Politik

General kritisierte StalinWeg nach Moskau offen

05.05.2010, 16:27 Uhr

Generals Georgi Schukow galt schon zu Lebzeiten als der Mann, der Stalin widersprach. Ein altes Filmdokument belegt, Schukow hatte große Sorge, die Sowjetunion könnte den II. Weltkrieg verlieren.

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Schukow war einerseits ein Kriegsheld, aber immer auch ein wenig Dissident. (Foto: AP)

Das russische Fernsehen hat zum ersten Mal ein mehr als 40 Jahre altes Interview mit dem legendären Armeegeneral Georgi Schukow ausgestrahlt. Darin spricht der Marschall der Sowjetunion von einer drohenden Niederlage der Roten Armee gegen die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg, die er auf schwere Planungsfehler zurückführt. 1941 hatten die sowjetischen Generäle seinen Angaben zufolge große Zweifel, den deutschen Vormarsch auf Moskau noch aufhalten zu können. "Ich muss offen sagen, dass wir uns nicht völlig sicher waren", antwortet Schukow auf eine Frage des bekannten sowjetischen Schriftstellers und Journalisten Konstantin Simonow.

In dem Interview, das im Ersten Kanal des russischen Fernsehens gezeigt wurde, schildert Schukow auch eine Begegnung mit dem sowjetischen Diktator Josef Stalin im Oktober 1941. Stalin hatte den General demnach in seine Wohnung in Moskau bestellt, um ihn mit der Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt zu beauftragen. "Stalin hatte eine Grippe, aber er arbeitete", berichtet Schukow über das Treffen. Stalin habe ihm eine Karte gezeigt und darüber geklagt, dass er nicht genau über die Lage an der Westfront informiert werde. "Wo sind unsere Truppen?", fragte der Diktator demnach den General.

Schlecht vorbereitet

Die Vorkehrungen zur Verteidigung Moskaus seien "völlig unzureichend" gewesen, berichtet Schukow über seine Eindrücke von der Front. "Es war eine äußerst gefährliche Situation." Der Wehrmacht habe der Weg nach Moskau praktisch offen gestanden. "Unsere Truppen an der Verteidigungslinie von Moschaisk hätten den Feind nicht aufhalten können." In einem Telefonat habe er Stalin darum gebeten, die Truppen bei Moschaisk aufzustocken, berichtet Schukow, der kurz darauf zum Oberbefehlshaber der Westfront ernannt wurde und 1945 auch die Schlacht um Berlin anführte. Moschaisk liegt ungefähr 110 Kilometer westlich von Moskau.

Schukow nahm am 9. Mai 1945 auf der Seite der Sowjets die deutsche Kapitulation entgegen. Nach dem Krieg war er zunächst Verteidigungsminister. Wegen seiner Popularität sah Stalin in Schukow jedoch zunehmend einen möglichen Konkurrenten. 1957 wurde Schukow seines Amtes enthoben. Das jetzt ausgestrahlte Interview aus dem Jahr 1966 wurde auf Anweisung der sowjetischen Behörden nicht gesendet. Bis auf eines wurden sämtliche Bänder zerstört.

Am Sonntag wird in Moskau mit einer Militärparade an den Sieg über Nazi-Deutschland vor 65 Jahren erinnert. An den Gedenkfeierlichkeiten nimmt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teil.

Quelle: AFP