Politik
Rebellen-Kämpfer bei Straßengefechten mit den Getreuen von Muammar al-Gaddafi in Sirte.
Rebellen-Kämpfer bei Straßengefechten mit den Getreuen von Muammar al-Gaddafi in Sirte.(Foto: dpa)
Donnerstag, 13. Oktober 2011

Sohn Gaddafis wohl festgenommen: Rebellenfahne weht über Sirte

Die Truppen der libyschen Übergangsregierung stehen offenbar kurz vor der Einnahme von Sirte. Die Geburtsstadt des ehemaligen Machthabers Gaddafi sei zu 80 Prozent unter Kontrolle, melden die Rebellen. Jubel löst die Nachricht von der Festnahme von Mutassim Gaddafi aus, allerdings gibt es dafür noch keine Bestätigung.

Die Milizen des libyschen Übergangsrates haben ihre Kontrolle über die Hafenstadt Sirte weiter ausgebaut. Kämpfer des gestürzten Diktators Muammar al-Gaddafi leisteten nur noch vereinzelt Widerstand. Der Fernsehsender BBC zeigte Bilder, auf denen zu sehen war, wie Milizionäre im Zentrum von Sirte die grüne Fahne des Gaddafi-Staates von den Masten rissen und durch die rot-schwarz-grüne libysche Flagge aus der Vor-Gaddafi-Zeit ersetzten.

Mutassim Gaddafi auf einer Konferenz in Sirte (ohne Datum).
Mutassim Gaddafi auf einer Konferenz in Sirte (ohne Datum).(Foto: dpa)

Auf den Straßen wurde auch die angebliche Festnahme von Gaddafis Sohn Mutassim gefeiert, der zuletzt nationaler Sicherheitsberater und Kommandeur der Prätorianergarde seines Vaters gewesen war. Er habe versucht, mit seiner Familie in einem Auto aus Sirte zu fliehen, bestätigten mehrere hochrangige Vertreter des Übergangsrats, darunter der Chef des Revolutionsrates in Tripolis, Abdulla Naker.

Mitglieder der neuen Regierung berichteten, Mutassim sei zum Verhör auf einen Militärstützpunkt nach Benghasi gebracht worden. Er sei erschöpft, aber unverletzt. Um sich nicht zu erkennen zu geben, trage er sein Haar kürzer als früher. Offenbar gibt es aber auch Zweifel an der Festnahme. "Es ist nicht wahr, dass Mutassim gefangen worden ist", sagte ein Kommandeur der Kämpfer des Nationalen Übergangsrates, Wissam Ben Ahmed.

Eine der letzten Hochburgen fällt

Die Nachricht von der Festnahme Mutassim Gaddafis löste Jubel aus.
Die Nachricht von der Festnahme Mutassim Gaddafis löste Jubel aus.(Foto: REUTERS)

Gaddafi selbst ist nach seiner Vertreibung aus Tripolis durch die Milizen des Übergangsrates vor sechs Wochen untergetaucht. Beobachter vermuten den Ex-Diktator im Grenzgebiet zwischen Libyen, dem Niger und Algerien. Am Mittwoch war in Sirte bereits Scheich Chalid Tantusch, ein Vertrauter Gaddafis, der bis zuletzt zu ihm gehalten hatte, gefangen genommen worden.

Unklar ist auch, was eine Verhaftung des prominenten Vertreters des alten Regimes für die Kämpfe um Sirte bedeuten würde. Die Stadt gilt neben Bani Walid als die letzte Hochburg Gaddafis. Mutassim hat nach Angaben der neuen Regierung zuletzt den Widerstand der Anhänger seines Vaters in Sirte angeführt. Befehlshaber der Übergangsregierung sagten vor Ort, inzwischen seien 80 Prozent von Gaddafis Geburtsstadt unter ihrer Kontrolle.

Amnesty rügt Rebellen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International enthüllte indes in einem neuen Bericht aus Libyen, dass die neuen Behörden gefangene Pro-Gaddafi-Soldaten, Gaddafi-Loyalisten und angebliche Söldner - meist Gastarbeiter aus Schwarzafrika - systematisch misshandeln. Willkürliche Festnahmen, Schläge und Folter seien weit verbreitet, heißt es in dem Bericht.

Menschenrechtsorganisationen prangern Misshandlungen von Gefangenen an.
Menschenrechtsorganisationen prangern Misshandlungen von Gefangenen an.(Foto: REUTERS)

Es sei ein großes Risiko zu erkennen, dass "Verhaltensmuster der Vergangenheit wiederholt" würden. "Willkürliche Festnahmen und Folter waren ein Kennzeichen der Herrschaft von Oberst Gaddafi", sagte Hassiba Hadsch Sahraoui, der stellvertretende Amnesty-Chef für den Nahen Osten und Nordafrika.

Die Gefangenen würden meist ohne Haftbefehle festgehalten. Die Gefängnisse und Lager würden von den Milizen und von örtlichen Verwaltungen betrieben werden, ohne Aufsicht durch das Justizministerium des Übergangsrates. Der Bericht geht auch auf den Fall eines 17-Jährigen aus dem Tschad ein, der Ende August verhaftet worden war. Nach eigenen Angaben sei er so schwer gefoltert worden, dass er "gestanden" habe, ein "Söldner" und "Vergewaltiger" zu sein.

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Quelle: n-tv.de