Politik
In der Berliner U-Bahn läuft der Schriftzug "Bitte achten Sie auf verlassene Gegenstände und Gepäckstücke" durch.
In der Berliner U-Bahn läuft der Schriftzug "Bitte achten Sie auf verlassene Gegenstände und Gepäckstücke" durch.(Foto: dpa)
Freitag, 19. November 2010

Rätselraten um den Dummy von Windhuk: Sprengstoffzusatz am Flughafen Rostock

Keine Bombe in Windhuk, dafür aber weiter Terrorangst in Deutschland: Nach der Entwarnung in Namibia bleibt die Frage, wer den Test-Koffer dort platziert hat? Deutschland war es nicht. Derweil entdecken Beamte in Rostock-Laage Sprengstoffzusatz bei einer Reisenden in Richtung Türkei. Auch sorgen herrenlose Gepäckstücke vermehrt für Aufregung.

Die verschärften Sicherheitskontrollen nach den Terrorwarnungen in Deutschland zeigen Wirkungen. Sicherheitsbeamte auf dem Flughafen Rostock-Laage haben bei einer Kontrolle am Abend eine Tasche mit einem Mittel entdeckt, das Sprengstoff zugesetzt wird. Die Laptop-Tasche gehöre einer 45-jährigen Frau aus dem Kreis Bad Doberan, die ins türkische Antalya fliegen wollte, teilte die Polizei in Rostock mit. Es habe sich um den Zusatzstoff TMG3 gehandelt, der selbst kein Sprengstoff sei. Er müsse aber laut einer EU-Richtlinie Sprengstoffen zwingend beigemengt werden.

Nachdem Auslösung des Alarms wurde der gesamte Flughafenbereich abgesperrt und der Munitionsbergungsdienst benachrichtigt. Das Flugzeug nach Antalya sei mit Verspätung abgeflogen, der weitere Flugbetrieb sei weder eingeschränkt noch behindert, hieß es.

Die verdächtige Tüte in Hannover wird zur Sprengung vorbereitet.
Die verdächtige Tüte in Hannover wird zur Sprengung vorbereitet.(Foto: dpa)

Zudem sorgen immer wieder herrenlose Gepäckstücke an mehreren Orten in Deutschland für Aufregung. So musste der Hauptbahnhof Hannover teilweise gesperrt werden, weil dort eine verdächtige Tüte entdeckt wurde. Sprengstoffexperten brachten einen Roboter zum Einsatz, der die Tüte mit einem Wasserstrahl zerschoss. Am Ende mussten drei Bahngleise geräumt und mehrere Züge umgeleitet werden. Hunderte Reisende waren betroffen und konnten ihre Fahrt erst mit Verspätung fortsetzen.

Auch auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof mussten Reisende eines ICE eine zweieinhalbstündige Zwangspause einlegen. Bombenentschärfer stellten schließlich fest, dass sich lediglich Kleidung in einem verdächtigen Gepäckstück befunden hatte. Auch in Sachsen-Anhalt mussten Experten des BKA ausrücken. In der Innenstadt von Köthen erregte ein verdächtiges Behältnis die Aufmerksamkeit der Bürger. Die Experten entscheiden sich sicherheitshalber zur Sprengung des Fundstücks. Dafür mussten Teile der Innenstadt vorübergehend gesperrt werden.

Rätsel um die Platzierung des Dummys

Derweil konnte nach dem Bombenalarm auf dem Flughafen Windhuk in Namibia Entwarnung gegeben werden. Bei dem verdächtigen Gepäckstück handelte es sich um eine Attrappe, wie Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in Hamburg mitteilte. Solche Koffer würden hergestellt und verwendet, um Sicherheitsmängel aufzudecken. In dem Koffer sei kein Sprengstoff gewesen, Gefahr für Flugpassagiere habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. Unklar blieb zunächst, wer den sogenannten Realtest-Koffer einer Firma aus den USA im afrikanischen Windhuk platzierte.

Wer ist verdächtig?
Wer ist verdächtig?(Foto: dpa)

Das Bundesinnenministerium schloss eine Beteiligung deutscher Behörden an der Platzierung des Koffers definitiv aus. "Deutsche Behörden waren nicht beteiligt", sagte ein Ministeriumssprecher am Abend. Alles Weitere - etwa wer daran wie beteiligt gewesen sei - sei Gegenstand weiterer Prüfungen.

Auch die Fluggesellschaft Air Berlin erklärte, sie habe den Dummy nicht gekauft. Auch das BKA war nach eigenen Angaben nicht über den Test informiert. Tatsächlich hätten erst die nach Windhuk geschickten Mitarbeiter die Attrappe als solche entlarvt und dann den Innenminister informiert.

FBI informierte das BKA mit Verspätung

Die fragliche US-Firma – das kleine Unternehmen Copello aus Kalifornien – stellt Alarm- und Erkennungssysteme her. Firmenchef Larry Copello war bereits am Mittwoch vom FBI befragt worden und hatte den Testkoffer von Windhuk anhand von Fotos zweifelfrei identifiziert. Wie die Attrappe, die vermutlich vor vier Jahren von seiner 80-jährigen Schwiegermutter verdrahtet worden war - nach Namibia gelangt sei, könne er nicht sagen.

Unklar ist, weshalb der US-Sicherheitsdienst erst einen Tag später die deutschen Behörden über die Ungefährlichkeit des Test-Koffers informierten. So hatten erst BKA-Beamte nach Windhuk reisen müssen, um sich selbst ein Bild von der vermeintlichen Bombe zu machen.

Behörden tappen im Dunkeln

Die Koffer eines Reisenden auf dem Berliner Hauptbahnhof werden nach Sprengstoff untersucht.
Die Koffer eines Reisenden auf dem Berliner Hauptbahnhof werden nach Sprengstoff untersucht.(Foto: dapd)

Nach Einschätzung von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) tappen die Sicherheitsbehörden nach der Terrorwarnung weitgehend im Dunkeln. "Letztendlich weiß keiner von uns, wie belastbar solche Informationen sind", sagte er am Rande der Innenministerkonferenz in Hamburg. "Man muss immer wissen, dass gerade im Bereich des Islamismus auch sehr viel psychologische Kriegsführung stattfindet. Das heißt, dass wir alle in Angst und Schrecken versetzt werden sollen und möglicherweise am Schluss auch gar nichts passiert", so Herrmann Es gebe keinen besonderen Hinweis auf eine ganz bestimmte Stadt.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, verschärfen die Anti-Terror-Maßnahmen die ohnehin starke Belastung der Polizei. Für Dezember geplante Urlaube und freie Tage seien vielerorts gestrichen worden, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Dem widersprachen die Länder. Aktuell gebe es keine Erlasse für Urlaubssperren oder Planungen etwa für Weihnachten. "Wir haben personell keinerlei Reserven, wenn wir jetzt zusätzliche Dinge wie Observationsaufgaben übernehmen müssen", beklagte der Vizechef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Bernd Carstensen. "Wir sind personell an der Obergrenze."

Terrorwarnungen als politisches Instrument

Vor dem Hintergrund der Terrorwarnungen schwelt der Streit der schwarz-gelben Koalition über die Vorratsdatenspeicherung weiter. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnte in der "Süddeutschen Zeitung" davor, die Terrorwarnungen politisch zu instrumentalisieren. "Wir müssen besonnen bleiben."

Einzelne Politiker von Union und SPD dringen auf eine Neuregelung der Vorratsdatenspeicherung. Die dafür zuständige Justizministerin will aber nichts überstürzen. Im März hatte das Bundesverfassungsgericht die Regelung zur Vorratsdatenspeicherung gekippt. Seitdem dürfen Telefon- und Internetdaten nicht mehr ohne Anlass für sechs Monate gespeichert werden.

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Quelle: n-tv.de