Dossier

Am Anfang stand ein Buch Erfundene Veröffentlichungen

Akhmad Akkari, Sprecher von 21 dänisch-muslimischen Organisationen, bestätigte, den ursprünglichen 12 bei Jyllands-Posten abgedruckten Mohammad-Cartoons noch drei hinzugefügt zu haben, "um einen Einblick in die hasserfüllte Stimmung gegen Moslems in Dänemark" zu verdeutlichen. Das erklärte Akkari gegenüber "Brussels Journal", einer Vereinigung europäischer Journalisten, die sich nach eigenen Angaben gegen die "Konsens-Kultur im heutigen Europa auflehnen; Freiheit, Wissen und Wahrheit anstreben".

Akkari kennt angeblich nicht den Ursprung der drei zusätzlichen Bilder. Sie seien dänischen Moslems anonym zugeschickt worden. Er weigert sich allerdings, die Namen der Empfänger zu nennen.

Der Sturm um die Karikaturen brach nicht sofort aus. Ursprünglich wurden 12 Bilder im September in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" abgedruckt. Vorausgegangen war dem das Bemühen eines Autoren, der ein Kinderbuch über das Leben des Propheten Mohammed geschrieben hatte und dafür einen Zeichner suchte – aber keinen fand. Im Islam ist es verboten, den Propheten bildlich darzustellen, und die dänische Künstlerszene war nach dem Mord an dem niederländischen Islamkritiker Theo van Gogh verschreckt. So wandte sich die größte dänische Zeitung an namhafte Karikaturisten mit der Bitte um bildliche Darstellungen des Propheten. Zwölf folgten der Aufforderung, Ende September 2005 veröffentlichte "Jyllands-Posten" die Zeichnungen – und das ursprüngliche Projekt mutierte zu einem gewaltigen Politikum.

Eine Gruppe extremistischer Moslems in Dänemark, deren Gesamtzahl die dänische Journalistin Hana Foighel auf "weniger als tausend" schätzt, bereitete eine 43 Seiten lange Broschüre vor, mit der sich die Gruppe auf Reisen nach Ägypten und Libanon begab, um der arabischen Liga, Akademikern, Religionsführern und dem Großmufti von Ägypten die angebliche "Hasskultur der Dänen zu beweisen". An der Spitze der Delegation stand Ahmed Abdel Rahman Abu Laban. Die Washington Post zitierte den "prominenten Imam" im vergangenen August mit den Worten: "Die Dänen fürchten, im größeren europäischen Ozean zu verschwinden. Sie ließen dafür die Immigranten den Preis bezahlen. Moslems machten sie zu ihren Sündenböcken."

Diese Broschüre aber enthält nicht nur die 12 abgedruckten Darstellungen des Propheten, darunter die mit einem zur Bombe stilisierten Turban. Abgebildet sind da auch die drei hinzugefügten Bilder und weitere satirische Seiten der Jyllands-Posten. Ein Bild zeigt den Propheten mit Schweineschnauze, wie er in ein Mikrophon singt, eine Kritzelzeichnung beschreibt ihn als pädophilen Dämonen und eine besonders schlimme Karikatur zeigt einen am Boden knienden betenden Moslem, den gerade ein Hund besteigt.

Neben arabischen Erklärungen und dänischen Zeitungsausschnitten sind in der Broschüre abstrakte Bilder von Klee und der Mona Lisa wiedergegeben. Die dänische Bildunterschrift unter der "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci belehrt die Leser, dass eine gewisse Loge "seit tausenden Jahren" wisse, dass es sich hierbei um eine Abbildung des Propheten Mohammed handle. Die dänische Zeitung "Ekstra Bladet" besitzt eine Kopie dieser Broschüre und hat sie ins Internet gesetzt.

Es gibt inzwischen auf dutzenden Internetseiten Abbildungen der zwölf ursprünglich von "Jyllands-Posten" gedruckten Bilder. Da kann man schnell erkennen, dass die zusätzlichen besonders beleidigenden drei Cartoons nicht von der dänischen Zeitung stammen.

"Wie können Sie nur den Propheten als Schwein abbilden"", fragte ein arabischer Journalist bei CNN den dazu geschalteten Redakteur der dänischen Zeitung. Völlig verblüfft antwortete der: "Das haben wir doch gar nicht getan!" Der Araber fällt ihm ins Wort und sagt: "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Wie können Sie nur das Gegenteil behaupten!"

Diese peinliche Diskussion ist als weiterer Beweis dafür, dass in der arabischen Welt die Proteste gar nicht gegen die veröffentlichten Karikaturen von "Jyllands-Posten" gerichtet sind. Gesehen hat die Karikaturen ohnehin kaum jemand. Nur eine jordanische Zeitung wagte, sie nachzudrucken. Die Reaktion der Herausgeber folgte postwendend: ""Die Herausgeber der Wochenzeitung "Shihan" wurden vom Nachdruck der schändlichen Karikaturen des Propheten Muhammad überrascht und verurteilen in aller Schärfe dieses unverantwortliche Verhalten seitens der Redaktion. Es wurde beschlossen: alle Ausgaben der Zeitschrift vom Markt zu nehmen; eine Untersuchung darüber einzuleiten, wer im Verlag für dieses schändliche Verhalten verantwortlich ist. Die Firma wird strenge Maßnahmen gegen jeden ergreifen, der mit dieser Tat in Verbindung steht. Der Vorstandsvorsitzende des Verlags Tabaun Al-Arab beschloss, den Chefredakteur ab dem 2.2.2006 von seinen Aufgaben zu entbinden."

Arabische TV-Sender wie Al-Dschasira blenden die Karikaturen aus und selbst CNN verpixelt sie bis zur Unkenntlichkeit. So wirkt allein eine verbale Beschreibung dessen, was in dieser Broschüre enthalten war. Aber das reicht offenbar aus, um 1,3 Milliarden Moslems in eine Rage zu versetzen, an der sich Tausende mit unbeschreiblicher Zerstörungswut beteiligen.

Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Quelle: n-tv.de