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Das verheerende Beben von L'Aquila Wenn Politik die Wissenschaft lenkt

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Hunderte Menschen wurden unter den Trümmern in Aquila begraben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Urteil gegen die Crème der italienischen Erdbebenforschung sorgt in aller Welt für Empörung. Doch die Kritik geht am Urteil vorbei. Schließlich behaupteten die Wissenschaftler wider besseres Wissen, ein Erdbeben sei praktisch auszuschließen. Diese Beschwichtigungspolitik war das Ergebnis des politischen Drucks der Regierung Berlusconi.

Das harte Urteil gegen die sieben Seismologen hat die Wissenschaft in Aufruhr versetzt, über dem Gericht der Erdbebenstadt in den Abruzzen gehen die Proteste aus der ganzen Welt nieder. Nicht die Seismologen seien Schuld, wenn die Erde bebt, und vor allem, Erdbeben seien eben nicht vorhersehbar.

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Das Gericht verurteilte die sieben Experten zu je sechs Jahren Haft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch die Kritik geht am Urteil vorbei, weil die Kritiker - davon darf man getrost ausgehen - die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft gar nicht gelesen haben. Die Staatsanwälte Alfredo Rossini und Fabio Picuti haben keinesfalls Anklage erhoben, weil die Erdbebenforscher das Erdbeben nicht vorhergesagt hätten. Dummes Zeug. Sie haben Anklage erhoben gegen die Crème de la Crème der italienischen Erdbebenforscher, weil diese die Risiken eines bevorstehendes Erdbebens nicht korrekt und ihrem Wissenstand, Können und ihrer Aufgabe entsprechend eingeschätzt hätten.

Sie haben allein "sehr floskelhaft, oberflächlich und geradezu nachlässig ihre Pflicht - als Mitglieder der Risiko-Kommission - erfüllt, die gerade in der korrekten Information bezüglich der realen Gefahr eines Erdbebens" bestand. Sie haben, schreiben die Staatsanwälte, ihre Pflicht zur korrekten Information der Bevölkerung verletzt und mit ihrer "nachlässigen und oberflächlichen Information die Menschen beschwichtigt und dazu verleitet, in den Häusern zu bleiben".

Harte Worte, die aber den Tatsachen entsprechen, die auf 224 Seiten der Anklageschrift detailliert erläutert werden. Dazu muss man wissen, dass diese "Commissione Grandi Rischi" den Zivilen Bevölkerungsschutz berät und Vorschläge macht. Sie war am 31. März 2009, sechs Tage vor dem Erdbeben, in l’Aquila zusammengetreten, um die Lage zu analysieren, wie es offiziell hieß. In Wirklichkeit aber, das wissen wir aus den polizeilichen Abhörprotokollen des damaligen Leiters des Zivilen Bevölkerungsschutzes, Guido Bertolaso, trafen sie sich, um die Bevölkerung zu beschwichtigen. Man müsse etwas unternehmen, so der abgehörte Bertolaso, "um die Dummköpfe zum Schweigen zu bringen, um die Angstmacher zu isolieren", es müsse wieder Ruhe einkehren. So kam es zur Versammlung der Wissenschaftler in l’Aquila. Sehr intensiv können sie nicht diskutiert haben, die Sitzung begann um 18:30 und endete pünktlich nach einer Stunde um 19:30, damit die Teilnehmer wieder nach Rom zurückfahren konnten.

"Erdbeben wie das von 1703 sehr unwahrscheinlich"

Hier setzt auch die Anklage ihren ersten Pflock ein. Nach einem kurzen Rapport über die tausende Erdstöße meist niedriger Intensität, die die Gegend um l’Aquila seit dem Juni 2008 erschüttern, wird das eigentliche Thema angesprochen: Was man der alarmierten Bevölkerung sagen solle. Doch nun versteigt sich der Leiter des italienischen Institutes für Erdbeben und Vulkan-Forschung (INGV) Enzo Boschi zur ersten gewagten Behauptung: "Ein Erdbeben wie das von 1703 ist sehr unwahrscheinlich." Es sei eher wahrscheinlich, so der damalige Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardino De Bernardinis, gegenüber den Medien danach, dass die vielen kleinen Beben die Energie in der Erdspalte verbrauchen würden, also könne man nun ruhigere Nächte verbringen. Auch sei die Gefahr im Erdbebenrisikobereich "2" nicht so stark. Man müsse maximal das Herunterfallen von Blumentöpfen und nicht fest angebrachter Gegenstände fürchten. So gesagt und geschrieben, eine Woche vor dem katastrophalen Erdbeben.

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Berlusconi ließ den G8-Gipfel 2009 im zerstörten Aquila ausrichten.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Pech für die Kommissionsmitglieder war, dass die Staatsanwaltschaft sich die wissenschaftlichen Veröffentlichungen des Erdbeben-Institutes INGV unter Leitung von Enzo Boschi genau angeschaut hat. Und dabei auf ganz andere Erkenntnisse stieß. So fanden die Forscher heraus, dass die hohe Anzahl von kleinen Beben, den sogenannten Schauern, in dieser Gegend durchaus ein Vorzeichen für große Beben sein kann. Sie fanden heraus, dass die hauseigenen Wissenschaftler des INGV, die aber nicht in der Kommission saßen, die Gegend um l’Aquila eben erst in die allerhöchste Risiko-Zone Italiens eingestuft hatten und vermuteten, dass es dort in den nächsten Jahrzehnten zu einem sehr schweren Beben kommen dürfte: Eine Erkenntnis, die allein aus der Auswertung der seismologischen Messungen zu erkennen sei. Der Chef des Institutes beschwichtigte die Öffentlichkeit, seine eigenen Forscher aber warnten eindringlich vor der Gefahr.

Behauptung ohne wissenschaftliche Begründung

Die Kommission hat einen großen Fehler gemacht: Sie hat behauptet, ein Erdbeben sei praktisch auszuschließen. Dafür gab es keine wissenschaftliche Begründung, sondern das war Ergebnis des politischen Druckes seitens der Regierung von sSlvio Berlusconi. Das hätten sie eben nicht sagen und schreiben dürfen, denn genau wegen dieser Beschwichtigung sind die Menschen zu Hause geblieben.

Der Journalist Giustino Parisse, der bei dem Beben seine zwei Kinder Domenico und Maria Paola verlor, sagte nach dem Gerichtsentscheid: "Als ich das Urteil hörte, habe ich geweint. Es waren aber keine Tränen der Befriedigung. Es war derselbe Schmerz, den ich gespürt habe, als ich meine beiden Kinder zum letzten Mal sah, in den Augenblicken, als sie verzweifelt schriehen "Papi, Papi", um dann von den Trümmern erschlagen zu werden. Sind diese Männer die Mörder meiner Kinder? Nein, es ist meine Schuld, dass ich diesen Männer der Risiko-Kommission vertraut habe, die in jenem Augenblick eben nicht Wissenschaft betrieb."

Nicht Wissenschaft, sondern Politik. Denn das war und ist die Crux mit dieser Risiko-Kommission. Sie und das ganze Erdbeben-Forschungs-Institut INGV werden von der Regierung finanziert, und als die Wissenschaftler in l’Aquila behaupteten, ein Risiko sei praktisch auszuschließen, waren sie untertänige Helfer einer schlechten Politik, vorgeschoben, missbraucht, wenn man so will, aber keine Wissenschaftler. Das hätte man nur eher wissen müssen.

Quelle: n-tv.de

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