Politik

Sprache entlarvt US-Präsidenten "Trump sieht sich als Inkarnation des Volkes"

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In seinen Reden wirkt Trump oftmals konfus - doch was er sagt, ist lange erprobt.

(Foto: REUTERS)

Seine Tweets sind berüchtigt, seine Reden bissig: Obwohl US-Präsident Donald Trump nicht unbedingt als sprachgewandt gilt, erreicht er mit seiner Rhetorik Millionen Amerikaner. Die beiden Mainzer Linguisten Ulrike Schneider und Matthias Eitelmann haben in Zusammenarbeit mit Sprachwissenschaftlern aus der ganzen Welt einen Sammelband herausgegeben, der die rhetorischen Tricks und besonderen Eigenheiten in der Sprache des Republikaners aufdeckt. Im Interview mit ntv.de erklären sie aber auch, was er mit seinem Körper sagen will.

ntv.de: Kurze Sätze, einfache Sprache, viele Wiederholungen - das ist bekannt über Trumps Redestil: Was macht seine Rhetorik darüber hinaus noch aus?

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Matthias Eitelmann und Ulrike Schneider.

(Foto: Privat)

Matthias Eitelmann: Trumps Sprache wurde oft betitelt als die eines Fünft- oder Sechstklässlers. Diese Annahme beruht auf einem Test, der vor allem die Lesbarkeit von schriftlichen Texten misst. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist gesprochene Sprache aber nicht vergleichbar mit geschriebener. Insofern sind solche pauschalen Annahmen mit Vorsicht zu genießen.

Also ist Trumps Rhetorik besser als ihr Ruf?

Eitelmann: Nicht unbedingt. Man kann schon sagen, dass sich Trump einer einfachen Sprache bedient und zu wiederholenden Mustern neigt. So kann er seine Botschaft sehr einfach ans Publikum vermitteln - auch wenn sie oftmals eher inhaltsleer ist.

Wer Trumps Wahlkampfauftritte verfolgt, könnte meinen, er rede einfach drauflos - ohne roten Faden. Wie überlegt ist denn seine Sprache?

Ulrike Schneider: Oft hat er einen Teleprompter. Dann ist der Text von seinen Mitarbeitern vorbereitet und natürlich sehr überlegt. Er weicht aber gern mal davon ab. Wenn er das tut, wiederholt er sich stärker. Vieles, was wie Drauflosreden wirkt, hat er aber in seinen Wahlkampfreden erprobt.

Trumps Interviews sind - wortwörtlich aufs Papier gebracht - oft kaum lesbar. Warum hören ihm seine Anhänger trotzdem so gern zu?

Schneider: Das funktioniert ein bisschen wie eine Unterhaltung unter Freunden. Da gibt's ja oft einen Moment, wo man lachen muss und sagt: "Wenn das jetzt einer von außen hören würde!" Im Freundeskreis sind wir alle eingeweiht. Wir wissen, wovon wir reden und wie etwas gemeint ist. Ein Außenstehender kann dem oft nicht mehr folgen. Wenn ein Präsident so mit mir redet, schafft das Nähe - ein Gemeinschaftsgefühl.

Sie meinen, es macht ihn nahbarer.

Genau. Das ist ein spannender Effekt. Bis vor 100 Jahren haben Politiker versucht, eine sehr eloquente Syntax zu benutzen - gerade in den großen, wichtigen Reden. Diese Transkripte waren unglaublich komplex. Das ist etwas, was wir heute eher in geschriebener Sprache erwarten würden. Früher redeten Präsidenten vor geladenen Gästen - also der gebildeten Elite. Erst als das Radio kam, hat man gemerkt, dass man zum Volk sprechen muss. Die Reden wurden also auf das Volk zugeschnitten. Es ging nicht mehr vorrangig darum, Kompetenz, sondern eher Volksnähe zu vermitteln. Dieser Trend hat sich mit dem Fernsehen fortgesetzt. Donald Trump ist mit seinen Tweets heute die extremste Weiterführung dieses Wandels. Er versucht, seine Volksnähe über ein Medium auszudrücken, das scheinbar ungefiltert seine Botschaften sendet, und über eine Sprache, die der aus der Kneipe näher ist als dem, was man sonst von Politikern gewöhnt ist.

Im Buch gehen Sie auf Trumps inflationären Gebrauch des bestimmten Artikels "the" ein. Auch "very" sagt er achtmal öfter als andere Politiker. Was bezweckt er damit?

Schneider: Das sind zwei ganz unterschiedliche Prinzipien. Bei "the" geht es darum, dass er den Definitartikel in Kombination mit Gruppen benutzt. Es macht einen Unterschied, ob ich sage: "Moslems feiern kein Weihnachten" oder "Die Moslems feiern kein Weihnachten". Letzteres suggeriert viel stärker, dass es sich um eine homogene Gruppe handelt, zu der man selbst nicht gehört: Im Fall von "die Moslems" sind alle gleich. Sie sind die anderen. Trump macht das nicht nur häufig bei ethnischen Minderheiten (wie etwa "the Hispanics" oder "the African-Americans"), sondern er sagt auch "the Democrats". Was er aber selten sagt, ist "the Republicans". Er benutzt den Artikel also nicht zufällig. Dahinter steckt ein linguistisches System.

Eitelmann: Intensivierer wie "very" werden in der Regel eingesetzt, um eine Botschaft zu unterstreichen. Was Trumps Gebrauch des Wortes so ungewöhnlich macht, ist, dass er es mit quantifizierenden Adjektiven verwendet - zum Beispiel mit "many" für "very many people" - oder mit nicht steigerbaren Adjektiven: "dishonest" oder "true". Die Begriffe "unehrlich" und "wahr" kann ich eigentlich nicht noch weiter überhöhen. Dass Trump es trotzdem macht, zeigt die besondere Emotionalität seiner Sprache. Auch andere Intensivierer wie "totally" nutzt er gern zusammen mit negativen Adjektiven, um seine Haltung zu Personen oder Institutionen zu unterstreichen.

Des Öfteren wurde Trump vorgeworfen, Menschen mit seiner Gut-Böse-Rhetorik zur Gewalt gegen Andersdenkende anzustacheln. Für wie gerechtfertigt halten Sie das?

Eitelmann: Dieses Abgrenzen in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, erkennt man sehr deutlich in seiner Rhetorik. Das ist typisch populistisch: Trump betont den Gegensatz zwischen Elite und Volk, wobei er das sehr stark auf sich selbst bezieht. Er sei derjenige, der gegen die Elite kämpft - als Retter des Volks.

Schneider: Für Trump ist die Elite eine politische, keine finanzielle - denn der gehört er ja selbst an. Sie attackiert er nicht, sondern er verschafft ihr Steuererleichterungen. Und auch der Bildungselite steht er eher skeptisch gegenüber, gerade wenn es um Corona-Befunde geht. Dieses System ist aber durchlässig. Einzelne Journalisten, die er anfangs sehr positiv bewertet hat, brachten einen Bericht, der ihm nicht passte - und plötzlich bekamen sie einen negativen Spitznamen und wurden der Elite zugerechnet. Wer Freund und wer Feind ist, kann sich sehr schnell ändern.

Trotzdem halten Sie Trump nicht für einen lupenreinen Populisten. Wieso nicht?

Schneider: Trump bedient sich zwar dieser standardrhetorischen Muster von einem klaren Gut und Böse. Er sagt zum Beispiel, dass dringendes Handeln erforderlich sei, um einen früheren, nicht näher benannten gloriosen Zustand wieder herzustellen. Aber er tut das alles nicht vordergründig für das Volk, sondern für den eigenen Wahlerfolg.

Wenn Sie auf die aktuelle Wahlkampfphase schauen: Haben Sie den Eindruck, dass Trump seine Sprache noch einmal weiterentwickelt hat?

Eitelmann: Er bleibt eher bei seinen bewährten Strategien - und führt sie in neue Extreme. Diese starken Abgrenzungen, seine Spitznamen für Gegner, das Ablehnen von wissenschaftlichen Meinungen zugunsten des anekdotischen Erzählens sind immer noch seine Mittel der Wahl.

Sie beschreiben ihn als Geschichtenerzähler.

Eitelmann: Das zeigt sich immer wieder im Diskurs um Umweltpolitik. Trump leugnet, dass es den Klimawandel gibt. Er diskreditiert sämtliche wissenschaftliche Befunde dazu und redet stattdessen darüber, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Er sei zum Beispiel selbst in brennenden Wäldern gewesen und habe festgestellt, dass schlechtes Forstmanagement die Ursache für die Feuer war. Er verpackt das in nette Anekdoten und ersetzt damit die Wissenschaft in ihrem Elfenbeinturm.

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Was halten Sie davon, wie er seine Anhänger in der Corona-Pandemie anspricht? Er bezeichnet das Virus ja häufiger auch als "China Virus"...

Schneider: Neben der politischen Elite können "die anderen", von denen Trump sich abgrenzen will, natürlich auch Leute von außen sein. Das Coronavirus "China Virus" zu nennen, ist da nützlich. Das macht das Virus zu etwas fremdem, unamerikanischem. In Trumps Umgang mit der eigenen Corona-Erkrankung steckt auch ein interessantes Symbolbild: Als Führerfigur muss er sich einerseits als außergewöhnlich präsentieren, weil er gewählt werden will. Andererseits führt die starke Trennung zwischen Elite und Volk dazu, dass er gewöhnlich wirken muss, um nicht der falschen Seite zugerechnet zu werden. Trump präsentiert sich teils sogar als eine Art Inkarnation des Volkes. Sein physischer Körper steht quasi für das Volk. Nach seiner Corona-Infektion stellt er es in seinen Reden jetzt so dar, als habe er die Erkrankung mit minimalen Symptomen hinter sich gebracht und das bedeute für ganz Amerika: Es ist gar nicht so schlimm. Nach dem Motto: Wenn es mir gut geht, geht es allen anderen auch gut.

Das erinnert ein bisschen an seinen Auftritt auf dem Balkon des Weißen Hauses, als er sichtlich nach Luft rang. Was sagt denn sein Körper, wenn Trump nichts mehr sagt?

Schneider: Als Linguisten schauen wir natürlich in erster Linie auf seine Wortwahl. Aber Trump spricht ja über seinen Körper - auch vor Corona schon. Die früheren Debatten um die Größe seiner Hände oder über seine Frisur wirkten zwar erst einmal lächerlich, aber sie passen in das Bild von seinem physischen Körper als Symbol für seine Politik: Wenn sein Körper schwach ist, ist auch seine Politik schwach. Er muss also argumentativ erreichen, dass er als stark empfunden wird. Deshalb lässt er sich auch auf diese Körperdiskussion ein.

Und es hilft ihm dabei, nicht inhaltlich werden zu müssen.

Eitelmann: Inhaltliches ist nicht Trumps Stärke. Er argumentiert nicht sachlich oder empirisch. Von daher sind solche Debatten für ihn eher eine Steilvorlage, auf emotionale Themen überzuschwenken.

Mit Ulrike Schneider und Matthias Eitelmann sprach Judith Görs.

Quelle: ntv.de