Politik

"Alle Signale deuten darauf hin"Westliche Regierungen rechnen mit US-Angriff auf den Iran binnen 24 Stunden

15.01.2026, 05:15 Uhr
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Blick-auf-die-von-Smog-geplagte-Millionenmetropole-Teheran-Wassermangel-und-Luftverschmutzung-belasten-die-Einwohner-der-iranischen-Hauptstadt
Blick auf Irans Hauptstadt Teheran (Foto: picture alliance/dpa)

Nach Drohungen in Richtung Teheran schlägt US-Präsident Trump zuletzt leisere Töne an. Angeblich habe das Töten im Iran aufgehört. Doch Truppen-Evakuierungen, Flugraumsperrungen und Reisewarnungen deuten auf eine bevorstehende Eskalation.

Ein US-Militärschlag gegen den Iran wird immer wahrscheinlicher. Zwei europäische Regierungsvertreter gehen davon aus, dass ein Angriff in den nächsten 24 Stunden erfolgen könnte. "Alle Signale deuten darauf hin, dass ein US-Angriff unmittelbar bevorsteht", sagte ein westlicher Militärvertreter am Abend. Nach dem brutalen Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen die Massenproteste legen Entwicklungen in der Region nahe, dass US-Präsident Donald Trump seine Drohungen gegen die politische Führung in Teheran wahr machen könnte. So wurden die direkten Kontakte zwischen dem iranischen Außenminister Abbas Araghtschi und dem US-Sondergesandten Steve Witkoff ausgesetzt.

Die USA begannen auf dem Militärstützpunkt Al-Udeid am Rande der katarischen Hauptstadt Doha mit der Evakuierung Hunderter Soldaten, wie die US-Sender CBS und NBC News berichten. Es handle sich um eine "Vorsichtsmaßnahme", hieß es. Später riet die US-Botschaft in Doha dazu, auf nicht notwendige Fahrten zu dem Militärstützpunkt zu verzichten. Al-Udeid in Katar ist der größte US-Militärstützpunkt im Nahen Osten, der bei einem möglichen Konflikt mit dem Iran wohl eine Schlüsselrolle spielen würde. Teherans Streitkräfte hatten ihn im vergangenen Jahr als Reaktion auf US-Angriffe gegen das iranische Atomprogramm mit Raketen beschossen.

Die US-Botschaft in Kuwait verbot allen nicht dringend notwendigen Mitarbeitern zeitweise, sich auf vier Militärstützpunkte in dem Land zu begeben. Großbritannien warnte seine Staatsbürger angesichts der angespannten Lage in der Region vor nicht notwendigen Reisen nach Israel.

Luftraumsperrung auf fünf Stunden verlängert

Zuvor hatte der Iran seine Nachbarländer, darunter Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei, gewarnt, dass US-Stützpunkte auf deren Territorium angegriffen würden, sollte Washington den Iran attackieren. Mit der Sperrung seines Luftraums heizte der Iran die Lage weiter an. Eine ursprünglich auf gut zwei Stunden angesetzte Sperrung wurde auf fünf Stunden verlängert, wie aus einer von der US-Luftfahrtbehörde FAA verbreiteten Mitteilung hervorging. Die Lage ist riskant, da die Gefahr einer Fehlidentifizierung von zivilen Flugzeugen durch die Luftabwehr besteht. Im Jahr 2020 hatte das iranische Militär ein ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen und dabei alle 176 Menschen an Bord getötet.

Mehrere Fluglinien und Staaten reagierten. Die Bundesregierung warnte deutsche Fluggesellschaften, woraufhin die Lufthansa ankündigte, den iranischen und irakischen Luftraum zu umfliegen. Zudem beschränkt die Fluglinie ihre Verbindungen nach Tel Aviv und Amman bis kommende Woche auf Tagesflüge, damit die Crews nicht über Nacht bleiben müssen. Auch die Fluggesellschaften Air India und IndiGo meldeten Beeinträchtigungen. Ein Flug der russischen Aeroflot nach Teheran kehrte um. Italien und Polen forderten ihre Bürger auf, den Iran zu verlassen. Großbritannien schloss vorübergehend seine Botschaft in Teheran.

Trump: Uns wurde gesagt, dass Tötungen im Iran aufhören

Trump hatte dem Iran für den Fall, dass festgenommene Demonstranten hingerichtet werden, mit einer entschlossenen Reaktion gedroht. Am Mittwoch erklärte er, die USA hätten die Information erhalten, dass es im Iran keine Pläne für Hinrichtungen gebe. "Uns wurde gesagt, dass die Tötungen im Iran aufhören", sagte der Republikaner im Weißen Haus. "Sie hören auf, und es gibt keinen Plan für Hinrichtungen oder eine Hinrichtung." Er hoffe, dass es stimme. Irans Außenminister Araghtschi sagte später in einem Interview des US-Senders Fox News, es gebe überhaupt keinen Plan für Hinrichtungen.

Trumps Äußerungen ließen einen unmittelbaren Angriff auf Ziele im Iran weniger wahrscheinlich erscheinen. Allerdings kamen auch die US-Angriffe auf das Atomprogramm im vergangenen Jahr sehr überraschend - nur Stunden, nachdem Trump noch von Verhandlungen mit dem Iran gesprochen hatte.

Demonstranten unter Generalverdacht

Derweil herrscht im Iran eine angespannte Ruhe. Damit rücken Befürchtungen vor Vergeltung und Strafen gegen Demonstranten in den Vordergrund. "Das war überhaupt kein Protest mehr, sondern ein vollumfänglicher innerer Krieg", sagte Irans Justizminister Amin-Hussein Rahimi. Bereits in der vergangenen Woche hatte die Justiz "maximale Härte" angekündigt. Ausgelöst wurde die aktuelle Protestwelle Ende Dezember durch eine schwere Wirtschaftskrise im Iran. Die Regierung zeigte sich zunächst kompromissbereit. Rasch entwickelten sich die Demonstrationen jedoch zu politischen Protesten gegen das autoritäre Herrschaftssystem der Islamischen Republik. Vergangenen Donnerstag und Freitag erlebte das Land dann die schwersten Massenproteste und Unruhen seit Jahren. Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hatte zu Demonstrationen im ganzen Land aufgerufen.

Inzwischen sind die Proteste erst einmal deutlich zurückgegangen - wohl auch als Reaktion auf das brutale Vorgehen der Regierung und die Androhung drakonischer Strafen. Fraglich war, ob sie zum iranischen Wochenende, das an diesem Donnerstagabend beginnt, wieder an Zulauf gewinnen würden.

Offizielle Opferzahlen hat die Regierung bislang nicht veröffentlicht. Außenminister Araghtschi sprach gegenüber Fox News von Hunderten Toten. Menschenrechtsorganisationen im Ausland dokumentieren trotz Internetsperren so gut wie möglich das Ausmaß der Gewalt. Die Gruppe Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo bezifferte die Zahl der getöteten Demonstranten auf 3428. Die tatsächliche Zahl könne deutlich höher liegen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben derzeit nicht.

Quelle: ntv.de, mau/rts/dpa