Politik

Mitnehmen statt ermüden Portugals Wunder - deutsches Versagen

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Straßenszene in Lissabon: Portugal hatte einen Lockdown, der diesen Namen auch verdient.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Nirgendwo wütete die Mutante B.1.1.7 so schlimm wie im Januar in Portugal. Und nun? Hat Portugal mit einem echten Lockdown die Zahlen so stark gesenkt, dass Hoteliers, Gastronomen und die Bürger aufatmen können. Da schmerzt der Blick auf Deutschland gleich doppelt.

Im Winter war ich mit der Familie monatelang in Portugal. Das dortige Tourismusministerium hatte geworben, an der Algarve könne man bei niedrigen Fallzahlen nach dem Homeoffice gleich noch ins Restaurant, ins Museum, an den Strand. Es stimmte: Die Temperaturen waren herrlich, die Tische der Cafés waren geöffnet, die Stimmung ganz anders als im eisigen und Corona-müden Berlin. Rund 1000 neue Fälle pro Tag gab es damals zwischen Porto und Faro, die Inzidenz lag etwa bei 30.

Doch dann kam Weihnachten und mit den Geschenken brachten die vielen Portugiesen, die in England arbeiteten, auch gleich noch die Mutante B.1.1.7 nach Hause mit. Die Regierung hatte damit nicht gerechnet, die Portugiesen konnten frei reisen, sich bewegen, miteinander feiern. Das haben sie teuer bezahlt: Mitte Januar stieg die Inzidenz regional auf 800, es gab 16.000 neue Fälle täglich, gemessen an der Einwohnerzahl wären das in Deutschland 130.000. Besonders die Alten litten, es starben Tausende Menschen, die Krankenwagen standen mit den verzweifelten Patienten Schlange vor den Krankenhäusern, weil es keine freien Betten mehr gab.

Premierminister Costa entschuldigte sich - und er reagierte: Es gab einen Lockdown, der den Namen verdient: keine Schule, keine Kita, kein Restaurant - dazu eine SMS an jeden im Land: "Bleibt zu Hause!" Nur wer unbedingt musste, durfte zur Arbeit, das Reisen zwischen Kommunen war untersagt, die Landgrenzen nach Spanien wurden geschlossen, am Wochenende flogen Helikopter über die Strände und kontrollierten die Ausgangssperre. Doch was am wichtigsten war: Die Menschen waren ausreichend erschrocken über die schlimme Lage - sie hielten sich an alle Maßnahmen, übererfüllten sie sogar. Auch, weil die Regierung die Bürger als Partner sah und ihnen nicht drohte, sondern mit ihnen zusammen die Zahlen senken wollte.

Das Ergebnis: Portugal hat jetzt noch 250 neue Fälle täglich, etwa 10 Menschen starben in den letzten Tagen. Das zeigt: Es ist möglich, die Zahlen entscheidend und nachhaltig zu senken - die Mutante B.1.1.7 ist nicht unbesiegbar. Und Deutschlands Vorgehen ist seit Monaten falsch - sogar kontraproduktiv im Kampf gegen den neuen Corona-Typus. Portugal hat sehr viel richtig gemacht: Die deutsche Kanzlerin und ihr Gesundheitsminister haben den ganzen Sommer 2020 dafür genutzt, die Bürger ständig vor einer möglichen Gefahr zu warnen: Urlaub? Lieber nicht. Restaurants offen? Oh Gott, bloß nicht. Familienfeiern? Zu gefährlich. Dabei lag die Inzidenz im Sommer wochenlang irgendwo zwischen 10 und 20.

Gängeln um des Gängelns willen

Im ständigen Warnen wurde aber vergessen, das Land auf die zweite Winterwelle vorzubereiten. Es gab immer noch keine Teststrategie, keine Lüftungssysteme für Schulen, keine Vorbereitung auf mögliche Impfstoffe. Gastronomen, Händler und Schulleiter mussten sich selbst vorbereiten, mit hohen Kosten. Dagegen hatte Portugal längst aufgerüstet: An den Stränden gab es funktionierende Ampelsysteme für die Hauptsaison, bei Grün war noch Platz fürs Handtuch, bei Rot gings in die nächste Bucht. Sogar auf dem Friedhof unseres verschlafenen Dorfes gab es Desinfektionsmittelspender. Und Masken für jeden, gratis.

Noch wichtiger aber: Während die deutschen Bürger schon im Herbst Corona-müde waren, hatten die Portugiesen den ganzen Sommer nochmal durchatmen können, die Händler hatten Geld verdient, die Gastronomen und Hoteliers für den Winter vorgesorgt. Genau deshalb ließ sich der harte Lockdown für die Portugiesen ertragen, während sich in Deutschland schon lange kaum jemand an die meisten Kontaktbeschränkungen hält - auch wegen ihrer Lebensfremdheit und deshalb, weil es scheint, als würden nur die Bürger in die Pflicht genommen, nicht aber die Wirtschaft. Als würde gegängelt um des Gängelns willen und nicht deshalb, um ein Ziel zu erreichen. Genau deshalb sinken die Zahlen hier nicht, weil die Kontakte eben nicht mehr reduziert werden.

Genau deshalb hängt Deutschland seit November in einem halben "Lockdownchen", müssen Gastronomen, Händler, Hoteliers, Künstler längst um ihre Existenz bangen - und ein Ende ist nicht in Sicht. Dass Mitte April alles wieder aufgemacht wird - wer glaubt noch daran? Es ist ein Lockdown ohne Ende - und die Zahlen werden weiter steigen, weil mehr getestet wird, aber auch, weil die Bürger so müde sind. Portugal aber macht die Dinge weiter richtig: Die Bürger haben geliefert, und nun werden die Einschränkungen zurückgenommen: Festgelegte Öffnungsschritte im Zweiwochenrhythmus, bis 3. Mai werden auch alle Restaurants und Kultureinrichtungen sogar wieder innen öffnen dürfen. So hat jeder Bürger und jeder Unternehmer eine Perspektive, kann sich orientieren und durchhalten.

Während hier noch immer nicht klar ist, wann dieser Alptraum endet. Mit Verweis auf eine Mutante, die sich in den Griff kriegen lässt - das kleine Portugal hat es bewiesen.

Quelle: ntv.de

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