Dossier

Ist das zynisch? Glückwunsch zur Tötung

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Auch in Kabul wird die Nachricht vom Tod Bin Ladens verbreitet.

(Foto: AP)

Weltweit herrscht Erleichterung über den Tod von Bin Laden. Aus der ganzen Welt werden Glückwünsche Richtung USA gesandt. Doch Kirchenvertreter, aber auch Wissenschaftler warnen davor, den Tod eines Menschen zu begrüßen.

In Washington feiern jubelnde Massen den Tod Osama bin Ladens, und noch in der Nacht versammeln sich Hunderte auch am Ground Zero in New York. Der NATO-Generalsekretär gratuliert den USA, Bundesaußenminister Westerwelle begrüßt die Tötung des "brutalsten Terroristen der Welt".

Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: "Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten." Entscheidend sei, dass von ihm als einem Drahtzieher des internationalen Terrorismus keine weitere Gefahr mehr ausgehe. Sie habe US-Präsident Barack Obama deshalb ihren Respekt über die Aktion mitgeteilt, sagte Merkel.

Erleichterung empfinden wohl die meisten - aber Freude? Ist das nicht trotz all seiner Verbrechen menschenverachtend?

Ein Fall von Notwehr?

"Glückwunsch" und "Gratulation" klingt in dem Zusammenhang auf jeden Fall merkwürdig. "Ein Christ sollte niemals den Tod eines Menschen begrüßen", erklärt der Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. In Rom befindet sich auch Manfred Lütz, Facharzt für Nervenheilkunde, Vatikan-Berater und Bestseller-Autor ("Irre! Wir behandeln die Falschen"). "Natürlich freut man sich nicht, wenn jemand getötet wird", sagt er. "Aber richtig traurig bin ich heute Morgen auch nicht gewesen."

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Merkel freut sich über die Tötung Bin Ladens und gratuliert den USA zur gelungenen Aktion.

(Foto: AP)

Möglicherweise könne man in diesem Fall davon sprechen, dass die USA in Notwehr gehandelt hätten. Lütz fällt sein Onkel Paulus van Husen (1891-1971) ein, der als Mitglied des Kreisauer Kreises das (gescheiterte) Hitler-Attentat vom 20. Juli mit vorbereitet hatte: "Die befanden sich auch in einem Gewissenskonflikt."

Letztlich entschieden sie sich für den Tyrannenmord, eine Entscheidung, deren Richtigkeit heute von niemandem angezweifelt wird. Eine ganz andere Frage ist, ob auch bei dem Terroristenführer Bin Laden die Vorgaben für einen Tyrannenmord erfüllt waren.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar"

Frithjof Hager, Soziologe an der Freien Universität Berlin und ebenfalls bekennender Christ, sieht den Fall wesentlich kritischer als Lütz. Er habe keinerlei Erleichterung verspürt, betont er. "Dass er einfach nur abgeknallt wird, finde ich widerwärtig. Mit jedem Killermord sind wir dabei, eben das zu zerschlagen, was wir zu verteidigen vorgeben: die Entwicklung zur zivilen Gesellschaft."

Nicht nur das christliche Gebot der Feindesliebe verbiete ein solches Vorgehen, sondern auch der zentrale Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. "Das gilt für jeden." Hager verweist auf den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann: "Eichmann ist vom israelischen Geheimdienst nicht abgeknallt, sondern vor Gericht gestellt worden."

"Für viele der Leibhaftige gewesen"

"Skeptische Erleichterung" empfindet der Historiker Jost Dülffer, ein Mitbegründer der historischen Friedensforschung. "Skeptisch bin ich, weil es wahrscheinlich ist, dass Bin Ladens Bedeutung überschätzt wird. Die Medien spielen ja immer Einzelne hoch. Glückwünsche würde ich für einen geglückten Tötungsversuch nicht gerade aussprechen."

Als der Psychologe Jürgen Margraf die Nachricht von Osama bin Ladens Tod im Radio hörte, hatte er prompt eine kleine Debatte mit seiner Frau. "Ich hatte eher so die kriegerische Haltung, während meine Frau sagte: 'Wie kann man sich darüber freuen, dass ein Mensch tot ist?'" Die Freudenfeiern in den USA ließen sich psychologisch auf jeden Fall leicht erklären: "Das ist da für viele der Leibhaftige gewesen - und wenn man dann den Satan beseitigt, dann freut man sich."

Quelle: ntv.de, Von Christoph Driessen, dpa