Dossier

Die Hölle von Hassi Messaoud Gewalt gegen algerische Frauen

Im Juli 2001 explodierte die Gewalt gegen Frauen in Hassi Messaoud in einer grausamen Hetzjagd. Bis heute ist der algerische Ort für allein lebende Frauen die Hölle auf Erden.

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(Foto: REUTERS)

Wenn wahr ist, was die Zeuginnen erzählen, gibt es für Frauen so etwas wie eine Hölle auf Erden. Sie liegt mitten in der algerischen Wüste und heißt Hassi Messaoud, was arabisch ist und so viel wie der Brunnen des Beduinenjungen Saoud bedeutet. Der Ort mit seinen 60.000 Einwohnern ist eigentlich das Herz der algerischen Öl- und Gasindustrie, seit einer grausamen Menschenjagd im Jahr 2001 aber auch Synonym für schreckliche Gewalt von islamischen Extremisten gegen alleinlebende Frauen. In diesem Frühjahr mehren sich wieder Berichte über nächtliche Angriffe bewaffneter Männerbanden. Eines der traurigsten Kapitel der jüngsten algerischen Geschichte scheint nicht beendet.

Die Zeit der Angst beginnt täglich mit dem Einbruch der Dunkelheit. Dann rotten sich junge Extremisten zusammen und schrecken nach Angaben ihrer Opfer vor nichts mehr zurück. Sie brechen in die Wohnungen allein stehender oder unverheirateter Algerierinnen ein, rauben sie aus, drohen, prügeln und vergewaltigen. Alles, um diese aus der Stadt zu vertreiben. Für manche Konservative und Traditionalisten in Hassi Messaoud sind allein stehende Frauen Huren, die Aids verbreiten und Männern die Arbeitsplätze wegnehmen.

"Beweg dich und du stirbst"

"Ich habe niemals gedacht, dass ich einen Tages einen solchen Alptraum erleben würde", berichtet eine 27-Jährige, die als Putzfrau für ausländische Firmen arbeitet, der Zeitung "El Watan". Sie habe versucht, sich gegen den Überfall der Männer zu wehren. "Beweg dich und du stirbst", lautete der Kommentar der Angreifer.

Im Juli 2001 war es ein fundamentalistischer Imam, der den Anstoß zu der grausamen Hetzjagd gab. Ein Mob von mehr als 300 Männern ging damals unter "Allahu-akbar"-Rufen (Gott ist groß) auf Frauen los. Dutzende wurden in einer Nacht gefoltert, nackt durch die Straße getrieben und mit Steinen beworfen. Sechs Todesopfer soll es damals gegeben haben, die Behörden bestreiten dies allerdings.

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In Hassi Messaoud ist das Zentrum der algerischen Ölindustrie.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Viele der Alleinstehenden sind im Zuge des Gas- und Ölbooms nach Hassi Messaoud gekommen. Ausländische Großkonzerne bieten Algerierinnen Arbeit, die sie an anderen Orten nicht bekommen egal ob als Putzfrauen oder als Sekretärinnen. Um die Investoren und ihre Mitarbeiter zu schützen, hat die Regierung Hassi Messaoud zu einem Hochsicherheitsgebiet gemacht. Polizei und Militärs schützen Ausländer vor Entführungsversuchen krimineller Banden oder der islamistischen Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb.

"Hier werden Frauen nicht von der Polizei geschützt"

Die Gewalt gegen Frauen interessiert die Polizei aber nicht heute ebenso wie damals, kritisieren Menschenrechtsorganisationen und Opfer. "Seien sie doch froh. Die Frau, die vor ein paar Tagen überfallen wurde, liegt immer noch im Krankenhaus. Sie wurde von fünf Männern vergewaltigt", soll ein Polizist jüngst einer Frau entgegnet haben, die eine Anzeige aufgeben wollte. Unbekannte hatten sie zuvor in ihrem Haus überfallen, ihr einen Schraubenzieher in den Bauch gerammt und sich an ihr vergangenen. "Er stank nach Alkohol", berichtete sie der Zeitung "El Watan" über den Haupttäter. Angehörige hatten alles mit ansehen müssen. "Hier werden Frauen nicht von der Polizei geschützt", sagt die Schwester.

Seitdem Sicherheitskräfte im betroffenen Stadtviertel regelmäßig Streife fahren, ist es ruhiger geworden. Für die Regierung in Algier und Vereine aus Hassi Messaoud sind die Fälle aber ohnehin kein Anlass zu großer Sorge. Die "El Watan"Berichte über die Gewalt werden als unwahr und als Destabilisierungsversuche des Blattes abgetan. Bislang seien erst zwei Anzeigen eingegangen, sagte Ende April der algerische Familienminister. Menschenrechtsorganisationen in dem zweitgrößten Land Afrikas nennen andere Zahlen. Sie gehen von Dutzenden Betroffenen aus und haben sich zu einem Aktionsbündnis zusammengetan.

Quelle: n-tv.de, Ansgar Haase und Houria Ait Kaci, dpa

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