Politik
Montag, 23. Mai 2011

Viele Tote bei Gefechten in Sanaa: Saleh lässt Stämme angreifen

Jemens Präsident Saleh düpiert im Kampf um die Macht nicht nur die Vermittlungsbemühungen des Golf-Kooperationsrats, sondern setzt auch weiterhin auf Gewalt. Er lässt Elitetruppen das Anwesen seines Rivalen Al-Ahmar angreifen. Doch der wehrt sich. Bei den Gefechten mitten in Sanaa kommen mindestens 18 Menschen ums Leben.

Die Proteste in Sanaa gehen weiter - bis Saleh zurückgetreten ist.
Die Proteste in Sanaa gehen weiter - bis Saleh zurückgetreten ist.(Foto: REUTERS)

Einen Tag nach dem Scheitern internationaler Vermittlungsbemühungen um einen würdigen Abgang des Langzeit-Präsidenten Ali Abdullah Saleh ist der Machtkampf in Sanaa eskaliert. Saleh-treue Elitetruppen griffen das Haus des rivalisierenden Stammesscheichs Sadik al-Ahmar an, berichteten Augenzeugen. Bei dem stundenlangen Gefecht starben mindestens 18 Menschen, 40 weitere wurden verletzt, berichtete die Internet-Seite "yemenpost.net". Unter den Toten seien zehn Regierungssoldaten, sechs Stammeskämpfer Al-Ahmars und zwei somalische Passanten gewesen.

Mindestens 100 Regierungssoldaten, unter ihnen Angehörige der Republikanischen Garden, versuchten, das Anwesen Al-Ahmars im Zentrum von Sanaa zu stürmen. Bei den erbitterten Kämpfen wurde der benachbarte Sitz der staatlichen Luftfahrtgesellschaft Yemenia Airways in Brand gesteckt. Schüsse schlugen auch im benachbarten Gebäude der staatlichen Nachrichtenagentur Saba ein. Ein Redakteur wurde durch eine Kugel am Bein verletzt.

"Ernsthaft verbrecherisches Vorgehen"

Al-Ahmars Stammeskämpfer nahmen indes Augenzeugen zufolge das Gebäude des Handelsministeriums in Sanaa ein. Sadik al-Ahmar gehört zu den Stammesführern der Haschid. Sein Bruder Hamid wurde schon als möglicher Nachfolger Salehs gehandelt, der in Sanaa seit 1978 regiert. Das Oppositionsbündnis JMP verurteilte den Angriff aufs schärfste. "Wir betrachten das als ein ernsthaft verbrecherisches Vorgehen", erklärte der JMP-Vorsitzende Mohammed Kahtan.

Nur klebt der Präsident an der Macht.
Nur klebt der Präsident an der Macht.(Foto: dpa)

Dem blutigen Angriff auf einen potenziellen Rivalen waren Bürgerkriegsdrohungen Salehs vorausgegangen. Dieser hatte sich am Sonntag zum dritten Mal in Folge geweigert, seine Unterschrift unter eine Vereinbarung zu setzen, die einen friedlichen Machtwechsel im Jemen vorgesehen hätte. Die Unterschrift hätte die wichtigste Forderung der Demonstranten erfüllt, die seit Anfang Februar den Rücktritt des Präsidenten fordern. Stattdessen erklärte Saleh, die Opposition riskiere einen Bürgerkrieg, "für den sie dann die Verantwortung tragen muss".

GCC bricht Vermittlung ab

Das Festhalten Salehs an der Macht hatte auch zum vorläufigen Abbruch der Vermittlungsbemühungen des Golf-Kooperationsrates (GCC) geführt, der die Vereinbarung über eine geordnete Abgabe der Macht ausgehandelt hatte. Wie der GCC mitteilte, habe man die Initiative wegen "fehlender geeigneter Bedingungen" ausgesetzt. Das Oppositionsbündnis JMP hatte das Dokument bereits paraphiert. GCC-Diplomaten hatten es in den vergangenen Wochen schon zwei Mal in ähnlicher Form vorgelegt. Doch Saleh hatte sich jedes Mal buchstäblich in letzter Minute geweigert, seine Unterschrift unter den Plan zu setzen.

Saleh hatte von vornherein ein doppeltes Spiel gespielt. Bis zuletzt hatte er Zustimmung signalisiert. Als er am Sonntag die Vereinbarung hätte unterzeichnen sollen, schickte er einen bewaffneten Mob zur Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), wo ihn GCC-Generalsekretär Abdul Latif al-Sajjani sowie EU- und US-Diplomaten zur Signierung erwartet hatten. Die hohen Gäste mussten mit Helikoptern ausgeflogen werden.

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Quelle: n-tv.de