Kriegsbefürworter wenden sich abPutins Propaganda-Blase zeigt Risse
Von Artur Weigandt
Seit Beginn des Jahres wächst die Kritik an Russlands Kriegsführung - nicht aus der Opposition, sondern aus dem eigenen Lager. Militärblogger, Hardliner und Influencer wenden sich gegen den Kreml. Das stabilisiert das System - und untergräbt es zugleich.
In der russischen Propagandasphäre zeigen sich seit Anfang 2026 Risse. Es sind Risse, die nicht zwischen Regime und Opposition verlaufen, sondern quer durch das bislang Putin-treue Lager. Ausgerechnet jene Stimmen, die den Krieg seit 2022 verteidigt und propagandistisch abgesichert haben, kritisieren ihn nun öffentlich: Hardliner, Militärblogger, ehemalige Separatistenführer und einflussreiche Influencerinnen sprechen über militärische Fehlentwicklungen, Zensur und wirtschaftlichen Druck, teilweise auch über Präsident Wladimir Putin selbst. Die Kritik aus dem Inneren rüttelt an einem System, das bis dato von demonstrativer Geschlossenheit lebte.
Eines der markantesten und am stärksten diskutierten Beispiele ist der Anwalt und Blogger Ilja Remeslo. Der 42-Jährige galt jahrelang als treuer Putin-Verteidiger und Denunziant: Er hatte Oppositionelle wie Alexej Nawalny juristisch verfolgt und war Mitglied der Öffentlichen Kammer der Russischen Föderation, einem handverlesenen Kontrollgremium des Kremls.
Am 17. März 2026 veröffentlichte Remeslo auf seinem Telegram-Kanal mit rund 120.000 Abonnenten ein Manifest unter dem Titel "Fünf Gründe, warum ich aufgehört habe, Wladimir Putin zu unterstützen". Remeslo bezeichnete Putin als "illegitimen Präsidenten", "Kriegsverbrecher" und "Dieb". Er warf dem Staatschef vor, Russland in einen "Sackgassenkrieg" gegen die Ukraine gestürzt zu haben, der Millionen Opfer fordere, die Wirtschaft ruiniere, die Internet- und Medienfreiheit ersticke und das Land insgesamt zerstöre. Schließlich forderte er den Rücktritt Putins und ein Tribunal.
Am Tag nach der Veröffentlichung wurde Remeslo in eine psychiatrische Klinik in St. Petersburg eingewiesen - eine klassische sowjetische Methode der Repression. Nach etwa einem Monat kam Remeslo Ende April 2026 frei. Doch anstatt zu schweigen, setzte er seine Kritik fort und berichtete von den Zuständen in der Einrichtung.
Stützpfeiler der Propaganda wackeln
Remeslo ist bei weitem nicht der Einzige. Die Kritikwelle erfasst auch die Szene der pro-russischen Militärblogger. Kanäle wie Rybar (betrieben von Michail Swintschuk) und Dutzende weitere Kriegsfluencer, die bisher als Stützpfeiler der Kriegspropaganda galten, berichten nicht mehr nur von taktischen Problemen an der Front- sie kritisieren zunehmend die politische Führung, stagnierende Offensiven, hohe russische Verluste, Korruption und eine "tote Propaganda".
Die Zahl kritischer Beiträge in diesen Kreisen stieg in den Wochen nach März 2026 spürbar an. Zuvor hatte Moskau die Zensur der letzten halbwegs freien Plattformen wie Telegram spürbar angezogen, während es an der Front aus russischer Sicht nur schlimmer wurde. Experten beobachten seither einen wachsenden "Split" innerhalb der Z-Szene - Z ist noch immer Symbol der sogenannten Militärischen Spezialoperation: Während ein Teil etabliert und loyal bleibt, äußern vor allem frontnahe Blogger, Freiwillige und Mediziner mit wachsender Offenheit Opposition.
Ein weiterer prominenter Fall ist Pavel Gubarev, einer der ersten und bekanntesten Separatistenführer der "Volksrepublik Donezk" im Jahr 2014. In Interviews, unter anderem mit dem russischen Journalisten Yuri Dud, distanzierte er sich scharf von Putin, den er als "Zufallsfigur" und "Puppe" bezeichnete. Gubarev sprach von katastrophalen Verlusten, fehlenden klaren Kriegszielen und der Ausbeutung der besetzten Gebiete durch eine korrupte Elite. Auch er wurde bereits wegen "Diskreditierung der Streitkräfte" belangt.
Ähnlich positioniert sich der bekannte Milblogger Yuri Podolyaka, der lange als glühender Kriegsbefürworter auftrat. Kürzlich lobte er die Kampfkraft der ukrainischen Armee, warnte vor dem Scheitern der geplanten russischen Frühjahrsoffensive und prognostizierte hohe russische Verluste bei einer Fortsetzung der Angriffe. Solche Aussagen aus dem eigenen Lager wiegen in Russland besonders schwer.
"Das Volk hat Angst vor dir"
Besonders auffällig ist die Kritik aus dem Spektrum der populären Influencerinnen, die ein breites, vor allem weibliches Publikum erreichen. Viktorija Bonja (Victoria Bonya), bekannt aus der Reality-Sendung "Dom-2" und mit Millionen Followern auf Instagram, veröffentlichte Mitte April 2026 ein 18-minütiges Video direkt an Putin. Darin erklärte sie: "Das Volk hat Angst vor dir, Blogger, Künstler und Gouverneure haben Angst vor dir."
Sie listete drängende Alltagsprobleme auf - Überschwemmungen, Umweltkatastrophen, Internet-Blackouts, wirtschaftlichen Druck auf kleine Unternehmen und massive Zensur - und warnte, die Menschen könnten irgendwann "nicht mehr Angst haben" und wie eine "gespannte Feder" zurückschlagen. Gleichzeitig betonte sie, Putin sei ein "starker Politiker", der nur schlecht informiert werde. Das Video erreichte über 26 Millionen Aufrufe.
Bonja war zuvor eine loyale Stimme: Sie hatte die "Spezialoperation" befürwortet, sprach häufig von "Patrioten" statt von "Russen" und positionierte sich als Corona-Leugnerin und Impfgegnerin. Ihre Kritik löste daher innerhalb der Z-Szene einen heftigen Backlash aus. Kritiker warfen Bonja Heuchelei vor und hoben hervor, dass sie in russischen Propagandasendungen von männlichen Kollegen als "Scha'lawá" (Schlampe) bezeichnet werde.
"Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht"
Bonja ist zudem Gesicht einer aufkommenden rechtsextrem-libertären Sammlungsbewegung. Weitere Stimmen aus dem patriotischen Lager verstärken den Trend. So kritisierte die bekannte TV-Moderatorin Katya Gordon zuletzt scharf, dass Putin durch "fremde Kräfte" abgelenkt werde und eine "fünfte Kolonne" im Inneren arbeite. Sie forderte mehr Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden und sieht eine Gefahr für die Stabilität vor den nächsten Wahlen - ein klassisches "Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht"-Narrativ.
Hintergrund sind wachsende militärische Verluste, zunehmender wirtschaftlicher Druck und steigende Kriegsmüdigkeit. Die Propagandablase zeigt Risse. Der Kreml reagiert mit Repression und kontrolliertem Zulassen von Kritik. Viele Stimmen bleiben im Systemrahmen: Sie lehnen den Krieg nicht grundsätzlich ab, sondern kritisieren dessen Kosten und Ineffizienz.
Doch gerade hierin liegt die Sprengkraft: Diese Kritik stabilisiert das System, weil sie Unzufriedenheit kanalisiert - und untergräbt es zugleich, weil sie Zweifel im eigenen Lager sichtbar macht. Die Z-Blase kollabiert nicht, aber sie wird poröser.