Politik

Zum Tag der Pressefreiheit Was Reporter aus unserem Netzwerk erleben

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Pressefreiheit in Gefahr: Immer mehr Menschen zweifeln die Glaubwürdigkeit von Medien an und schrecken auch nicht vor Gewalt zurück.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nur noch "zufriedenstellend" ist es laut "Reporter ohne Grenzen" um die Pressefreiheit in Deutschland bestellt. Doch auch in anderen Teilen Europas werden immer häufiger Journalistinnen und Journalisten beschimpft, bedrängt und bedroht. Das sollte Anlass zu mehr Wachsamkeit sein.

Ist es Jammern auf hohem Niveau, wenn man sich hierzulande um die Pressefreiheit sorgt? Natürlich ist die Situation für Reporterinnen und Reporter in Deutschland immer noch vergleichsweise komfortabel. Während in vielen Ländern der Welt Journalistinnen und Journalisten ihre Freiheit, ihre Sicherheit, ja sogar ihr Leben riskieren, funktioniert der Schutz der Pressefreiheit, gesichert durch Artikel 5 des Grundgesetzes, bei uns noch "zufriedenstellend", wie das aktuelle Ranking der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zeigt. Aber eben auch nur "zufriedenstellend" und nicht mehr "gut", wie es zuvor der Fall war. Deutschland ist in dieser Liste von Platz 11 auf Platz 13 zurückgefallen. Das sollte Anlass genug sein, kritisch und wachsam darauf zu schauen, was sich in unserem Land verändert.

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Sonja Schwetje ist ntv-Chefredakteurin. Sie leitet zudem die Arbeitsgruppe Pressefreiheit von Bertelsmann.

(Foto: ntv)

In meiner Funktion als Vorsitzende der Arbeitsgruppe Pressefreiheit von Bertelsmann habe ich verschiedene Redaktionen des Konzerns kontaktiert und sie nach ihrer Einschätzung zum Thema gefragt. Sie alle berichten von zunehmender Aggression gegenüber Reportern. In Deutschland insbesondere auf Demos von sogenannten "Querdenkern" und "Corona-Leugnern". In Frankreich und Belgien nahmen Reporter zunehmende Gewalt vor allem bei Protesten der sogenannten "Gelbwesten"-Bewegung wahr. Redaktionen und Behörden reagierten zeitweise sogar mit Deeskalations-Trainings oder regelrechten Bootcamps darauf:

  • Nicolas Mallot, M6 Frankreich:
    "Um Journalisten für diese Art von städtischen Unruhen zu schulen, eröffnet die mobile Gendarmerie spezielle Trainingskurse. Im Südwesten Frankreichs wurde eigens ein Trainingscamp eingerichtet und durchgeführt (Gebäude, Straßen, Alleen). Randalierer, Molotow-Cocktails, Tränengas, nichts wird dem Zufall überlassen. Den Journalisten wird erklärt, wie sie sich zwischen Demonstranten und Einsatzkräften positionieren können, um jegliche Kollateralschäden zu vermeiden. Da die Gewalt in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat, hat unsere Redaktionsleitung beschlossen, diese Einsätze sehr gut vorzubereiten und zu organisieren, beinahe wie Einsätze in Krisenregionen."

Das Misstrauen gegenüber der Presse ist gewachsen. Umso entscheidender ist der Schutz der Reporter vor Ort. Allzu oft werden Journalisten nur zum Rückzug aufgefordert, was die Berichterstattung deutlich einschränkt.

  • Doro Steitz, Mediengruppe RTL Deutschland:
    "Wenn man als Live-Reporterin von 'Querdenker'-Demos schaltet, muss man starke Nerven haben. Wann immer man sich als Journalistin zu erkennen gibt, hagelt es Anfeindungen. Von 'Lügenpresse' bis 'Schäm dich' ist alles dabei. Den Demoteilnehmern passt die Berichterstattung nicht und das lassen sie uns Journalisten spüren. Schreien mich nieder, beleidigen mich und versuchen mich einzuschüchtern. Solche Demo-Einsätze sind leider nur noch mit Security möglich, doch auch die kann meine Sicherheit nicht garantieren und rät oft zum Drehabbruch."
  • Franziska Klemenz, "Sächsische Zeitung":
    "Auf früheren Demonstrationen hatte ich es oft entspannter als Kolleginnen vom Fernsehen, die mit ihren Kameras sofort als Presse erkennbar sind. Das hat sich geändert. Seit ein rechter Youtuber mich gefilmt und dabei beschimpft hat, erkennen mich 'Querdenken'-Anhänger immer wieder, trotz Maske im Gesicht. Bei einer Demonstration in Dresden pöbelten mich einige an. Während der Redner mir am Mikrofon zu Unrecht Lügen unterstellte, skandierte die Menschenmenge: 'Lügenpresse'. Es besorgt mich, dass viele mir vor Ort Fragen stellen, deren Antworten sie gar nicht hören wollen. Wenn kein Gespräch möglich ist, ist eine Verständigung oder gar Versöhnung es erst recht nicht. Ich frage mich, woher all der Hass kommt, der die Gemüter vergiftet. Menschen wenden sich nicht mehr bloß gegen Meinungen, sondern gegen Fakten."

In Deutschland prüfen die Bundesländer derzeit eine Überarbeitung der Verhaltensgrundsätze zwischen Polizei und Presse/Rundfunk. Manche Einschränkung für Journalisten vor Ort beruht auf reiner Unkenntnis oder Unsicherheit seitens der Polizei. Das beobachten auch Kollegen in anderen Ländern.

  • Laurent Haulotte, RTL Belgien:
    "Selbst in angespannten Situationen lässt uns die Polizei unsere Arbeit machen. Ich muss allerdings sagen, dass das Verhältnis zur Polizei nicht mehr so reibungslos ist wie früher. Unsere Hauptsorge in den vergangenen Jahren waren eher die verbalen und manchmal physischen Drohungen, die von Bewegungen wie den Gelbwesten oder anderen populistischen Gruppen ausgingen, die glauben, dass sich die Presse von der Regierung oder anderen Interessensgruppen lenken lässt. Wir mussten vorsichtig sein, wenn wir über ihre Aktionen berichteten."
  • Ellen Ivits, Online-Redakteurin beim "Stern", berichtet von einer "überbordenden Aggressivität", nicht nur in der realen, sondern auch in der digitalen Welt. Mit demselben klaren Ziel: "Das Erschreckende ist der Versuch, mir den Mund zu verbieten. Weil ich Geschichten erzähle, die die Schreiber nicht wahrhaben wollen. Weil ich eine Meinung vertrete, die nicht die ihre ist. Viele werfen mir dabei vor, mit meiner Berichterstattung den Willen einer ominösen höheren Macht zu erfüllen. Mein Eindruck ist: Zu solch einer Macht würden sie selbst gerne aufsteigen."

In den USA erlebte unser Korrespondent beim Sturm aufs Kapitol, wie das Equipment seines und anderer Kamerateams zerstört wurde. In den Niederlanden nehmen langjährige Kolleg:innen eine fast allgegenwärtige Bedrohung wahr.

  • Betty Glas, RTL Niederlande:
    "Es ist nicht das erste Mal in meinen 30 Jahren als Reporterin, dass ich mich relativ unsicher fühle. Und ich bin sicher, es wird nicht das letzte Mal sein. Aber früher war es ziemlich vorhersehbar: Es war gefährlich, über Krieg, Katastrophen und Hooliganismus zu berichten. Aber was mich jetzt beunruhigt, ist, dass es scheint, als ob es von 'normalen Leuten' fast akzeptiert wird, sich feindselig gegenüber Journalisten zu verhalten. Es kann dir jeden Tag an jeder Straßenecke passieren. Man weiß es einfach nicht."

Eine lebendige, vielfältige Gesellschaft braucht kritischen Journalismus. In jedem Land verdienen Reporter, die mit journalistischer Sorgfalt und Beharrlichkeit berichten, unseren Respekt und unsere Rückendeckung. Auch wenn wir Fehler machen, auch wenn es durchaus auch mal Beanstandungen an unserer Arbeit geben mag: Der Kampf um die Deutungshoheit wird längst von globalen Playern mit manipulativer Absicht geführt. Wenn wir weiterhin auf Orientierung anhand von Fakten setzen, brauchen wir eine robuste Medienlandschaft in Europa und in Deutschland. Die Politik muss die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Die Polizei muss die Arbeit von Journalisten vor Ort ermöglichen. Die Strafverfolgung von Drohungen im Netz muss konsequent und schnell erfolgen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann sich Deutschland hoffentlich im nächsten Jahr wieder einen Platz in der ersten Liga der Pressefreiheit sichern.

Quelle: ntv.de

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