Politik

Putins digitale JugendbrigadenRusslands Schüler sollen das Internet überwachen

07.05.2026, 16:07 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt
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Schüler und Jugendliche sollen in sozialen Medien wie vk nach verbotenen Inhalten Ausschau halten. (Foto: picture alliance / Picvario Media)

Russland schickt Schüler und Studenten als digitale Hilfszensoren ins Netz: Neue "Kiberdruschinen" sollen soziale Medien überwachen und Inhalte direkt an Behörden melden. Kritiker sprechen von staatlich organisiertem Denunziantentum.

Die russische Regierung hat einen weiteren Schritt unternommen, um Jugendliche aktiv in die staatliche Kontrolle des Internets einzubinden. Am 30. April 2026 unterzeichnete Premierminister Michail Mischustin das Regierungsdekret Nr. 1030-r. Damit wurde ein umfassender Maßnahmenkatalog zur "Prävention negativer sozialer Phänomene in der Kinder- und Jugendumgebung" für die Jahre 2026 bis 2030 offiziell in Kraft gesetzt. Der von der Bundesagentur für Jugendsachen, Rosmolodjosch, erarbeitete Plan umfasst insgesamt 41 konkrete Maßnahmen und wurde in enger Abstimmung mit mehr als 70 Regionen sowie zahlreichen Bundesbehörden wie dem Bildungsministerium, dem Innenministerium, der Rosgvardija und weiteren Stellen entwickelt.

Im Zentrum des neuen Plans steht der systematische Ausbau sogenannter Kiberdruschinen und Mediapatrouillen. Diese Gruppen gibt es bereits seit 2023 als freiwillige Initiativen an Schulen, Berufsschulen, Colleges und Universitäten. Nun sollen sie flächendeckend aktiviert, professionalisiert und landesweit ausgebaut werden. Die teilnehmenden Schüler und Studierenden werden dazu angehalten, soziale Netzwerke wie Telegram, VKontakte, YouTube, verschiedene Messenger-Dienste, Foren und Videoplattformen regelmäßig und systematisch zu durchsuchen.

Alle Regionen müssen liefern

Ihr Auftrag besteht darin, Materialien aufzuspüren, die Minderjährige in gefährliche oder verbotene Aktivitäten verwickeln könnten. Dazu zählen unter anderem Inhalte zu Suizidpropaganda, Drogenkonsum und -werbung, Cybermobbing, sogenannte Fake News, Aufrufe zu Angriffen auf Bildungseinrichtungen sowie weitere als schädlich eingestufte Beiträge. Die gefundenen Inhalte werden direkt an die zuständigen Behörden gemeldet, woraufhin Roskomnadzor sie in der Regel zügig blockiert.

Rosmolodjosch beschreibt diese Arbeit als freiwillige und sinnvolle Tätigkeit junger Menschen zum Schutz ihrer eigenen Generation. Die Koordination übernehmen die regionalen Jugend- und Bildungsbehörden, die auch dafür sorgen sollen, dass möglichst viele Schüler und Studierende, insbesondere aktive und engagierte, in die Gruppen einbezogen werden. Regionale Bildungsverwaltungen müssen künftig jährlich Bericht erstatten, wie viele solcher Gruppen aktiv sind und welche Ergebnisse sie erzielt haben. Die Berichte gehen an das Bildungsministerium und das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung.

Der Plan beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Überwachung des Internets. Regionalregierungen erhalten den klaren Auftrag, verstärkt Minderjährige zu identifizieren, die möglicherweise rechtswidrige Handlungen planen, welche auf eine Destabilisierung der Lage abzielen. Dazu gehören nicht nur konkrete Gewalttaten, sondern auch die Verbreitung unzuverlässiger Informationen oder die Beteiligung an nicht genehmigten Veranstaltungen. Zusätzlich soll ein Mechanismus geschaffen werden, der es ermöglicht, Berichte über Angriffe auf Schulen, Szenen von Gewalt und Grausamkeit mit Beteiligung Minderjähriger in regionalen Medien und populären Communities rasch einzuschränken oder zu blockieren.

Sie nennen es Jugendschutz

Weitere Elemente des 41-Punkte-Plans umfassen intensivere Präventionsarbeit in Schulen und Hochschulen, die stärkere Einbindung des staatsnahen Jugendprojekts "Dwis henije Perwych" (Bewegung der Ersten), die Durchführung patriotischer und heroisch-patriotischer Veranstaltungen sowie die psychologische Begleitung von Jugendlichen, die bereits auf Präventionslisten stehen. Auch die Einbeziehung jugendlicher Straftäter in kulturelle und patriotische Programme ist vorgesehen. Rosmolodjosch soll zudem jährlich dem Regierungsapparat über die Fortschritte berichten.

In der offiziellen Darstellung dient das gesamte Vorhaben dem Schutz der jungen Generation vor echten Gefahren wie Suizid-Content, Drogen und der Nachahmung von Schulangriffen. Rosmolodjosch und die Regierung verweisen darauf, dass Jugendliche die Sprache und die Plattformen ihrer Altersgruppe am besten kennen und daher besonders effektiv bei der Erkennung problematischer Inhalte seien. Der Ansatz werde bereits seit einigen Jahren erprobt und habe sich bewährt.

Weites Feld der Strafbarkeit

Kritiker hingegen sehen in dem Plan eine systematische Erziehung zu Denunziantentum und eine weitere Verschärfung der gesellschaftlichen Kontrolle. Unabhängige Medien wie TV Doshd betonen, dass Begriffe wie "destabilisierend", "unzuverlässig" oder "gefährlich" sehr weit ausgelegt werden können. Regimekritische Stimmen, Protestaufrufe oder unabhängige Berichterstattung ließen sich damit leicht als Bedrohung einstufen. In einem Land, in dem das Internet ohnehin stark reguliert ist - mit umfassenden Blockaden, strengen Fake-News-Gesetzen und professionellen Überwachungsstrukturen - bedeute die Einbindung von Schülern und Studierenden als digitale Hilfszensoren eine neue Qualität der Kontrolle. Statt allein auf Algorithmen oder bezahlte Moderatoren zu setzen, mobilisiere der Staat nun Tausende junge Menschen, die oft mit dem Gefühl handelten, etwas Gutes und Wichtiges für die Gesellschaft zu tun.

Das Dekret reiht sich ein in eine ganze Reihe von Maßnahmen der letzten Jahre, mit denen die russische Führung die junge Generation gleichzeitig erziehen, mobilisieren und kontrollieren will. Dazu gehören patriotische Jugendorganisationen, militärische Ausbildungselemente in Schulen, verstärkte ideologische Arbeit und die Überwachung sozialer Medien. Vor dem Hintergrund des andauernden Krieges, wirtschaftlicher Herausforderungen und möglicher innerer Unruhen setzt die Regierung offenbar verstärkt darauf, potenzielle abweichende Meinungen frühzeitig zu erkennen und zu unterbinden.

Bis 2030 sollen die Kiberdruschinen und Mediapatrouillen in allen Regionen Russlands fest etabliert sein. Ob dieses Modell tatsächlich wirksam vor realen Gefahren schützt oder vor allem der Meinungs- und Verhaltenskontrolle dient, wird die Praxis der kommenden Jahre zeigen. Fest steht jedoch, dass die russische Jugend künftig nicht nur Objekt, sondern auch aktiver Akteur staatlicher Internetüberwachung sein soll.

Quelle: ntv.de