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"Unser täglich Brot"Der Preis der Schnäppchen

11.01.2007, 09:25 Uhr

Lebende Küken werden von Sortieranlagen durch die Luft geschossen, ganze Fische von High-Tech-Maschinen binnen Sekunden in fünf Produkte zerteilt.

"Wie das Außen, so das Innen", besagt eine alte Alchimisten-Weisheit. Auch Feng-Shui-Wissen oder etwa die Gemälde eines Caspar David Friedrich vermitteln, dass es zwischen der Art und Weise, wie der Mensch seine Umwelt gestaltet, und seiner Seele tiefgründige Zusammenhänge gibt.

Demnach müssten unser aller innere Landschaften reichlich öde und steril aussehen - und diese Erkenntnis hätten wir auch Nikolaus Geyrhalter zu verdanken: Der 34-jährige österreichische Dokumentarfilmer ("Pripyat" 1999, "Elsewhere" 2001) gewährt in seinem fünften, mehrfach preisgekrönten Werk "Unser täglich Brot" Einblicke in die heutige Nahrungsmittelproduktion. Dabei offenbart der industrielle Umgang mit Flora und Fauna, der uns wie selbstverständlich mit preiswertem Essen und Trinken versorgt, frappierende Monotonie und Seelenlosigkeit.

Lebende Küken werden von Sortieranlagen durch die Luft geschossen, ganze Fische von High-Tech-Maschinen binnen Sekunden in fünf Produkte zerteilt, Spargelfelder erstrecken sich auf flurbereinigten Flächen, soweit das Auge reicht. Die Zucht von Tomaten, Paprika oder Gurken in riesigen Gewächshäusern ist in ihrer Optik zunächst kaum zu unterscheiden. Drei Jahre lang hat Geyrhalter (Regie, Kamera) mit Wolfgang Widerhofer (Drehbuch, Schnitt) in vielen Betrieben Europas - immerhin mit deren Erlaubnis - recherchiert und gedreht.

Seine Kamera mittig und statisch auf die jeweilige Produktionssituation gerichtet, lässt er die Bilder in ihrer eigentümlichen Anti-Ästhetik ohne Kommentar auskommen. Untermalt werden sie nur vom Summen und Brummen, vom Hämmern und Schlagen der Anlagen. Zwischendurch sind immer wieder Menschen zu sehen, die diese Maschinen bedienen: Isoliert, in reizlosen Räumen sitzend, verzehren sie ihr Pausenbrot.

Inwieweit dem Betrachter dabei der Appetit oder die eingefahrene Ernährungsgewohnheit vergeht, hängt vom einzelnen ab. "Das Publikum soll einfach in diese Welt eintauchen und sich selbst eine Meinung bilden", sagte Geyrhalter. Solche Objektivität seines Films besteht wohl nur scheinbar. Denn die subtil erschreckenden Aufnahmen, die keine wilden Schlachthausszenen zeigen, sondern eine verarmende Effizienz, wirken auf das Gemüt natürlich auch manipulierend - wenngleich mit besten Absichten.

Um ein fundiertes Urteil zu gewinnen, müsste sich der Interessierte mit zusätzlichem Faktenmaterial versorgen. Doch eine wesentliche Erfahrung bietet Geyrhalters Film, der auch im Zusammenhang mit aktuellen Food-Dokus wie "Super Size Me" (2004) und "We Feed The World" (2005/06) zu sehen ist, allemal: Er zeigt uns einen Zustand der Welt. Und der gibt auf jeden Fall zu denken.

(Ulrike Cordes, dpa)