Politik

Talk zum Ukraine-Krieg bei Lanz "Wünschen ist schön, aber Sie müssen die Realität auch sehen"

290683790.jpg

Flaßpöhler ist eine der Unterzeichnerinnen des offenen Briefes, der rasche Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine fordert.

(Foto: picture alliance / Panama Pictures)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Jüngst haben Wissenschaftler und Intellektuelle erneut einen offenen Brief veröffentlicht. Darin fordern sie, dass möglichst schnell Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine aufgenommen werden sollen. Eine der Verfasserinnen ist nun zu Gast bei "Markus Lanz".

In der vergangenen Woche haben mehrere Wissenschaftler, Journalisten und Intellektuelle erneut ihre Sorge über eine Verlängerung des Blutvergießens in der Ukraine zum Ausdruck gebracht. In einem offenen Brief forderten sie erneut sofortige Friedensverhandlungen. Die Ukraine könne den Krieg nicht mehr gewinnen, hieß es. Eine der Unterzeichnerinnen ist die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Sie hatte die schwierige Aufgabe, sich im ZDF bei "Markus Lanz" gegen den sehr ruhig diskutierenden CDU-Verteidigungsexperten Roderich Kiesewetter durchzusetzen. Der Moderator ist dabei nicht immer eine große Hilfe. Im Gegenteil: Er lässt zwischendurch gar ein wenig Kriegsbegeisterung aufkommen, wenn er zum Beispiel schwärmt: "Wir haben sogar die Schlangeninsel zurückerobert."

"Entscheidend ist, was die Ukraine braucht"

Echten Streit gibt es nur einmal, als Moderator Markus Lanz die beiden Gäste mit einem Tweet von Kiesewetter aus der vergangenen Woche konfrontiert. Da hatte dieser Flaßpöhler und den Mitunterzeichnern "intellektuelle Unfähigkeit" vorgeworfen. Es sei unnötig gewesen, diese Bemerkung erneut zu zitieren, weist Flaßpöhler Lanz zurecht. Das sei hier eben so, antwortet der.

In der Diskussion spricht sich Kiesewetter für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine aus. "Entscheidend ist, was die Ukraine braucht", sagt er. Kriegsziel müsse sein, dass sich die russische Armee auf ihre Stellungen von vor dem Krieg zurückziehe. Angesichts der Tatsache, dass Russland mittlerweile mehr als ein Fünftel der Ukraine besetzt hat, ein möglicherweise nicht ganz leichtes Unterfangen. Machbar sei das schon, sagt Kiesewetter. Dazu dürften nur die Waffenlieferungen aus dem Westen nicht so zäh kommen. Besonders Bundeskanzler Olaf Scholz trage daran eine gewisse Mitschuld: "Es wird im Sicherheitsausschuss nicht beraten, kommt gar nicht erst auf die Tagesordnung."

Dennoch nehme er den offenen Brief von Flaßpöhler und ihren Mitstreitern sehr ernst. "Mir fehlen nur zwei Perspektiven. Das eine ist die Frage, wie es nach dem Waffenstillstand mit der Ukraine weitergeht. Außerdem werden die russischen Kriegsziele nicht berücksichtigt. Putin hat im letzten Juli gesagt, die Ukraine habe kein Existenzrecht, und vor Kriegsbeginn deutlich gemacht, das nächste Ziel sei Moldau." Von diesen Zielen habe der russische Präsident nicht abgelassen. Würde man jetzt einen Waffenstillstand vereinbaren, dann würde die russische Seite sich freuen, die Armee würde sich wieder erholen, und wir würden Landraub zu einer legitimen Sache machen.

"Die moralische Verantwortung"

Natürlich sei es richtig, dass die Ukraine Waffen benötige, wenn sie kämpfen wolle, sagt Flaßpöhler. "Aber man muss doch als jemand, der Waffen liefert, eine moralische Verantwortung übernehmen, was mit diesen Waffen passiert oder passieren kann." Jene, die die Waffen liefern, müssten genau erklären, was damit erreicht werden soll, sie müssten ihre Kriegsziele benennen. "Es gibt sehr ernstzunehmende Stimmen von Militärexperten, die sagen, die Ukraine kann diesen Krieg nicht gewinnen - auch wenn man das will." Man könne gegen die russische Übermacht nicht ankommen. "Wünschen ist schön, aber Sie müssen die Realität auch sehen", so Flaßpöhler. Woher nähmen jene, die die Waffen in die Ukraine liefern, die Gewissheit eines Sieges?

Mehr zum Thema

Ja, es bleibe ein Zweifel, sagt Kiesewetter. "Aber was wäre, wenn wir nichts machen würden?" Die Ukraine müsse in die bestmögliche Verhandlungsposition gebracht werden, fordert der Wehrexperte. "Aber die Verhandlungsposition wird doch immer schlechter, mit jedem russischen Erfolg", sagt Flaßpöhler. Klar, gibt Kiesewetter zu, "weil wir nicht liefern."

Der Westen müsse eine "Deeskalationsstrategie" betreiben, fordert Flaßpöhler, gerade mit Blick auf die globalen Kriegsfolgen wie Hungersnöte oder Auseinandersetzungen in mehreren asiatischen Ländern. "Das sind Kriegsfolgen, die wir, die die Waffen liefern, mitverantworten müssen." Es sei richtig, dass der russische Präsident für den Krieg verantwortlich sei. "Aber es geht jetzt darum, den Schaden zu begrenzen", sagt Flaßpöhler. Am Ende wirkt sie ein wenig verzweifelt, als sie eine konzertierte Aktion des westlichen Lagers für Friedensverhandlungen fordert. Und dann sagt sie, mit Blick auf Lanz und Kiesewetter: "Aber so lange Sie den Krieg weiter befeuern, wird das nicht passieren."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen