Politik
Donnerstag, 09. Juni 2005

Ungewöhnliche Töne in der Oper: Söhne Mannheims in Tel Aviv

Ulrich W. Sahm

In der Tel Aviver Oper sind normalerweise stillere Töne üblich. Und nicht jeden Tag stellen zwölfjährige Mädchen mit Zahnspangen das Abendpublikum mit Konzertbeginn um 21.00 Uhr.

Der Saal war jedenfalls voll, als die deutsche Rockband "Söhne Mannheims" auf die Bühne kam. "Wer ist aus Tel Aviv?", fragte auf Englisch Xavier Naidoo das Publikum. Etwa die Hälfte der Hände gingen sich unter Jubel hoch. "Wer ist aus Jerusalem?" Nur ein Viertel des Saals kam aus der Heiligen Stadt. "Und wer ist aus Deutschland?" Diesmal jubelte es überall im Saal. Soviel deutsches Publikum in Tel Aviv? In der Tat ein ungewöhnlicher Anblick, denn meistens kommen eher weißhaarige alte Leute am Stock, wenn die deutsche Botschaft im Rahmen von "40 Jahre diplomatische Beziehungen Israel-Deutschland" zu Veranstaltungen einlädt.

Auffällig viele junge Menschen im Saal der Oper plauderten munter in einem Gemisch aus Deutsch und Hebräisch, einige mit russischem Akzent. Das sind nicht die Kinder der 1930 vor den Nazis geflohenen "Jekkes", der deutschen Juden. Es sind Kinder von Israelis, die in Deutschland gelebt haben oder junge deutsche Juden, die in den vergangenen Jahren nach Israel eingewandert sind.

"Adon Olam", Herr der Welt, ein uraltes hebräisches Gebet, sang Xavier Naidoo gleich zu Beginn der Vorstellung. Die Rockmusik passte gut dazu. Das Publikum war begeistert. "Es ist so cool, dass Xavier hier gleich auf Hebräisch singt", sagt eine junge Frau. Schon vor ihrem Studium an der frommen Bar Illan Universität war sie ein Fan der Rockergruppe "Söhne Mannheims". "In Deutschland habe ich sie nie gesehen und bin ja so froh, sie jetzt in Tel Aviv erleben zu können." Zusammen mit ihren Freundinnen "schlich" sie sich nach der Vorstellung einfach in den Empfang der deutschen Botschaft ein, um sich mit ihrem Idol ablichten zu lassen. Xavier war so fasziniert von den jungen Israelis, dass er mit den Diplomaten im offenen Hemd kaum ein Wort wechselte.

"Hammermäßig", beschrieb Xavier Naidoo das Konzert in Tel Aviv. "Zu einem gewissen Zeitpunkt sind die Leute im Saal einfach aufgestanden, es war ja alles bestuhlt, man darf ja nicht vergessen, es ist ja eigentlich eine Oper. Und dass die Leute dann einfach dazu kommen, aufzustehen, wo ich das ja eigentlich nur im Scherz gesagt hatte, dass das jetzt ein Gebet ist, zu dem man tanzen kann, und auf einmal standen die Leute auf, das war ein Hammererlebnis."

Das sei nicht überall so: "Manchmal muss man mit dem Publikum kämpfen. Wir hatten heute das Glück, dass es relativ schnell gleich zur Sache ging." Ein anderes Mitglied der Band fügte hinzu: "Die Israelis sind sehr offen und bereit, den Augenblick zu leben. Es war eine totale Jetztzeit. Deshalb sind sie aufgestanden und haben getanzt und es war total gut. Wir hatten das nicht erwartet. Wir waren froh und glücklich, dass es so gekommen ist. Man erträumt sich das natürlich. Aber man kann nicht davon ausgehen, dass man gleich so verstanden wird."

Naidoo, gefragt, ob er Hebräisch könne, meinte lachend: "Ein wenig, seit ein paar Tagen. Es ist verbesserungswürdig. Aber singen kann ich schon auf Hebräisch. Das Adon Olam ging mir ganz gut von den Lippen." Er habe es in den letzten zwei Tagen im Hotel "und zu Hause ein bisschen" gelernt. "Es ist nicht so schwer. Ich finde, es hat schon eine Ähnlichkeit mit dem Deutschen, von den Lauten her", sagte der ursprünglich aus Indien stammende Star der deutschen Pop-Szene.

Naidoo, gefragt nach Angst während seines Aufenthaltes in Israel: "Angst, nö, ich glaub, wir gehen damit genauso um wie die Leute, die hier leben." Ein anderes Bandmitglied meinte: "Ich hatte Angst, bevor ich herkam, hab auch mit Leuten darüber gesprochen. Ich bin ja so geprägt von den Medien, von den Bildern, die ich in den Medien sehe. Aber dadurch, dass ich Freunde hab, die hier leben, konnte ich mich informieren und wusste, die leben ja hier auch, wie wir leben, zwar mit einem anderen Bewusstsein, aber sie leben eben eigentlich auch gut. Und deswegen kann man sich dann auch leicht anpassen."

Botschafter Rudolf Dressler und fast alle anderen deutschen Diplomaten waren auch zu dem ungewöhnlichen Auftritt einer deutschen Rockgruppe gekommen. An die dröhnenden Lautsprecher nicht gewöhnt, machte Dressler während des Konzerts eine "Pause" in der Lobby: "Die deutschen-israelischen Beziehungen sind lebendig, aber nicht immer so geräuschvoll", meinte er schmunzelnd. "Im Übrigen hat diese Band ja auch Softmusik gespielt, also so genannte Weichmusik", fügte er als "Experte" hinzu. Er gestand allerdings, von den "Söhnen Mannheims" erst erfahren zu haben, als ihre Veranstaltung in Tel Aviv geplant wurde. "Es war ja offensichtlich für die Israelis und die Deutschen, die heute Abend da waren, eine Riesen-Show. Es sind große Künstler, sonst hätten sie nicht einen solchen Erfolg gehabt."

Quelle: n-tv.de