Archiv

Kommentar von Ulrich SahmKriegsgefahr um Iran

24.03.2007, 17:32 Uhr

Kriege beginnen oft mit nichtigen Zwischenfällen, doch der wahre Kriegsgrund liegt ganz woanders. Der Mord am Kronprinzen in Sarajewo löste das Gemetzel des Ersten Weltkriegs aus.

Kriege beginnen oft mit nichtigen Zwischenfällen, doch der wahre Kriegsgrund liegt ganz woanders. Der Mord am Kronprinzen in Sarajewo löste das Gemetzel des Ersten Weltkriegs aus. "Es wird zurückgeschossen" meldete im September 1939 der deutsche Rundfunk, um Polen als Auslöser des Zweiten Weltkriegs mit 50 Millionen Toten zu beschuldigen. Die erste palästinensische Intifada 1987 startete nach einem Autounfall und die Zweite im September 2000 nach der "Provokation" des israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon mit seinen Spaziergang auf Jerusalems Tempelberg. Doch ohne den Willen und die Bereitschaft der Palästinenser, sich gegen Israel gewaltsam aufzulehnen, hätten weder der Autounfall noch Scharons Provokation das jahrelange Blutvergießen entfacht.

Auch die mutmaßlich gezielte Entführung von 15 britischen Seeleuten im Schatt el Arab durch revolutionäre Garden des Iran kann in die Geschichte eingehen als der Beginn eines heißen Krieges des Westens gegen Iran. Dabei kann Iran behaupten, dass der wahre Auslöser doch die Festnahme von fünf iranischen Diplomaten im irakischen Irbil durch die Amerikaner im Januar gewesen sei.

Sollte es tatsächlich zu einem Krieg kommen, etwa jetzt zwischen Iran und dem Westen, so liegen die Gründe ganz woanders. Man kann da das gegenseitige Gefühl der Bedrohung, Hegemonialansprüche oder auch beiderseitiges Machtbestreben angeben, ohne festzulegen, ob der Iran oder die Amerikaner mitsamt ihren Verbündeten "recht" haben. Wie so oft liegt der Beschluss, Krieg ausbrechen zu lassen, im politischen Willen, bestehende Probleme durch einen Krieg zu lösen. Das können im Falle des Iran Fortschritte bei der Entwicklung einer Atombombe sein, die keinen anderen Ausweg als Krieg offen lassen. Oder aber es können die von der UNO beschlossenen Sanktionen sein, von denen Teheran vielleicht glaubt, sich nur durch Krieg davon befreien zu können. Und wenn eine Regierung den Krieg beschließt, so kann der kleinste Zwischenfall dazu dienen, ihn auszulösen und dabei der anderen Seite die Schuld zuzuschieben, um nicht als Aggressor dazustehen und um der Weltöffentlichkeit den beschlossenen Militärschlag als "Verteidigungskrieg" vorzustellen. Das ist gemäß den heutigen internationalen Spielregeln notwendig, da internationales Recht Krieg verbietet, nicht aber Selbstverteidigung.

Ein gutes Beispiel für eine zu Krieg führende Mechanik lieferte der Libanonkrieg vom vergangenen Sommer. Die libanesische Hisbollah-Miliz provozierte Israel mit Raketenbeschuss, dem Überfall auf eine Patrouille auf israelischem Gebiet und der Entführung von zwei Soldaten. Es hatte schon mehrere ähnliche Zwischenfälle seit dem israelischen Rückzug aus Libanon im Mai 2000 gegeben. Doch Israel reagierte entweder gar nicht oder nur mit punktuellem Beschuss von Hisbollah-Stellungen. Schon im Frühjahr 2007 hatte sich Premierminister Ehud Olmert nach eigenen Angaben aufgrund geheimdienstlicher Informationen und Warnungen mit der Lage entlang der Grenze zu Libanon befasst und "geplant", bei der nächsten Provokation der Hisbollah mit Krieg zu antworten.

Nur die Historiker werden eines Tages die Frage beantworten können, ob Israel nur auf die erste beste Gelegenheit einer Provokation der Hisbollah wartete, um im Libanon loszuschlagen, oder aber, ob die Hisbollah bewusst und gezielt Israel provozierte, um es in einen Krieg zu ziehen. Da die Hisbollah für einen Krieg gegen Israel mit Bunkern und Raketen aufgerüstet hatte, und Israel immer wieder mit einem Schlag gegen die Hisbollah drohte, kann man zum Schluss kommen, dass beide Seiten den Krieg wollten. Genauso gut kann man aber auch zu der Gegenteiligen Wahrheit gelangen: dass die Hisbollah zwar Israel provozieren wollte, aber nicht mit einem Krieg gerechnet hat, sich also verrechnet hat, wie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah selber zugegeben hat. Israel war zudem militärisch nicht richtig auf den Krieg vorbereitet, hatte zwar eine heftige Reaktion im Voraus beschlossen, nicht aber damit gerechnet, dass die Hisbollah schon im Juni den Vorwand für den von beiden Seiten erwarteten Krieg liefern würde.

Der Zwischenfall mit den 15 von Iran gefangenen britischen Soldaten kann sich leicht und schnell zu einem Krieg hochschaukeln, zumal sich Iran und der Westen ohnehin auf einem Konfrontationskurs mit vielen kriegerischen Zwischentönen befinden. Es muss aber nicht dazu kommen, solange beide Seiten für einen Krieg nicht bereit oder nicht vorbereitet sind. Krieg bleibt allerdings, wie die Beispiele oben zeigen, immer ein politischer Beschluss von einer Seite, oft nicht vorhersehbar und immer mit dem Risiko verknüpft, in eine Lage hineinzuschliddern, die außer Kontrolle gerät oder Folgen hat, mit denen man nicht rechnete.