Die Zukunft des WaldesEs wird brenzlig
Die Fichte ist die häufigste Baumart in deutschen Wäldern. "Sie wird es nicht schaffen", sagt Dr. Sperber und erklärt warum.
Wer sich in Städten sonnt, dem mögen Waldbrandgefahr und Baumsterben in Deutschland sehr weit entfernt erscheinen. Dabei sind die Folgen der Trockenheit und des Klimawandels bereits sehr greifbar und nah. Auf dem Spiel stehen nicht weniger als Lebens- und Erholungsräume, frische Luft und sauberes Wasser. Der Wald ist weit mehr als die Summe seiner Bäume.
Dr. Georg Sperber beobachtet und dokumentiert die Anzeichen und Folgen des Klimawandels vor seiner Haustür im mittelfränkischen Steigerwald schon lange. Der ehemalige Forstdirektor hat sich seit seiner Pensionierung 1998 keineswegs zur Ruhe gesetzt, sondern schreibt, klärt auf und verbringt nach wie vor viel Zeit im Schatten der Bäume. 2005 machte ihn der WWF zum deutschen Vertreter des internationalen Programms "Klimazeugen". Als Zeuge des Klimawandels und gefragter Waldexperte engagiert sich der 74-Jährige unermüdlich für das allgemeine Waldbewusstsein.
n-tv.de: Herr Dr. Sperber, wann waren Sie zuletzt im Wald?
Dr. Georg Sperber: Heute Morgen. Bei diesen hochsommerlichen Temperaturen geht man als älterer Mensch am besten morgens früh oder abends spät vor die Tür.
Was konnten Sie beobachten?
Nachdem es im April bei extremen Temperaturen nicht geregnet hat, sieht es im Wald sehr bedenklich aus: Schwere Lehmböden trocknen aus und reißen fingerbreit auf. Das hat für Baumarten wie die Buche zur Folge, dass Feinwurzeln zerreißen. Das kann in Extremfällen bei der Buche bis zum Absterben führen.
Derzeit besteht flächendeckend akute Waldbrandgefahr. Wie kann man an das Verantwortungsbewusstsein der unbeobachteten Waldbesucher von heute appellieren?
Diesbezüglich ist bereits viel geschehen. Überall stehen die Schildchen mit dem Eichhörnchen das warnt, "der Wald ist bald zu Asche gemacht". Doch gewöhnen sie einmal einem Raucher das Rauchen ab. Das Problem sind wohl weniger die Grillfeuer in Waldnähe, sondern vielmehr im Wald weggeworfene Zigarettenkippen.
Haben Sie selbst schon einen Waldbrand erlebt?
Ja sicher. Ich habe sogar dramatische Waldbrände erlebt. Als 1947 der Nürnberger Reichswald vor meiner Haustür auf riesigen Flächen brannte, waren wir als Buben mit der örtlichen Feuerwehr unterwegs.
Befürchten Sie in diesem Frühjahr erneut den Ausbruch eines Waldbrandes vor Ihrer Haustür?
Ich habe hier in unserem Buchenwald noch nie einen Waldbrand erlebt. Brandgefahr besteht hauptsächlich in den Kiefern-Kunstforsten. Der Nürnberger Reichswald, meine Heimat, war das höchstgefährdete Gebiet in Bayern. Dort wurde seit dem 14. Jahrhundert die Kiefer kultiviert. Von Natur waren dort jedoch, wie auf der weitaus überwiegenden Fläche Deutschlands, vor allem Buchen und Eichen zu Hause gewesen.
Sie selbst kennen den Wald schon von Kindesbeinen an. Haben Sie in all den Jahren klimatische Veränderungen bemerkt?
Ich kann hier nicht nur auf Erfahrungswerte zurückgreifen, sondern auf ganz konkrete Ergebnisse der drei Messstationen in meinem früheren Amtsbereich, dem Steigerwald. Die aufgezeichneten Daten zeigen, dass die Jahresdurchschnittstemperatur markant zunimmt und sich seit den 1990er Jahren Temperaturextreme wie im Sommer 2003 oder in diesem Frühjahr häufen.
Wie steht es um den Regen?
Die Niederschläge haben sich zwar nicht erkennbar in der Menge verändert, aber das Niederschlagsgeschehen hat sich ganz einschneidend verlagert: Traditionell kam es im Steigerwald zu kräftigen Gewittern in der Vegetationszeit, also wenn es die Natur am Nötigsten hatte. Das ist heute völlig anders: Seit 17 Jahren sind die Monate Mai bis Juni die mit Abstand niederschlagärmsten des Jahres und am meisten Regen fällt im Spätherbst und Winter, wenn die Vegetation das Wasser nicht mehr braucht.
Sie haben einmal im Zusammenhang mit dem Klimawandel den Borkenkäfer als "Instrument der Natur" bezeichnet, das die Fichte aus dem deutschen Wald vertreibt. Was steckt dahinter?
Die Fichte wird aussterben, darüber sind sich die Experten inzwischen einig. Sie ist eine nordische Baumart und kommt nur in den Hochlagen Deutschlands natürlich vor. Als Flachwurzler ist sie sehr anfällig für Trockenperioden und Stürme. Der Orkan Kyrill hat im Januar wieder verheerende Schäden angerichtet. Wir wissen aus langjähriger Erfahrung, dass nach solch einem Sturmereignis noch einmal die gleiche Menge an Baumausfall durch den Borkenkäfer zu erwarten ist, der sich in den Sturmüberresten rasch vermehrt.
Welche Rolle spielt da das Klima?
Sehr viele Insekten profitieren von der Wärme. Gerade haben wir den wärmsten Herbst, den wärmsten Winter und das wärmste Frühjahr der Wettergeschichte erlebt. Nach so ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen wird uns der Borkenkäfer dieses Jahr vor ein riesiges Problem stellen.
Sind auch neue Insektenarten aufgetaucht?
Der Eichenprozessionsspinner vermehrt sich inzwischen auffällig. Bisher waren die Raupen eher selten. Ihre Haare führen bei Menschen zu Hautreizungen bis hin zu asthmatischen Reaktionen. Manche Wälder kann man hier gar nicht mehr betreten. Dort kann auch kein Brennholz geschlagen werden, weil die Haare des Prozessionsspinners mit den Scheiten in die Häuser getragen werden und noch jahrelang allergische Reaktionen hervorrufen können.
Die Fichte kann dem Klimawandel und seinen Begleiterscheinungen nicht standhalten. Welche Erfahrungen haben sie mit anderen, einheimischen Baumarten gemacht?
Linden-Arten, Elsbeere oder Esche zum Beispiel haben tief reichende Wurzeln und kommen mit höheren Temperaturen wesentlich besser zurecht. Auch die Weißtanne profitiert von ihrem kräftigen Wuchs und dringt mit ihrem Tiefenwurzelsystem zu Wasservorräten durch, die für die Fichte nicht erreichbar sind. Wo die Fichten von Stürmen hinweggefegt oder vom Borkenkäfer vernichtet wurden, gedeiht die Weißtanne hervorragend. Sie war in Deutschland von Natur die am weitesten verbreitete Nadelbaumart. Doch inzwischen ist sie eine bedrohte Minderheit, die auf der Roten Liste steht. Schuld daran sind die übliche Forstwirtschaft und die allzu vielen Rehe, die den Nachwuchs der Tanne bevorzugt verbeißen. Schließlich drohte sie durch die Schwefelbelastung der Luft auszusterben. Die Debatte um das Waldsterben in den 90er Jahren und die anschließende Verbesserung der Situation hat die Weißtanne gerettet.
Wird die Forstwirtschaft auf diese natürlich vorhandenen Alternativen des Waldes bauen?
Es scheint, man hat nicht einmal angefangen zu überlegen, welche von unseren heimischen Baumarten in Frage kämen. So hat der Präsident des deutschen Waldbesitzerverbands neulich verkündet, dass es wegen des Fichtensterbens an der Zeit sei, die Wälder umzurüsten. Doch er setzt dabei auf nordamerikanische Baumarten wie die Douglasie, die Roteiche oder die Robinie und die Gelbkiefer.
Können Naturwälder im Gegensatz zum Forst besser auf die Trockenheit reagieren?
Das ist eine spannende Frage. Im natürlich gewachsenen Wald herrscht ein Artenreichtum und Variation innerhalb der Baumarten. Buchen besitzen zum Beispiel ausgesprochene "Baumpersönlichkeiten" manche sind bereits grün, andere haben bis jetzt noch nicht ausgetrieben und werden daher von der Trockenheit weniger stark getroffen. Am Ende überleben und pflanzen sich diejenigen Bäume fort, die den speziellen Bedingungen am besten angeglichen sind. Naturwälder verfügen über einen weit breiteren Genpool als Wirtschaftsforste, deren Brotbaum Fichte sich gerade verabschiedet und deren brandgefährdete Kiefernbestände in manchen Gegenden nicht mehr betreten werden dürfen.
Teile des Steigerwalds sollen zum Nationalpark erklärt werden. Sie haben als Forstdirektor den Umbau des Waldes vorangetrieben und Ihrem Nachfolger einen vorbildlichen Mischwald hinterlassen. Wie wird "Ihr Wald" in 100 Jahren aussehen?
Ich bin für den natürlichen Wald ganz optimistisch. Hier steckt noch ein enormes genetisches Potenzial in den letzten Resten von Uralt-Beständen, die der Natur zu Gute kommen werden. Es wird spannend zu beobachten sein, was der liebe Gott mit dem Wald vorhat, welche Lösungen die Natur bereit hält.
Mit Georg Sperber sprach Nona Schulte-Römer