Umgang mit Soldaten angeprangertVeteran droht Putin und muss ins Gefängnis - aus ganz anderem Grund
Von Artur Weigandt
Alexander Lunin sorgt für Aufsehen in Russland: Die heftige Kritik des Veteranen am Umgang mit den eigenen Soldaten findet breite Zustimmung. Seine Forderung, mit Wladimir Putin persönlich sprechen zu dürfen, wirkt skurril. Die prompt erfolgte Haftstrafe ist scheinbar losgelöst von seinen Vorwürfen.
Ein Video, ein Ultimatum, eine Verhaftung binnen weniger Tage: Der Fall des russischen Kriegsveteranen Alexander Lunin hat in Russland für erhebliches Aufsehen gesorgt und ein Schlaglicht auf die Spannungen innerhalb der eigenen Streitkräfte geworfen. Binnen weniger Tage durchlief der 39-Jährige aus der Region Woronesch eine bemerkenswerte Kurve: vom unbekannten Soldaten-Blogger zur landesweit diskutierten Figur, vom mutmaßlichen Überbringer einer Botschaft des Kreml-Apparats zum Häftling einer Provinzbehörde.
Am 25. Juni veröffentlichte Lunin auf Instagram ein Video, das sich binnen Stunden rasant verbreitete. Je nach Quelle schwanken die Angaben zur Reichweite zwischen rund 5 und über 12 Millionen Aufrufen allein in den ersten 24 Stunden. Später war von bis zu 20 Millionen die Rede. Es war nicht Lunins erster Auftritt dieser Art: Bereits vier Tage zuvor hatte er ein ähnliches Video veröffentlicht, in dem er erstmals um eine Begegnung mit Präsident Wladimir Putin bat. Erst dieses frühere Video, so behauptete Lunin später, habe die Aufmerksamkeit ranghoher Stellen auf ihn gezogen.
In dem Video vom 25. Juni, in Tarnkleidung und mit Orden geschmückt, schilderte Lunin, am Vortag sei ein dunkler Geländewagen mit Vertretern des Verteidigungs- und des Innenministeriums an Bord vorgefahren. Diese hätten ihn gebeten, eine Botschaft an Putin weiterzuleiten: Man wolle "kein Blutvergießen", der Präsident müsse verstehen, dass an der Front "völlig unmögliche" Einsätze befohlen würden. Eine unabhängige Bestätigung dieser Begegnung gibt es bislang nicht.
Kreml kennt Lunin
Lunin warf russischen Kommandeuren vor, Soldaten systematisch zu foltern, in Gruben festzuhalten und Geld zu erpressen - häufig als Strafe dafür, dass diese sich weigerten, riskante oder "dumme, selbstmörderische" Befehle auszuführen. Wer sich widersetze, werde am Ende ohnehin "eliminiert" und offiziell als vermisst geführt, behauptete er. Lunin legte dafür keine Belege vor, doch solche Vorwürfe aus dem Kreis aktiver Soldaten und Veteranen sind keineswegs neu. Berichte über Bestrafungen in Kellern und Gruben sowie über erpresste Zahlungen zur Vermeidung gefährlicher Einsätze kursieren seit Längerem. In sozialenn Medien finden sich zudem Handyaufnahmen solcher Szenen, die aber schwer zu verifizieren sind.
Am Ende des Videos folgte das eigentliche Ultimatum: Sollte er nicht bald in den Kreml eingeladen werden, um live an der Seite Putins "die ganze Wahrheit" zu berichten, werde die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten - die Konsequenzen würden "sehr ernst" ausfallen. Noch am selben Tag traf sich nach Lunins Angaben ein Vertreter der Woronescher Gebietsverwaltung mit ihm.
Der Kreml reagierte zunächst zurückhaltend. Pressesprecher Dmitri Peskow erklärte, man sei über das Video informiert, habe es aber noch nicht prüfen können. Die Wortwahl aber sei "ziemlich seltsam". Eine inhaltliche Stellungnahme zu den Foltervorwürfen blieb aus.
Nur einen Tag später veröffentlichte Lunin ein weiteres, deutlich aggressiveres Video, in dem er - gespickt mit Kraftausdrücken - seine eigenen Aussagen relativierte. Seine Worte seien verdreht worden, er habe nie eine Meuterei angekündigt. Wer wirklich rebellieren wolle, tue dies leise und nicht über einen öffentlichen Aufruf. Auch von seiner Forderung nach einem live übertragenen Treffen mit Putin rückte er vorsichtig ab, wollte aber weiterhin versuchen, dem Präsidenten die angeblichen Missstände zur Kenntnis zu bringen.
Zustimmung für den Veteranen
Die Reaktionen aus dem militärischen Umfeld fielen gespalten aus. Aktive und ehemalige Soldaten veröffentlichten Unterstützervideos, in denen sie erklärten, Putin werde von seinen Generälen belogen. Die einflussreichen, propagandistischen Kriegsblogger aber hielten sich zurück. Viele der großen Kanäle ignorierten das Video. In den Kommentarspalten unter Lunins Beiträgen äußerten sich nach Angaben kremlkritischer Beobachter dagegen zehntausende Nutzer aus dem "Z"-Umfeld zustimmend - "Z" ist noch immer das Symbol der Kriegsunterstützer. Deren Zustimmung zu Lunins Einlassungen würde auf Unmut auch innerhalb der loyalen Basis hindeuten.
Geboren 1987, trug Lunin bis 2023 den Nachnamen Pustowalow, bevor er ihn offiziell änderte. Ein Schritt, durch den er Berichten zufolge zugleich von einer russischen "Extremisten"-Liste gestrichen wurde. Unter seinem neuen Namen schloss er sich im Dezember 2022 dem Freiwilligenbataillon "Sudoplatow" an und diente zunächst als Schütze, später als Kommandeur einer Aufklärungseinheit. Leaks zufolge war er zuvor auch der 150. motorisierten Schützendivision der 8. Gardearmee zugeteilt und wurde im Kampf verwundet.
Aktuell ist Lunin nach eigener Aussage nicht mehr im aktiven Einsatz: 2025 sei er aus einer Einheit entfernt worden, nachdem er ein Video über unbewaffnet in den Kampf geschickte Kämpfer veröffentlicht hatte. Erst seit Anfang 2026 betreibt er intensiver eigene Kanäle in sozialen Netzwerken; seit März sollen mehr als 700 Videos auf seinem Instagram-Profil erschienen sein.
Faschistische und anti-christliche Symbole
Nach Veröffentlichung des Videos durchsuchten Sicherheitskräfte nach Angaben seiner Frau in der folgenden Nacht die gemeinsame Wohnung und beschlagnahmten Computertechnik. Die Frau veröffentlichte zunächst ein Video dazu, löschte es jedoch später wieder und schrieb, Lunin sei "wohlauf". Kurz darauf bestätigte ein Beitrag auf Lunins eigenem Telegram-Kanal, dass er festgenommen worden sei.
Der Fall landete am Samstag vor dem Bezirksgericht Rossosch. Informationen über das Verfahren tauchten auf der Website des Gerichts jedoch erst zwei Tage später auf. Eine schriftliche Urteilsbegründung wurde nicht veröffentlicht. Verurteilt wurde Lunin wegen der Zurschaustellung extremistischer beziehungsweise nationalsozialistischer Symbolik nach Artikel 20.3 des russischen Ordnungswidrigkeitengesetzbuchs - ein Tatbestand, der eine Verwaltungshaft von bis zu 15 Tagen vorsieht. Sein Telegram-Kanal vermeldete eine Haftstrafe von elf Tagen. Eine offizielle Bestätigung stand zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch aus.
Die Pointe des Falls liegt in der Herkunft der Beweise: Belastet wurde Lunin durch eigenes Material aus seinen sozialen Netzwerken. Das unabhängige Investigativmedium ASTRA berichtete bereits vor seiner Verhaftung, auf Lunins Profilen fänden sich Symbole, die mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Verbindung gebracht werden, darunter die sogenannte "Schwarze Sonne". Andere Berichte verweisen zudem auf heidnische Bildsprache wie Darstellungen des slawischen Gottes Perun. Ausgerechnet dieses Material wurde ihm nun zum juristischen Verhängnis - obwohl er selbst über Jahre einer Armee diente, deren offiziell erklärtes Kriegsziel die "Denazifizierung" der Ukraine ist.