Politik

Ein Denker, kapital unverstanden Warum Marx den Kapitalismus bewunderte

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Am Karl-Marx-Haus in Trier.

(Foto: imago/Xinhua)

Kommunismus, Rauschebart, DDR: Das fällt den meisten noch ein, wenn es um Karl Marx geht. Seine Bücher gelesen, seine Ideen verstanden - das haben die wenigsten. Dabei würde das einige Irrtümer aufklären. Eine kleine Einführung.

"Ich weiß nur eines; dass ich kein Marxist bin", hat Karl Marx einmal gefrotzelt, eine nette Schnurre, die vor seinem 200. Geburtstag am 5. Mai oft und gern ausgepackt wird. Der große Rauschebart muss sich in der Flut von Texten und Dokumentationen zum Anlass seines Jubiläums ja vieles nennen lassen: einen Antisemiten und Rassisten etwa, einen Wegbereiter der kommunistischen Diktaturen des 20.Jahrhunderts, einen geistigen Brandstifter. Die Figur Marx schrumpft zusammen auf einen unleidlichen, polemischen Kapitalistenfresser, der mit seinem revolutionären Pathos Aufrührer auf der ganzen Welt angestachelt hat.

Nur selten geht es dieser Tage um Marx als Marxisten, um sein Werk, sein Denkgebäude, das die meisten nur von außen flüchtig betrachtet haben, ohne je wirklich einen Blick hineinzuwerfen. Bezeichnenderweise kürten die Zuschauer der ZDF-Sendung "Unsere Besten" Karl Marx 2004 zwar zu einem der drei bedeutendsten Deutschen, hinter Konrad Adenauer und Martin Luther. Marx' Werke aber schätzten sie weniger: In der Liste der wichtigsten Bücher tauchten sie gar nicht erst auf. Nicht das "Kommunistische Manifest", erst recht nicht "Das Kapital", dieses dreibändige Monstrum aus mathematischen Formeln, historischen Exkursen und philosophischen Ausritten, öfter verflucht als gelesen. Man muss aber nicht gleich zu den "Blauen Bänden" der Marx-Engels-Gesamtausgabe (auch bekannt als MEGA) greifen. Zu Marx' 200. Geburtstag sind einige Bücher erschienen, die das Werk für den Hausgebrauch zusammenfassen. Und tatsächlich lohnt der Blick, wenn man verstehen will, warum Marx noch immer ein Thema ist - auch nach dem Ende des real existierenden Sozialismus.

"Das Sein bestimmt das Bewusstsein."

Marx'sche Propheten sind rar geworden, gerade in Deutschland, und wenn nicht gerade ein runder Geburtstag ansteht, interessiert sich kein Schwein für sie. Ausnahmen wie Sahra Wagenknecht bestätigen die Regel und schreiben Bücher, in denen sie die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig Erhard preisen. Früher hätte man Wagenknecht dafür unter Marxisten als Abweichlerin gebrandmarkt.

Wundern würde sich Marx über seinen fehlenden Anhang wahrscheinlich nicht, "die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse", schrieb er. Donald Trump und die Multimilliardäre des Silicon Valley wie PayPal-Gründer Peter Thiel lesen nicht Marx, sondern die Ultraliberale Ayn Rand, eine Philosophin, die noch jede Schweinerei als moralisch einwandfrei adelt. Du vergoldest den Zaun deiner Gated Community, vor der eine Obdachlose im Dreck hausen muss? Passt schon, lässt sich nicht ändern, sagt Rand, die das neoliberale Sein mit dem passenden Bewusstsein versorgt.

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Marx kämpfte dafür, dass die unteren Schichten über die Einsicht ihrer Lage, über die klare Analyse ihres Seins, zu einem Bewusstsein kommen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war das eine Provokation - er stellte damit Hegels "Weltgeist" auf den Kopf. Dietmar Dath bringt diese revolutionäre Entwicklung in Marx' Denken in seinem Reclam-Heftchen "Karl Marx" so auf den Punkt: "Es war eine Abkehr von der metaphysischen Spekulation." Schluss mit dem weltfremden Geschwafel über die "Dinge an sich", her mit den "Dingen für uns" (Friedrich Engels). Den Menschen betrachtete Marx immer in seiner konkreten sozialen und historischen Situationen, Abstraktionen wie dem rationalen "homo oeconomicus", den die vorherrschende Wirtschaftstheorie so gern heranzieht, begegnete er mit Argwohn.

"Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt."

Dietmar Dath porträtiert Marx als eine besondere Art des Wutbürgers - als einen Mann, der das Elend, das er sieht, verabscheut, es aber nicht blindlings bekämpfen, sondern verstehen will. "Eines der größten Dokumente kalter Wut der Menschheitsgeschichte" nennt er Marx' Werk. Es mag überraschend klingen für diejenigen, die in Marx nur den großen Gegenspieler der Reichen sehen - aber immer wieder findet sich darin auch Anerkennung, sogar Bewunderung für den Kapitalismus und seine Kraft. Er hat den Feudalismus zerstört, die ganze Welt erobert, ungeheure Reichtümer erschaffen. Marx erkennt das an, er macht den Protagonisten dieses Systems auch keinen moralischen Vorwurf (Moral versteht Marx ohnehin eher als gesellschaftliche Norm, nicht als universalistischen Wert an sich): Ein Kapitalist muss tun, was ein Kapitalist tun muss. Marx hält den Kapitalismus aber für geschichtlich überholt, weil er nicht die materiellen Bedürfnisse aller Menschen befriedigt - obwohl er es könnte.

Diese Beobachtung erfordert nicht viel Nachdenken, nur offene Augen: Wir bauen Häuser, in denen niemand wohnt, aber Obdachlose müssen unter Brücken schlafen. Supermarktregale quellen über, aber noch immer müssen Menschen hungern.

Das müsste nicht sein, der Kapitalismus hat alle Voraussetzungen dafür geschaffen, wird es aber nicht ändern, weil er, im Marx'schen Duktus, die "Produktivkräfte fesselt": Der Kapitalismus produziert nicht für die Bedürfnisse von Menschen, sondern für den Profit der Kapitalisten.

"Der Profit ist die für die kapitalistische Produktionsweise spezifisch charakterisierende Form des Mehrwerts."

Profit entsteht nicht einfach durch den Tausch von Waren auf einem Markt. Ein gewiefter Händler mag den anderen übervorteilen, aber die Gewinne des einen sind die Verluste des anderen - letztlich ein Nullsummenspiel. Profite entstehen in der Produktion. Natürlich werden Menschen und ihre Unternehmen außerhalb der Produktionssphäre reich, etwa weil sie spekulieren und zocken. Eine Kapitalismuskritik, die sich nur auf die Verteilung produzierter Reichtümer richtet, bleibt allerdings verkürzt - und führt zu dem, was Dath "heiße Wut" nennt, Hass gegen "Zocker und Spekulanten". Die Wurzel allen Übels liegt für Marx in der Produktion von Waren. Vereinfacht gesagt: Der Kapitalist kauft sich menschliche Arbeitskraft, die dem Material Wert zusetzt, bezahlt aber nicht den Wert, den seine Arbeiter wirklich erschaffen, sondern eben nur den Arbeitslohn. Die Differenz, die sich der Kapitalist aneignet, nennt Marx "Mehrwert", er entsteht durch die Ausbeutung des Arbeiters.

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Letztlich kämpfen Arbeiter und Kapitalisten seit Jahrhunderten darum, wer welchen Anteil am Mehrwert behalten darf.

Eine gute Einführung in die (sehr umstrittene) Arbeitswerttheorie von Marx, liefert Christoph Henning in seinem Buch "Marx und die Folgen". Er kommt ohne die etwas abschreckenden Formeln aus dem "Kapital" wie W=c+v+m oder G-W-G' aus und bezieht sich immer wieder auf aktuelle Diskussionen - die Rente mit 67, schreibt er, sei nichts anderes als ein Sieg der Kapitalisten im Kampf um die Aneignung des Mehrwerts. Man kann Marx an diesem Punkt übrigens als radikalen Demokraten lesen: Wenn Einzelpersonen sich den Mehrwert der Arbeit von vielen aneignen, befördert das nicht nur Ungleichheit, es kann auch zur Willkürherrschaft führen.

"Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt."

Auch in einem nicht-kapitalistischen System wird ein Mehrwert in der Produktion entstehen, gibt Marx zu. Aber er wird eben nicht zum Profit für Einzelne. Anders als im Kapitalismus soll sowohl über die Art der Produktion (brauchen wir Panzer oder doch lieber Straßenbahnwagen?) als auch die Verwendung des Mehrwerts demokratisch verfügt werden. Ein Kollektiv könnte entscheiden: Wollen wir, wie Jeff Bezos, Milliarden in Raumfahrtprojekte stecken, oder nicht doch lieber Bibliotheken bauen? Oder soll der Mehrwert in Form von Freizeit ausgezahlt werden, um dem Menschen eine freie Entwicklung zu ermöglichen? In Marx' Idealbild einer Gesellschaft ist es dem Menschen überlassen, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren". Wirklich frei ist der Mensch aber nur, "wo die Arbeit aufhört", wo er also seine Arbeitskraft nicht auf den Markt tragen und an einen Kapitalisten verkaufen muss. Im Kommunismus soll dann der Grundsatz gelten: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."

"Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats."

Der Weg in den Sozialismus führt über die "Expropriation der Expropriateure", also die Enteignung privater Eigentümer von Produktionsmitteln. Marx glaubte nicht an den "Reformismus", den Weg über die Parlamente, den die Sozialdemokratie eingeschlagen hat. Er befürwortete einen anderen Weg, obwohl er wusste, dass dies Gewalt bedeutete. Wie kein anderer hat er schließlich auch herausgearbeitet, wie das Kapital zur Welt kam, nämlich "blut- und schmutztriefend, aus allen Poren, von Kopf bis Zeh". Der siebte Abschnitt des "Kapital" zur sogenannten ursprünglichen Akkumulation zeigt den gewalttätigen Siegeszug des Kapitalismus auf: die Umwandlung von Allmende in Privatbesitz, die Vertreibung von Besitzlosen in die Städte, die brutale Ausbeutung von Kolonien.

Versuche, den Kommunismus zu etablieren, stellten sich ebenfalls als blutig und brutal heraus. Ob Marx wirklich Verantwortung trägt für Gräueltaten derer, die sich nach seiner Lehre Kommunisten nannten, die Debatte entflammt immer wieder, an den altbekannten Frontlinien, ohne neue Erkenntnisse.

Der Sieg jedenfalls, den Marx der Arbeiterklasse als Träger der Revolution so selbstbewusst vorausgesagt hat, ist nie errungen worden. Sein Denkgebäude wackelt besonders da, wo er den rationalen Boden seiner Kapitalismus-Analyse austauscht gegen jene "heilsgeschichtlich-idealistische Perspektive", die IW-Chef Michael Hüther an dieser Stelle gelobt hat. Ein Hellseher war Marx aber nicht, zumindest kein verlässlicher, auch wenn einige Marxisten bis heute behaupten, mit seiner Krisentheorie vom tendenziellen Fall der Profitrate hätte man die Krise von 2008 vorhersehen können. Es ist jedenfalls, so fasst es Dietmar Dath zusammen, für die Analyse des Kapitalismus "noch immer nichts Stringenteres zu haben". Das gilt es zum 200. Geburtstag ruhig einmal zu entdecken.

Quelle: ntv.de

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