Politik

Schuljahr zwanglos wiederholen? Was fürs Sitzenbleiben spricht und was nicht

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Viele Eltern und Alleinerziehende müssen neben dem Job mit ihren Kindern zu Hause Schulaufgaben machen - eine Belastungsprobe für die ganze Familie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Lockdown geht weiter, Schulen bleiben zu: Seit Monaten müssen Schülerinnen und Schüler unter erschwerten Bedingungen lernen. Sie sollen deshalb die Möglichkeit bekommen, das Schuljahr ohne Nachteile zu wiederholen. Die Frage, ob sitzen bleiben sinnvoll ist, bleibt.

Bund und Länder haben am Dienstag eine Verlängerung des Lockdowns beschlossen. Präsenzunterricht in Schulen fällt weiter aus, Homeschooling geht noch über Wochen weiter. Viele Familien gehen auf dem Zahnfleisch - und der Druck wächst. Die Frage, wie mit den Leistungen im Pandemie-Jahr umgegangen werden soll, wurde in den vergangenen Wochen zum Streitthema zwischen Lehrern, Eltern und Verbänden. Die Kultusminister der Länder haben nun entschieden, Schülern die Chance zu geben, das Schuljahr freiwillig zu wiederholen, ohne dass dies auf die Verweildauer angerechnet wird. Die Argumente dafür oder dagegen sind damit jedoch nicht vom Tisch.

Der deutsche Lehrerverband hatte mehrfach gefordert, lernschwachen Kindern und Jugendlichen anzubieten, das Schuljahr wegen der Corona-Pandemie freiwillig zu wiederholen - jedoch ohne dies als "Sitzenbleiben" zu werten. "Es gibt eine Schülergruppe, die braucht ein Jahr zusätzlich", sagte Präsident Heinz-Peter Meidinger dem "Tagesspiegel". Spätestens bei den Abschlussprüfungen oder im Abitur würden diese Jugendlichen sonst scheitern. "Der Schüler geht dann mit weniger Rüstzeug von der Schule - und hat im weiteren Leben schlechtere Chancen."

Das freiwillige Wiederholen eines Schuljahres ist auch heute schon möglich. Mancherorts wird dies allerdings als Wiederholung wegen Nichtversetzung gewertet. Das bedeutet, dass ein Jugendlicher unter Umständen die Schule verlassen muss, wenn er eine Klasse freiwillig wiederholt und dann nicht versetzt wird. Das soll nun aber nicht passieren. "Unser heutiger Beschluss ist von dem Leitgedanken getragen, dass Schülerinnen und Schülern in diesem von der Pandemie geprägten Schuljahr keine Nachteile für ihre weitere Bildungsbiografie entstehen dürfen", sagt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Britta Ernst. "Insbesondere in der gymnasialen Oberstufe.

In diesem Schuljahr "darf niemand sitzen bleiben"

" Der Lehrerverband sieht den Vorteil einer Wiederholung darin, dass Schüler gezielt Lernstoff nachholen und gefördert werden können, sagte Präsident Meidinger. Automatische Versetzungen, ein halbes Extra-Schuljahr oder ein genereller Verzicht auf Sitzenbleiben und Noten seien "nur ein Herumdoktern an Symptomen".

Solche Forderungen kamen beispielsweise von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Demnach soll auf eine Wiederholung des Schuljahres gänzlich verzichtet werden. "Eine Ausnahmesituation wie die Corona-Krise verlangt besondere Regelungen: In diesem Schuljahr darf niemand sitzen bleiben", sagte die Vorsitzende Marlis Tepe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Sie forderte am Ende des laufenden Schuljahres stattdessen eine Versetzung sämtlicher Schülerinnen und Schüler.

Eine generelle Möglichkeit, das Sitzenbleiben in diesem Jahr auszusetzen, hatte die Bundesschülervertretung begrüßt. Das Wissen, nicht sitzen bleiben zu können, könne "etwas Druck vom Kessel nehmen", sagte der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, der dpa. Aber: "Viele Schülerinnen und Schüler haben bereits so große Lücken, dass eine Wiederholung vermutlich mehr Sinn macht, als der Versuch, diese Lücken in kurzer Zeit auszubessern", so Schramm. Für die Abschlussklassen gelte das aber nicht. "Hier müssen wir Prüfungen so anpassen, dass sie der Situation entsprechend geändert werden." Einen "wirklich fairen und vergleichbaren Abschluss" könne es in diesem Jahr nicht geben.

Dass Prüfungen nicht vergleichbar seien und Jugendliche ein "Notabitur" machen müssten, stimme so nicht, sagte hingegen der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Schülerinnen und Schüler hätten auch jetzt Leistungen erbracht, die zu bewerten seien. Auch er hatte sich für ein freiwilliges Zusatzjahr ausgesprochen - ohne dass es als "Sitzenbleiben" angerechnet würde.

"Was ist, wenn alle sitzen bleiben?"

Unter den Eltern trifft die Debatte über das Sitzenbleiben indes auf ein geteiltes Echo. Eine "verstärkte Förderung in Problemfächern" könne im Einzelfall sinnvoller sein, als das Jahr zu wiederholen, teilte die stellvertretende Vorsitzende Sabrina Wetzel auf dpa-Anfrage mit. Dennoch sprach auch sie sich dafür aus, in diesem Schuljahr keinen Schüler sitzenbleiben zu lassen. "Wir sehen das so: Versetzung auf jeden Fall. Wir können nicht sehen, dass ein Lehrer vollständige, umfassende Informationen zu den Schülern hat, da einfach zu viel ausgefallen ist", erklärte Wetzel im SWR. Eine Klassenarbeit sage "nicht so viel aus".

Ein noch radikalerer Vorschlag kommt von der Geschäftsführerin des Deutschen Familienverbands NRW, Petra Windeck: Sie fordert ein kollektives Sitzenbleiben aller Schüler. "Wir bleiben an dieser Stelle alle stehen und hören auf, von den Eltern zu verlangen, dass sie als Lehrer fungieren", sagte sie am Mittwoch dem WDR. Dem Vorschlag, dass kein Schüler sitzen bleiben soll, entgegnete sie: "Was ist, wenn alle sitzen bleiben?"

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Konkret würde das bedeuten, dass im Schuljahr 2021/2022 alle Schüler weiterhin in derselben Jahrgangsstufe blieben, in der sie derzeit sind. Auswirkungen hätte das vor allem auf die Kitas: Dort müssten zahlreiche weitere Plätze geschaffen werden, da die ältesten Kita-Kinder nicht eingeschult würden, aber jüngere dazu kämen.

Doch dazu soll es laut den Beschlüssen der Kultusminister nicht kommen. Neben der Einigung zum Thema "Sitzenbleiben" sollen nach derzeitigen Plänen auch alle Abschlüsse in den Ländern gegenseitig anerkannt und als gleichwertig mit denen anderer Jahrgänge eingestuft werden. "Die Kultusministerkonferenz bekräftigt, dass die Abiturprüfungen auch im Jahr 2021 stattfinden", heißt es in dem gemeinsamen Beschluss. Einschränkungen gibt es hingegen bei Haupt- und Realschulabschlüssen. Hier solle "in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen" und "unter Wahrung der regulären Standards und Beachtung der landeseigenen Regelungen" entschieden werden. Mündliche Prüfungen sollen im Ausnahmefall diesmal auch über Video möglich sein.

Quelle: ntv.de, mit dpa