Politik
Jagdflugzeuge gehören zu den Neuentwicklungen des Ersten Weltkriegs: Dies ist der Nachbau eines Fokker DR.I-Dreideckers, wie ihn Manfred von Richthofen flog.
Jagdflugzeuge gehören zu den Neuentwicklungen des Ersten Weltkriegs: Dies ist der Nachbau eines Fokker DR.I-Dreideckers, wie ihn Manfred von Richthofen flog.(Foto: CC BY-SA 3.0 / Noop1958)
Montag, 23. Juni 2014

Stahlhelm, Giftgas und 08/15: Weltkrieg macht erfinderisch

Von Markus Lippold

Der Erste Weltkrieg beginnt mit Pferden und endet mit Panzern. Die technische Entwicklung verändert den Charakter des Krieges: durch Jagdflugzeuge, Maschinengewehre und Giftgas. Militär, Wissenschaft und Industrie arbeiten dafür eng zusammen.

Neuerungen für Infanteristen: ein Stahlhelm mit sogenanntem Buntfarbenanstrich und eine Maschinenpistole MP 18.
Neuerungen für Infanteristen: ein Stahlhelm mit sogenanntem Buntfarbenanstrich und eine Maschinenpistole MP 18.(Foto: picture alliance / dpa)

Mit Optimismus und Pickelhaube ziehen die deutschen Soldaten 1914 in den Ersten Weltkrieg, in der Hoffnung auf einen schnellen Sieg. Doch diese Vorstellung wird ebenso zerfetzt wie die traditionelle Kopfbedeckung aus gepresstem Leder, die den Granatsplittern kaum standhält. Die Haube ist ein Relikt aus früheren Kriegen, das im Ersten Weltkrieg von der waffentechnischen Entwicklung überrollt wird. Erst aus der Zusammenarbeit von Militärs und Ingenieuren entsteht zwei Jahre später der stabilere Helm Modell 1916 aus Chromnickelstahl.

Der Stahlhelm gehört genau wie Bomber, Panzer und Giftgas zu den Neuentwicklungen der Kriegszeit. Es sind Waffentechniken, die bis heute unser Bild vom Krieg bestimmen, sie sind Ausdruck der beginnenden Industrialisierung des Krieges. Zu ihnen gehören auch die ersten Massenvernichtungswaffen. Sie werden - genau wie später die Atombombe - von Wissenschaftlern entwickelt, die dabei moralische Bedenken konsequent beiseiteschieben.

Maschinengewehr und Morgenstern

Das Maschinengewehr MG 08/15 wird sprichwörtlich.
Das Maschinengewehr MG 08/15 wird sprichwörtlich.(Foto: CC BY-SA 3.0 / Richard Huber)

Waffentechnik und Kriegsverlauf bedingen sich im Ersten Weltkrieg stets gegenseitig. So fördert etwa der schon bald nach Kriegsbeginn einsetzende Grabenkrieg die Entwicklung neuer Maschinengewehre. Im Gegensatz zu den britischen Einheiten verfügt bereits 1914 jedes Regiment des Deutschen Heeres über eine solche Waffe. Am bekanntesten wird jedoch die Weiterentwicklung von 1915, die den Namen MG 08/15 erhält. Sie ist zwar sehr verbreitet, technisch allerdings nur Mittelmaß, weshalb sie die noch heute bekannte Redewendung prägt. Für die Soldaten ist aber wichtiger, dass das neue MG leichter ist als das bisherige Modell und somit bei Sturmangriffen mitgeführt werden kann.

Das gilt auch für die erste, von Theodor Bergmann und Hugo Schmeisser entwickelte Maschinenpistole MP18, die "Grabenfeger" genannt wird. Zudem wird der Flammenwerfer wiederentdeckt: Seine moderne Form erhält er durch den deutschen Ingenieur und Feuerwehrmann Richard Fiedler, der erste Modelle Anfang des 20. Jahrhunderts an die deutsche Armee übergibt. Im Weltkrieg wird die Waffe dann flächendeckend im Grabenkampf eingesetzt.

Leichte Waffen sind entscheidend im Kampf zwischen den Schützengräben. Natürlich verfügen deutsche Infanteristen über das Gewehr 98 des deutschen Herstellers Mauser, das dazugehörige Bajonett und Handgranaten, die im Kriegsverlauf ihre verloren gegangene Bedeutung wiedererlangen. Doch da dies nicht reicht, wird improvisiert. Als Hieb- und Stichwaffen dienen angeschliffene Spaten, verkürzte Bajonette, selbst gebaute Keulen, private Messer und sogar Morgensterne. Erst ab 1915 werden im Auftrag des preußischen Kriegsministeriums offizielle Grabendolche entwickelt. Diese sind jedoch sehr uneinheitlich, da auf die Produktion heimischer Messerfabriken zurückgegriffen wird.

Fritz Haber sieht seine Arbeit an Massenvernichtungswaffen als patriotische Pflicht.
Fritz Haber sieht seine Arbeit an Massenvernichtungswaffen als patriotische Pflicht.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Als weiterer überlebenswichtiger Ausrüstungsgegenstand erweisen sich Gasmasken. Auch sie sind eine Reaktion auf den Kriegsverlauf - die Entwicklung der ersten Massenvernichtungswaffen. Schon früh gibt es Versuche mit Tränengas durch Frankreich und Deutschland. Doch es ist der deutsche Chemiker und spätere Nobelpreisträger Fritz Haber, der die weitere Forschung im Gaskrieg vorantreibt. Er leitet eine Spezialeinheit für chemische Kriegsführung, zu der auch andere spätere Nobelpreisträger wie Otto Hahn und Gustav Hertz gehören. Sie entwickeln nicht nur verschiedene Giftgase, sondern überwachen auch deren Einsatz direkt an der Front (wobei Hertz durch das eigene Gas schwer verwundet wird).

Habers Frau begeht Selbstmord

Nach den wenig effektiven Versuchen mit Tränengas setzen im April 1915 deutsche Truppen unter Aufsicht von Haber erstmals Chlorgas ein. Es wird jedoch noch nicht in Granaten verschossen, sondern abgeblasen: Das Gas entweicht aus Druckflaschen und wird dann vom Wind in die gegnerischen Stellungen geweht. Einige Militärs kritisieren diese Methode, nicht etwa aus moralischen Gründen, sondern weil sie die Abhängigkeit von der jeweiligen Windrichtung stört, die auch eigene Truppen gefährdet.

Auch Habers Frau, die Chemikerin Clara Immerwahr, lehnt die Arbeit ihres Mannes vehement ab. Doch sie hat grundsätzliche Vorbehalte, spricht von einer "Perversion der Wissenschaft". Wenige Tage nach dem Gaseinsatz in Ypern erschießt sie sich, vermutlich aus Scham über den Gaskrieg.

Während zunächst Giftgas eingesetzt wird, das die Atemwege angreift, führt Senfgas auch zu Hautverätzungen.
Während zunächst Giftgas eingesetzt wird, das die Atemwege angreift, führt Senfgas auch zu Hautverätzungen.(Foto: Wikipedia / Library and Archives Canada C-080027)

Die Forschungsarbeit von Fritz Haber hält das aber nicht auf. Im Kriegsverlauf folgen Angriffe mit Phosgen, später auch mit Senfgas. Gegen Letzteres sind selbst die ab Herbst 1915 verwendeten Gasmasken wirkungslos, da es als Kontaktgift zu schweren Verätzungen auf der Haut führt. Zur Erhöhung der Opferzahl trägt aber auch die Ersetzung des Blasverfahrens durch wetterunabhängige, zielgenauere Gasgranaten bei. 112.000 Tonnen Giftgas werden insgesamt im Krieg eingesetzt, 52.000 Tonnen von deutscher Seite. Zehntausende Soldaten sterben oder werden verletzt. Die genaue Anzahl der Opfer lässt sich wegen der Spätfolgen jedoch nur schwer abschätzen.

"Dicke Bertha", Jastas und A7V

Haber hat noch an anderer Stelle entscheidenden Einfluss auf das Kriegsgeschehen. Zusammen mit Carl Bosch entwickelt er ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ammoniak (wofür ihm 1919 der Nobelpreis verliehen wird). Dieses wird als Salpeter-Ersatz nicht nur bis heute für Düngemittel eingesetzt, es sorgt auch dafür, dass den deutschen Truppen der Sprengstoff nicht ausgeht, der in großen Mengen ge- und verbraucht wird.

Die "Dicke Bertha" wird zum Synonym für die Riesengeschütze des Weltkriegs, hier ein sogenanntes Gamma-Gerät.
Die "Dicke Bertha" wird zum Synonym für die Riesengeschütze des Weltkriegs, hier ein sogenanntes Gamma-Gerät.(Foto: Wikipedia / Australian War Memorial ID A02560)

Der Erste Weltkrieg wird durch Materialschlachten geprägt, in denen Tausende Granaten in kürzester Zeit auf feindliche Stellungen abgefeuert werden. Bereits vor dem Krieg nimmt die Artillerie enorme Ausmaße an - die "Dicke Bertha" von Krupp ist nur das bekannteste Beispiel dieser Entwicklung. Das Geschütz verschießt je nach Bauart Mörsergranaten über bis zu 14 Kilometer. Das sogenannte Gamma-Gerät hat dabei eine Gesamtmasse von 150 Tonnen - zum Transport sind zehn Eisenbahnwaggons nötig.

Da diese Riesengeschütze zu immobil und unflexibel sind, kommen zunächst Kriegszeppeline, später auch erste Bombenflugzeuge zum Einsatz - in Form von robusten Doppeldeckern oder Großflugzeugen. Geprägt wird der Luftkrieg aber nicht nur durch diese ersten Langstreckenbomber oder unbewaffnete Aufklärungsflugzeuge, die in Verbindung mit dem neuen Flugfunk wichtige Anweisungen an die Bodentruppen liefern. Sehr bekannt sind auch die frühen Jagdflugzeuge. Das Deutsche Reich setzt dabei auf die Ein- und Doppeldecker des niederländischen Flugpioniers Anton Herman Gerard Fokker, die als "Fokkergeißel" für Schrecken sorgen. Berühmt wird dessen Dreidecker Dr.I, den Manfred von Richthofen fliegt. "Der Rote Baron", der 1918 abgeschossen wird, leitet eine der deutschen Jagdstaffeln (Jastas), die der Nimbus der Unbesiegbarkeit umgibt.

Ein britischer Mark IV Panzer.
Ein britischer Mark IV Panzer.(Foto: Wikipedia / gemeinfrei)

Sind die deutschen Truppen den Alliierten im Luftkampf lange überlegen, können sie ihnen an anderer Stelle wenig entgegensetzen: im Panzerkampf. Die Briten setzen mit dem Mark I den ersten Kampfpanzer ein, den sie bis zum Mark IV, der über Kanonen oder Maschinengewehre verfügt, weiterentwickeln. Noch prägender ist der französische Renault FT-17, der als Vorbild moderner Panzer gilt, etwa weil er einen drehbaren Geschützturm hat. Zusammen verfügen die Alliierten über nahezu 4000 solcher Fahrzeuge. Der erste deutsche Sturmpanzerwagen A7V, von dem nur 20 Stück produziert werden, bleibt dagegen unbedeutend. Er weist technische Mängel auf, die einen Einsatz im unebenen Gelände - etwa an der Front - erschweren. Auch Anlassprobleme und eine Überhitzung des Motors treten immer wieder auf.

Militär, Wissenschaft und Industrie

Zu Land und in der Luft wird die Kriegstechnik also sprunghaft weiterentwickelt und beeinflusst entscheidend das Kriegsgeschehen. Ausgerechnet der Seekrieg mit Großschiffen, dem im Vorfeld große Bedeutung zugemessen wird, bleibt im Vergleich dazu nahezu bedeutungslos. Zu den wichtigen und zukunftsweisenden Entwicklungen der Marine zählt allerdings - neben frühen Flugzeugträgern - der Einsatz von U-Booten.

So unterschiedlich diese Entwicklungen und ihre Auswirkungen auch sind, sie lassen sich auf einen Nenner bringen: Anders als in den Auseinandersetzungen in den Jahrhunderten zuvor erlangen Distanzwaffen im Ersten Weltkrieg eine überragende Bedeutung - ob nun als Geschütz, Maschinengewehr oder Bomber. Mit ihnen werden nicht nur die meisten Menschen getötet, sie stehen auch für die Industrialisierung und Technisierung des Kampfgeschehens. Es ist eine Entwicklung, die nur durch die enge Zusammenarbeit von Militär, Wissenschaft und Industrie möglich ist.

Nicht zuletzt bereiten viele dieser Innovationen den Weg für die Waffentechnik des Zweiten Weltkriegs. Die Versuche von Fritz Haber mit Blausäure legen etwa den Grundstein für die Entwicklung von Zyklon B. Durch das Giftgas, das in Konzentrationslagern eingesetzt wird, sterben Millionen Menschen - darunter auch Mitglieder von Habers jüdischer Familie.

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Quelle: n-tv.de