Arafats Tod die Folge einer Vergiftung mit Polonium-210 gewesen sei. Laut dem Bericht ist "mäßig stützen" die zweithöchste Bestätigung einer These.

Laut dem "Guardian" fanden die Schweizer Wissenschaftler Werte, die mindestens 18fach über dem Normalwert lagen, in seinen Rippen, im Becken und im Erdreich um sein Grab, das die Körperflüssigkeiten Arafats aufgenommen hat. Die Schweizer übergaben ihren Bericht demnach der Witwe Arafats. "Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass er keines natürlichen Todes starb", sagte Suha Arafat anschließend in Paris. "Wir decken ein echtes Verbrechen auf, ein politisches Attentat." Sie beschuldigte kein Land oder eine bestimmte Person als Täter. Sie verwies lediglich darauf, dass ihr Mann zahlreiche Feinde gehabt habe.

2013-11-06T191515Z_745712820_GM1E9B708V001_RTRMADP_3_PALESTINIANS-ARAFAT.JPG4729007035948183975.jpg

Suha Arafat spricht von einem wissenschaftlichen Beweis für den gewaltsamen Tod ihres Mannes.

(Foto: REUTERS)

Suha hatte im Juli 2012 in Frankreich Anzeige gegen Unbekannt wegen "Ermordung ihres Mannes" erstattet. Im November 2012 wurden die sterblichen Überreste Arafats in Ramallah exhumiert. Ermittler aus Frankreich, Russland und der Schweiz entnahmen damals Proben, um sie auf Spuren von Polonium 210 zu untersuchen.

Der forensische Pathologe David Barclay sagte dem Sender Al-Dschasira, es sei praktisch sicher, dass Arafat im November 2004 ermordet worden sei. "Wenn ich Richter und Jury wäre, wäre dies absolut eiskalt klar", sagte Barclay. Der radioaktive Stoff, der in dem Leichnam gefunden worden sei, müsse in einem Kernreaktor hergestellt worden sein. Dafür kämen mehrere Länder in Betracht. Allerdings muss es Barclay zufolge wohl jemand aus Arafats unmittelbarem Umfeld gewesen sein, der ihm das Mittel verabreicht habe. Vermutlich sei es in Form eines Pulvers in ein Getränk, eine Mahlzeit, in Augentropfen oder Zahnpasta gemischt worden.

Russen behaupten das Gegenteil

2013-11-06T161858Z_1874002053_GM1E9B700JT01_RTRMADP_3_PALESTINIANS-ARAFAT.JPG8624920395115920392.jpg

Das Arafat-Mausoleum in Ramallah.

(Foto: REUTERS)

Erst vor zwei Wochen hatten russische Experten das genaue Gegenteil behauptet: "Er kann nicht mit Polonium vergiftet worden sein", sagte damals der Leiter der mit den Untersuchungen betrauten Bundesbehörde für biologische Analysen, Wladimir Uiba. Ein Sprecher der Behörde sagte später allerdings: "Wir haben noch kein amtliches Ergebnis veröffentlicht." Beim russischen Außenministerium hieß es, es obliege der palästinensischen Seite, die Ergebnisse der Gewebeuntersuchungen mitzuteilen. Das ist bis heute nicht erfolgt.

In einer im Juli 2012 ausgestrahlten Al-Dschasira-Dokumentation hatte der Schweizer Experte François Bochud gesagt, Proben aus persönlichen Gegenständen Arafats, die nach seinem Tod an seine Witwe übergeben worden seien, hätten eine erhebliche Polonium-Konzentration aufgewiesen. Die Proben stammten demnach unter anderem von Arafats Haaren und seiner Zahnbürste.

In einem später erschienenen Artikel im Wissenschaftsmagazin "The Lancet" bekräftigten die Schweizer Experten vom Institut für Radiophysik (IRA) in Lausanne, dass eine Vergiftung Arafats durch Polonium 210 nicht ausgeschlossen werden könne.

Arafat hatte auffälliges Krankheitsbild

2013-11-06T160954Z_454440767_GM1E9B61Q1F01_RTRMADP_3_PALESTINIANS-ARAFAT.JPG466966945416774123.jpg

Am 29. Oktober 2004 wurde Arafat zur Behandlung nach Paris geflogen. Beobachter wollen damals schon Anzeichen einer Vergiftung bemerkt haben. Wenige Tage später war er tot.

(Foto: REUTERS)

Nach zweieinhalbjähriger israelischer Belagerung seines Amtssitzes hatte sich Arafats Gesundheitszustand im Oktober 2004 plötzlich so sehr verschlechtert, dass er in ein französisches Militärkrankenhaus gebracht wurde, wo er wenig später im Alter von 75 Jahren starb. Als offizielle Todesursache wurde ein Schlaganfall genannt.

Viele Palästinenser beschuldigen Israel, ihren ehemaligen Präsidenten vergiftet zu haben. Israel hatte das stets zurückgewiesen. Auch wenn die neuen Ergebnisse die These einer Vergiftung stützen sollten, ist noch immer unklar, wer für den Tod Arafats verantwortlich ist.

Israel reagiert mit Spott

Das israelische Außenministerium reagierte mit Spott auf die aktuellen Berichte. "Das ist eine Seifenoper, in der Suha gegen Arafats Nachfolger kämpft", sagte Außenamtssprecher Jigal Palmor. Die Untersuchungen seien interessengeleitet und nicht unabhängig gewesen. "Für Israel ist dies in jedem Fall nicht von Belang, denn wir haben damit nichts zu tun", betonte Palmor. Die Experten hätten weder die früheren Arbeitsräume Arafats in Ramallah auf die radioaktive Substanz untersucht noch das französische Militärhospital, in dem Arafat 2004 im Alter von 75 Jahren gestorben war. "Alles ist sehr, sehr unklar", sagte Palmor. "Klar ist nur, dass die Theorie (vom Giftmord) große Löcher aufweist, mehr Löcher als ein Schweizer Käse."

Das stark radioaktive Element Polonium ist für den Menschen schon in kleinen Dosen tödlich. Der Stoff wird dann gefährlich, wenn er über Mund, Nase oder offene Wunden in den Körper gelangt, wo er irreparable Schäden an Nieren, Leber und Milz anrichtet. Eine kleine Menge von Polonium der Größe einer Haarschuppe würde ausreichen, um 50 Menschen zu töten, wenn es in Wasser aufgelöst von ihnen getrunken würde.

2006 wurde in London der russische Ex-Agent Alexander Litwinenko mit der Substanz ermordet. Litwinenkos Krankheitssymptome glichen denen Arafats.

Quelle: n-tv.de, ppo/AFP

Mehr zum Thema