Dossier

Im Preußen-Schlösschen Premiere bei Eiseskälte

Für Jacques Chirac war es ein Vorgeschmack auf den Abschied - für Angela Merkel eine Premiere im neuen Gästehaus der Bundesregierung. Nur das Wetter spielte nicht so richtig mit. Als sich der französische Staatspräsident und die Bundeskanzlerin am Freitag im frisch restaurierten Preußen-Schlösschen von Meseberg 70 Kilometer nördlich von Berlin zu ihren Konsultationen trafen, herrschte eisige Kälte. "Superbe!" - zeigte sich Chirac dennoch beim Anblick der neuen Regierungsherberge angetan.

Viel Zeit zum Genuss der barocken Atmosphäre blieb aber nicht. Die Horrormeldungen über bevorstehende Massenentlassungen beim kriselnden Airbus-Flugzeugbauer hatten der Begegnung neue Brisanz gegeben. "Das soll kein Airbus-Krisengipfel werden", hatte es zuvor aus Paris und Berlin getönt. Es wurde doch einer. Chiracs und Merkels Botschaft: Sozial abgefedert und nicht einseitig zu Lasten des einen oder anderen Partners dürfe die Sanierung erfolgen.

So blieb nicht allzu viel Raum, um sich den eigentlichen EU-Problemen zu widmen. Merkel sicherte sich als EU-Ratspräsidentin Rückenstärkung bei Chirac für den März-Gipfel in Brüssel, bei dem sie ehrgeizige Klimaschutz-Ziele durchsetzen will. Im Atomstreit mit Teheran und beim Umgang mit den amerikanischen Raketenabwehrplänen in Osteuropa sprachen beide betont mit einer Zunge.

Die bevorstehende französische Präsidentschaftswahl war in Meseberg kein Thema. Merkel vermied alles, was als Einmischung in den französischen Wahlkampf interpretiert werden könnte. Vom Ausgang der Wahl hängt für sie sehr viel ab. Merkel will unmittelbar danach im Juni und in Absprache mit dem dann gerade gewählten Elyse-Bewohner ihre Vorschläge zur Rettung der EU-Verfassung präsentieren. Chirac wird dann vermutlich politisch keine Rolle mehr spielen.

So lag etwas Wehmut in der Luft, als der Präsident mit seinen 45 Jahren an Regierungserfahrung in Meseberg den Geist der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland beschwor. "Es geht um Demokratie und Frieden in Europa", warb er eindringlich für die Kooperation zwischen beiden Ländern. Und Merkel - vergleichweise ein Neuling im Europa-Geschäft - zeigte sich davon beeindruckt: "Ich höre bei Präsident Jacques Chirac immer sehr genau zu, wenn er über seine Erfahrungen zum deutsch-französischen Verhältnis berichtet."

Einer wirkte an diesem Premiere-Tag in Meseberg besonders glücklich. Bürgermeister Alois Dehmut war nur mit sanftem Druck vom roten Teppich vor dem "Zauberschloss" (Theodor Fontane) zu komplimentieren, nachdem er die Kanzlerin am Parkeingang stolz begrüßt und in das neue Gästehaus begleitet hatte.

"Tschüss und grüßen Sie mir Ihre Leute", sorgte Merkel schließlich für freie Bahn für die Fotografen. Zuvor hatte sie sich beim Warten auf Chirac mit Schaulustigen aus Meseberg unterhalten, die trotz der Kälte auf sie gewartet hatten. Verständigungsschwierigkeiten gab es keine. 40 Kilometer von Meseberg entfernt hat Angela Merkel zu DDR-Zeiten gewohnt.

(von Frank Rafalski, dpa)

Quelle: ntv.de