Dossier

Der Jemen und Al-Kaida "Das Regime ist völlig verrottet"

Der vereitelte Flugzeuganschlag rückt den Jemen ins Zentrum der Terrorbekämpfung: Dort wurde offenbar der Attentäter ausgebildet, das Land ist seit Jahren ein wichtiger Rückzugsort für Al-Kaida. Terrorexperte Steinberg warnt gegenüber n-tv.de vor der Instabilität des Jemen: " Ich befürchte, dass das Land zwangsläufig zusammenbricht."

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Ein Staat vor dem Abgrund? Szene aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

(Foto: dpa)

Zwar ist noch nicht abschließend bewiesen, dass der mutmaßliche Attentäter Umar Faruk Abdulmutallab im Jemen ausgebildet und auf den Flugzeuganschlag vorbereitet wurde. Doch neben dem Attentäter bekennt sich nun auch der jemenitische Arm von Al-Kaida zu dem Anschlagsversuch und droht mit weiteren Angriffen auf westliche Ziele. Der Jemen rückt als Brutstätte des Terrors in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Was dabei zu Tage tritt, stimmt nicht besonders hoffnungsvoll: Separatismus, Bürgerkrieg und Al-Kaida gefährden die Stabilität des Landes. "Ich befürchte, dass der Jemen zwangsläufig vor die Wand fährt", warnt Guido Steinberg, Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die Folgen könnten auch für den Westen dramatisch werden.

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"Der erste schwarzafrikanische Attentäter": Umar Faruk Abdulmutallab.

(Foto: AP)

"Es spricht alles dafür, dass Al-Kaida hinter dem Anschlag steckt", sagt Steinberg gegenüber n-tv.de. Das Bekennerschreiben und die Internetseite, auf der es veröffentlicht wurde, würden den Gepflogenheiten des Terrornetzwerks entsprechen. "Ich erwarte jetzt eigentlich noch ein Video, das kommen müsste." Denn in der Öffentlichkeitsarbeit seien die jemenitischen Terroristen sehr gut.

"Wichtiger Rekrutierungspool"

Steinberg zeichnet ein düsteres Bild vom Zustand des Jemen und der tiefen Verwurzelung des Terrorismus dort. Zwar seien Pakistan und Afghanistan nach wie vor wichtiger für Al-Kaida. Doch schon seit Anfang der 90er Jahre sei der Jemen "ein großes Logistikzentrum, Rückzugsgebiet und ein wichtiger Rekrutierungspool" des Terrornetzwerks. Und der Jemen ist neben seinem Nachbarn Saudi-Arabien das Geburtsland von Al-Kaida – auch Osama bin Ladens Familie stammt von hier. Sein Vater kommt aus der Stadt Hadramaut und war in Saudi-Arabien zum Bauunternehmer und Milliardär aufgestiegen. "Das Terrornetzwerk rekrutiert sich fast ausschließlich aus dem Jemen und Saudi-Arabien", sagt Steinberg. Deshalb sei Al-Kaida dort so stark.

Einen regelrechten Schub erlebte der jemenitische Arm des Terrornetzwerks im Jahr 2006. Im Februar konnten mehr als 20 Häftlinge aus einem Gefängnis der Hauptstadt Sanaa fliehen. Unter ihnen waren einige Top-Terroristen, auch Nasser al-Wahaischi, der heute Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel anführt und noch mit Bin Laden in Kontakt stehen soll. Al-Wahaischi war sein Sekretär in Afghanistan und kämpfte etwa in der Schlacht um die Festung Tora Bora an seiner Seite. "Der Ausbruch hat Al-Kaida die Möglichkeit zur Reorganisation gegeben", sagt Steinberg. Zudem sorgten verschärfte Anti-Terror-Maßnahmen in Saudi-Arabien für einen Zustrom saudischer Dschihadisten in den Jemen.

Einige hundert Kämpfer werden derzeit im Jemen vermutet. Weil viele einheimische Stammesangehörige zu Al-Kaida zählen und die Dschihadisten für das Land nützlich im Kampf gegen Rebellen im Norden sind, bekämpft der jemenitische Staat sie nur halbherzig. Auch wenn das Militär unter dem Druck der USA im Dezember zwei Stellungen der Terroristen bombardierte und dabei über 60 Kämpfer getötet haben will – darunter auch zwei Anführer, warnt Terrorismusexperte Steinberg: "Im Kampf gegen den Terror kann man nicht auf Jemen vertrauen." Zumal die Terroristen nicht das größte Problem des Landes seien.

Jemen scheut Konfrontation

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Rebellen im Norden des Landes bedrohen die Stabilität des Jemen. Die Regierung bekämpft sie bislang erfolglos.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Eine viel größere Gefahr für die Stabilität des Landes sind die Houthi-Rebellen im Nordwesten und die Separatisten im Süden des Landes: Beide Konflikte bedrohen den Staat in seiner Grundstruktur, weil sie seine Existenz in Frage stellen. Da seien die Dschihadisten der Al-Kaida ein nützliches Instrument, um die Macht der Rebellen und Separatisten zu begrenzen. Ähnlich wie in Pakistan scheut der Jemen deshalb die offensive Konfrontation.

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Separatisten im Süden fordern Autonomie: Demonstranten im Dezember in der Stadt Habileen.

(Foto: Reuters)

Zumal die Ideologie der Terroristen in der Region stark verbreit ist, wie Steinberg sagt. Von der in Saudi-Arabien vorherrschenden Glaubensrichtung des Wahhabismus sei es kein weiter Weg zum Dschihadismus der Al-Kaida. "Der wesentliche Unterschied ist, dass für Wahhabiten ein Herrscher den Dschihad befehlen muss, während Al-Kaida die Rechtmäßigkeit der Herrschenden nicht anerkennt", erklärt der Terrorismusexperte. Die Grenze sei fließend.

"Dann hätten wir ein Problem"

Überrascht ist Steinberg allerdings von der Tatsache, dass die jemenitischen Dschihadisten auf einmal über die Region hinaus Anschläge verüben. Zumal es der erste Anschlag einer "Filiale" des Terrornetzwerks sei. Und Sorgen macht ihm zudem, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter erstmals um einen Schwarzafrikaner handelt – nicht wie bislang einem Terroristen aus Pakistan, Nordafrika oder der arabischen Halbinsel.

"Es bleibt abzuwarten, ob sich damit ein Trend abzeichnet oder Umar Faruk Abdulmutallab ein Einzelfall war", sagt Steinberg. Wenn, wie von der "New York Times" berichtet, die Mutter des Täters aus dem Jemen stamme, würde das für einen besonderen Einzelfall sprechen. "Wenn nicht, wäre es besorgniserregend – dann hätten wir ein Problem."

Regime vor dem Abgrund

Doch auch ohne eine neue Terror-Verbindung mit Nigeria geht vom Jemen nach Ansicht Steinbergs eine große Gefahr aus. "Das Land ist eine Warnung an die internationale Politik, scheinbar periphere Länder nicht sich selbst zu überlassen", sagt der Wissenschaftler. Die Instabilität des Jemen biete nicht nur den Al-Kaida-Anhängern ausreichend Schutz. Sie sei auch eine Gefahr für die westlichen Staaten: Wegen möglicher Anschläge dort oder auf die deutschen Truppen, die im Golf von Aden stationiert sind.

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Mit eigener Agenda: Der saudische König Abdullah bei einem Truppenbesuch nahe der jemenitischen Grenze.

(Foto: REUTERS)

"Ich bin sehr pessimistisch, was den Jemen betrifft – das Regime dort hat sich überlebt", sagt Steinberg. "Es ist vollkommen verrottet." Ein Machtwechsel sei unausweichlich, die Frage sei nur noch, wer Nachfolger von Präsident Ali Abdullah Salih werde.

Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um dem Jemen zu helfen? Ziel müsse es sein, die Regierung in Sanaa dazu zu zwingen, den Dialog mit den Rebellen zu suchen und politische Reformen in Angriff zu nehmen, meint Steinberg. "Die EU müsste gemeinsam mit den USA, China und Saudi-Arabien eine Lösung suchen", erklärt der Terrorexperte. Das sei aber wenig wahrscheinlich, weil Saudi-Arabien eine eigene Agenda verfolge: Der Jemen solle zwar halbwegs stabil sein, aber auch nicht zu stabil, damit das Land nicht zu einer Bedrohung wachsen könne. Als solche habe Saudi-Arabien es lange Zeit wahrgenommen. Und noch eine weitere Tatsache stimmt Steinberg sehr skeptisch: "Die westliche Politik hat bislang nichts dazu beigetragen, dem Jemen zu helfen."

Quelle: n-tv.de

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