Politik
Donnerstag, 23. März 2006

Che Guevaras Tochter: Fidel als Vaterfigur

Probleme in Job oder Liebe bespricht Aleida Guevara March schon mal mit Fidel Castro. Der kubanische Staatschef spielt im Leben der Tochter des Revolutionärs Che Guevara eine zentrale Rolle. "Er war meine nächste Vaterfigur. Ich würde gern noch mehr Zeit mit Fidel verbringen. Aber er arbeitet sehr viel", sagt die 45-jährige Kinderärztin. Mit glühenden Augen und großer Gestik lobt die überzeugte Kommunistin ihren 1967 erschossenen Vater sowie den 79-jährigen Mximo Lider Castro und das kubanische Regime. Bis zum kommenden Montag besucht Aleida Guevara das Rhein-Main-Gebiet.

Stets hat der argentinisch-kubanische Revolutionär Ernesto Che Guevara den Kapitalismus bekämpft - doch mit der Vermarktung seines Gesichtes wird längst weltweit Kasse gemacht. Sein Konterfei ziert T-Shirts und Telefonkarten, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge, Uhren und Unternehmensanzeigen. Alberto Kordas Foto vom Che mit melancholischem Gesichtsausdruck und einem Barett mit rotem Stern ist unzählige Male um die Welt gegangen. Sein früher Tod mit 39 Jahren hat ihn unsterblich gemacht.

Zuvor hatte Guevara zusammen mit Castro und anderen Kampfgenossen den Diktator Fulgencio Batista aus Kuba vertrieben. Diesen Erfolg wollte der Revolutionär mit Medizinstudium auf Bolivien übertragen - doch dort erschoss ihn das Militär.

"Meine Mutter war damals so in Tränen aufgelöst, wie ich sie noch nie gesehen hatte", erzählt Aleida Guevara, das älteste der vier Kinder aus der zweiten Ehe des Revolutionärs. Das Mädchen war damals sechs. "Mama hat ihn so wahnsinnig geliebt, wie es kein Romancier beschreiben kann." Aleida March trug ihrer Tochter die Abschiedszeilen ihres Ehemannes vor: "Wenn ihr diesen Brief lest, werde ich nicht mehr leben." Das Ende hieß: "Einen dicken Kuss von Papa."

Bei aller Trauer habe die Familie nach vorne geblickt, erzählt Aleida Guevara weiter: "Wir Kinder versprachen unserer Mutter, dass sie auf uns stolz sein kann." Fortan begleitete sie der Mythos eines Volkshelden. Dennoch habe die Familie keine Privilegien genossen. "Da war meine Mutter strikt dagegen. Wir sollten wie alle kubanischen Kinder aufwachsen - auch in den siebziger Jahren, als es eine Zeit lang nicht mal Unterwäsche zu kaufen gab."

Aleida absolvierte eine Militärausbildung, studierte Medizin und leistete humanitäre Hilfe in Nicaragua. Seit vielen Jahren arbeitet die Mutter zweier Töchter (15 und 17) im Kinderkrankenhaus William Soler in Havanna.

Deutschland besucht die lebhafte Frau mit den großen braunen Augen und dem breiten Lächeln bereits zum vierten Mal. In Wiesbaden und Mainz hält Aleida Guevara Vorträge über ihre Heimat. Zudem informiert sie sich über das hiesige Gesundheitswesen. Der Mainzer Allgemein- und Hautarzt Gunther Schwarz sagt: "Das Fachgespräch mit ihr ist sehr interessant. Kubas Gesundheitssystem hat einen guten Ruf. Zum Beispiel ist die Säuglingssterblichkeit dort die niedrigste in Lateinamerika." Schwarz will mit Aleida Guevaras Unterstützung einen Austausch von Medizinstudenten und Ärzten zwischen Mainz und Havanna ins Leben rufen.

Bei politischen Fragen ist Che Guevaras Tochter nie um eine Gegenfrage verlegen - oft unter Hinweis auf die USA, die Kuba seit Jahrzehnten mit einem Embargo in die Knie zwingen wollen. Ein zu autoritäres Regime in Kuba? "Und wie sieht die Demokratie der USA im Irak aus?", fragt die Kinderärztin zurück. Inhaftierung von Regimegegnern? "Und was ist mit den Gefangenen im US-Lager Guantnamo?" Viele kubanische Bootsflüchtlinge? "Und warum locken die USA uns mit Startgeld, Wohnungen und Arbeitsplätzen an?" Auf die Frage nach Kubas Zukunft nach Castros Tod schließlich antwortet Aleida Guevara: "Im Volk gibt es eine Überzeugung, dass es auch ohne ihn weitergeht. Wir wollen nie ein kapitalistisches Anhängsel der USA werden."

Jens Albes, dpa

Quelle: n-tv.de