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Wohin mit Francos Leichnam? Spaniens Diktator soll exhumiert werden

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An Francos 43. Todestag wurde im vergangenen Jahr an seinem Grab in einer Basilika im "Tal der Gefallenen" eine Messe für den Diktator gefeiert.

(Foto: REUTERS)

Seit Jahrzehnten streitet Spanien über den richtigen Umgang mit Franco. Die amtierende Regierung will sein Grab im "Tal der Gefallenen" öffnen, um den einstigen Diktator umzubetten. Doch die Zeit wird knapp.

Die sterblichen Überreste des Diktators spalten die spanische Bevölkerung. "Fasst ihn nicht an", schreien die einen. "Endlich fort mit ihm", rufen die anderen. Unversöhnlich stehen sich die Lager seit Jahrzehnten gegenüber. Jetzt will Spaniens sozialdemokratischer Premierminister Pedro Sánchez die Angelegenheit endlich befrieden. Dazu ordneten er und sein Kabinett am Freitag die Verlegung des Leichnams von General Franco aus dem Tal der Gefallenen, 60 Kilometer nordwestlich von Madrid, binnen 15 Tagen an.

Doch ob der Zeitrahmen juristisch haltbar ist, und wohin Francos letzte Reise überhaupt führen soll, ist noch völlig unklar. Nach Befriedung sieht es kurzfristig jedenfalls nicht aus, weil die Enkel des Diktators sowie Ultrarechte und auch viele Konservative Widerstand leisten. Sánchez und seine Leute seien wie "besessen" von Franco, lautet der Vorwurf der konservativen Oppositionspartei Partido Populares (PP).

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"Generalissimus" Francisco Franco führte von 1936 bis zu seinem Tod 1975 eine klerikalfaschistische Diktatur in Spanien.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Anfang Februar hatte die Regierung 656 Kommunen angewiesen, "umgehend alle Wappen, Tafeln, Schilder und anderer Objekte" aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, die an die Diktatur erinnern. "Jedes Mal, wenn die Regierung in Schwierigkeiten steckt, blickt sie in die Vergangenheit und versucht, die Spanier gegeneinander aufzustacheln", sagte eine PP-Sprecherin.

Tatsächlich steht der Minderheitsregierung von Sánchez das Wasser bis zum Hals. Am Mittwoch lehnte das Parlament ihren Haushaltsentwurf für das Jahr 2019 ab. Sánchez blieb nichts anderes übrig, als Neuwahlen für den 28. April auszurufen. Die Zeit drängt also, will der Ministerpräsident Fakten schaffen und den heutigen Wallfahrtsort für die Anhänger des Diktators zu dem machen, was eigentlich seinem Sinn und Zweck entspricht: eine Gedenkstätte für die Opfer beider Seiten des Bürgerkrieges in den 1930er Jahren zu sein, den Franco angezettelt hatte. Denn sollten die Neuwahlen die Sozialisten zurück in die Opposition werfen, würde eine von der PP geführte Regierung die Exhumierung stoppen.

Für Franco-Anhänger ist Sánchez ein Kommunist

Die Konservativen argumentieren, man wolle keine alten Wunden aufreißen, und die Vergangenheit ruhen lassen. Sie trifft damit einen Nerv bei vielen Landsleuten, die nicht zwingend PP wählen, aber sagen, sie seien der Auseinandersetzung müde. Doch es gibt auch ausreichend Befürworter für eine öffentliche Aufarbeitung des franquistischen Regimes. Franco regierte das Land zwischen 1939 und 1975 mit diktatorischer Härte. Hunderttausende litten oder starben wegen seiner Politik. Sozialisten und Linke sehen daher dringend Gesprächsbedarf, um die Opfer angemessen zu würdigen. Dazu gehöre auch, das öffentliche Gedenken an die Diktatur zu beenden. Laut dem spanischen Statistikinstitut INE gibt es immer noch 1171 Straßen und Plätze im Land, die nach Regierungsmitgliedern aus der Franco-Ära benannt sind.

Silvia Navarro kämpft seit rund zehn Jahren dafür, dass die Überreste der Opfer von Francos Nationalisten aus dem Tal der Gefallenen verlegt werden können. Der Leichnam ihres Großonkels war einst ohne Einwilligung der Familie dorthin gekarrt worden. Doch Navarro will nicht, dass ihr Verwandter am gleichen Ort wie Franco begraben bleibt. "In Spanien existiert immer noch ein soziologischer Franquismus, der unfähig ist, mit grundsätzlichen menschenrechtlichen Angelegenheiten umzugehen", klagt Navarro im Gespräch mit n-tv.de. Den Konservativen wirft sie vor, sie seien "politisch und sozial eng verknüpft mit den Personen und Ideen aus dem vordemokratischen Zeitalter".

Was die PP angeht, ist die Verbindung mit dem Franco-Regime unbestritten. Viele Profiteure der Wirtschaftspolitik unter dem Diktator bilden heute das Rückgrat der oberen Mittelklasse Spaniens. Gemein war den Unterstützern mindestens der Hass auf die Kommunisten. Selbst die sozialistische PSOE von Premierminister Sánchez wird heute noch von vielen Franco-Befürwortern als kommunistisch eingestuft.

Die PP war 1989 aus der rechtskonservativen Alianza Popular (AP) hervorgegangen. Ihr erster Vorsitzender wurde Francos einstiger Tourismus- und Informationsminister Manuel Fraga. Auch der spätere spanische Regierungschef José María Aznar führte noch zu Lebzeiten des Diktators eine rechte Studentenorganisation. In den 1980er Jahren war er AP-Generalsekretär, später Chef der PP. Fraga, der 1969 unter Protesten das Bundesverdienstkreuz erhielt für seine Bemühungen um die deutsch-spanischen Beziehungen, galt als sein politischer Ziehvater.

Die Zeit spielt für Francos Enkel

In diesem politischen Klima ziehen Gegner Francos viel Unmut und manchmal auch Hass auf sich. In dieser Woche wurden die Gräber von PSOE-Gründer Pablo Iglesias Posse und der einstigen Kommunistenführerin Dolores Ibárruri mit Farbe bepinselt. Wobei Vandalismus kein Exklusivvergehen der Rechten ist. Auch das Franco-Grab wurde im November vergangenen Jahres mit roter Farbe besudelt.

Francos Nachfahren jedenfalls reagieren trotzig und haben einen Gang durch alle rechtlichen Institutionen bis zum Obersten Gericht angekündigt. Zwar wären die Enkel bereit, den umstrittenen Großvater in ihrer privaten Familiengruft in der Kathedrale Almudena in Madrid zu begraben. Doch diesen Kompromiss schließt die Regierung kategorisch aus, weil sie Angst hat, eine Gedenkstätte im Herzen der Hauptstadt zu schaffen und den Streit damit noch anzufeuern. Der Anwalt der Familie verkündete deshalb: "Die einzige Alternative ist, dass der Leichnam dort bleibt, wo er ist."

Die Zeit spielt für Francos Enkel. Auch der Verwalter der Basilika im Tal der Gefallenen legte bereits sein Veto ein und verweigerte seine Kooperation für eine Umbettung des Toten. Die Regierung bezieht ihr Handeln auf das neue Gesetz zur geschichtlichen Erinnerung aus dem Jahr 2007. Ob das ausreicht, werden wohl Gerichte feststellen. Die 15-tägige Frist scheint unter diesen Umständen unmöglich einzuhalten sein. Selbst bis zu den Neuwahlen in zweieinhalb Monaten könnte die Zeit für eine Entscheidung knapp werden.

Quelle: n-tv.de

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