Politik
Donnerstag, 19. Juli 2007

Kindersoldaten rekrutiert: Erstmals Haft für Rebellenführer

Ishmael Beah hat die Hölle erlebt. Zwangsrekrutiert als 13 Jahre alter Dorfjunge in Sierra Leone, musste er sich im grausamen Bürgerkrieg der 90er Jahre der Regierungsarmee anschließen. In einem erschütternden Buch hat der heute 26-Jährige aufgeschrieben, wie er unter Drogen unzählige Menschen grausam tötete und misshandelte. Beah war Täter und Opfer zugleich: Er war Kindersoldat. So wie er dienen weltweit etwa 250.000 Minderjährige als Soldaten, schätzen Menschenrechtsorganisationen. Die Mädchen werden oftmals sexuell versklavt. Wenn überhaupt, überleben die Kinder nur mit schweren seelischen und körperlichen Schäden.

Am Donnerstag sind in der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown erstmals in der Geschichte der internationalen Strafjustiz drei einstige Rebellenführer zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden - unter anderem für den Einsatz von Kindersoldaten. Für Corinne Dufka von Human Rights Watch (HRW) ein Richterspruch von historischer Bedeutung. "Das Urteil ist wegweisend, - es verkündet auch über Afrika hinaus, dass es ein Verbrechen ist, Kindern ihre Kindheit und Menschlichkeit zu rauben", sagt die ehemalige Kriegsfotografin, die fünf Jahre lang in Sierra Leone war und heute für HRW im Senegal stationiert ist. "Die drei Männer haben unglaublich grausame Kriegsverbrechen aller möglichen Arten begangen - die Beweislast ist erdrückend".

Nicht nur mehrere afrikanische Länder, sondern auch Kolumbien, Nepal oder Tschetschenien stehen auf einer "Schwarzen Kindersoldaten- Liste" der Vereinten Nationen. Wie Dufka erklärt, werden jedoch nirgendwo sonst Minderjährige so häufig und systematisch wie in Afrika als Kindersoldaten missbraucht, weswegen es in der internationalen Strafjustiz - etwa bei den Sondertribunalen für das ehemalige Jugoslawien oder den Genozid in Ruanda - auch noch nie zuvor einen Urteilsspruch dazu gegeben habe. "Außerdem ist die Aufmerksamkeit enorm gewachsen", fügt sie hinzu.

Seit 2002 verbietet ein Protokoll zur UN-Kinderrechtskonvention den erzwungenen Kriegseinsatz von Jugendlichen unter 18 Jahren. Zweifel, ob zum Zeitpunkt des 11-jährigen Bürgerkriegs in Sierra Leone, der 2002 endete, der Einsatz von Kindersoldaten strafbar war, räumte die Berufungskammer des Strafgerichts für Sierra Leone 2004 aus. Damit war die rückwirkende Geltung des Protokolls festgelegt. Auch der liberianische Ex-Präsident Charles Taylor, der sich derzeit in Den Haag wegen seiner Rolle in Sierra Leones Bürgerkrieg verantworten muss, ist unter anderem wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten angeklagt, ebenso wie der ehemalige kongolesische Milizenführer Thomas Lubanga.

Menschenrechtler hoffen jetzt auf eine abschreckende Wirkung und darauf, dass der Einsatz von Kindersoldaten auch in anderen Konfliktregionen stärker - oder überhaupt erst - verfolgt wird. So sollen beispielsweise im Tschad trotz des Versprechens der Regierung in N'Djamena nach wie vor Minderjährige in Uniform kämpfen - darunter sogar Achtjährige.

Ishmael Beah - der einstige Kindersoldat, der zum Bestsellerautor wurde - kommt dabei nach Sicht von HRW-Expertin Dufka eine ganz eigene Rolle zu: "Er hat einen hervorragenden Dienst geleistet, indem er den Kampf eines Kindes, das Kindheit und Menschlichkeit verloren hat, personalisiert und in einer guten Sprache zu Papier gebracht hat", sagt sie.

Mehr als zwei Jahre hat das Gericht in Freetown für den Prozess gebraucht. Umso größer war am Donnerstag der Andrang im Saal, wo die drei Verurteilten mit gesenkten Köpfen, aber hochkonzentriert, dem Richterspruch lauschten. "Die Menschen sind aus dem ganzen Land gekommen, um die Ereignisse zu verfolgen", beschreibt Gerichtssprecher Peter Andersen die Lage. Für die Bevölkerung, die elf Jahre lang einen unvorstellbar grausamen Bürgerkrieg erleben musste, dürfte es wahre Genugtuung niemals geben. Doch Corinne Dufka betont: "Für die Opfer ist es wichtig zu wissen, dass der Tag der Gerechtigkeit gekommen ist."

von Dorothe Junkers, dpa

Quelle: n-tv.de