Dossier

20 Jahre "Mythos Havel" Vom Dichter zum Präsidenten

Die Mischung aus Künstlertum und politischer Intelligenz machte Vaclav Havel zur Symbolfigur. Vor 20 Jahren wurde der Dichter zum "Dichterpräsidenten".

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Vom 29. Dezember 1989 an bis 2003 prägte Havel als Staatsoberhaupt sein Land.

(Foto: dpa)

Als Vaclav Havel am 29. Dezember 1989 in Prag zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wurde, verabschiedete sich das Land am Ende des Revolutionsjahres endgültig vom Kommunismus. "Einstimmig durch Akklamation" hält das Protokoll zur Wahl fest, im Hof der Prager Burg feierten damals 30.000 Bürger. Wie Havel die selbstdefinierte Aufgabe, "das reine Antlitz der Revolution nicht zu beschmutzen", verstand, zeigte er seinen Landsleuten vom ersten Amtstag an.

Statt einen großen Empfang auszurichten, ließ er lieber für Rumänien spenden - die dortige Revolution forderte im Dezember 1989 mehr als 1000 Todesopfer. Und beim Gottesdienst zur Amtseinführung trug Havel zwar einen Anzug, aber mit deutlich zu kurz geratenen Hosen, wie sich die Tschechen erinnern. Schon rein äußerlich war der unscheinbare Havel, der als Regime-Kritiker in den Jahrzehnten zuvor mehrfach und insgesamt etwa fünf Jahre inhaftiert worden war, kaum mit den kommunistischen Machthabern zu vergleichen.

Eigenwillig und berühmt

"Liebe Mitbürger, vierzig Jahre lang haben Sie an dieser Stelle aus dem Mund meiner Vorgänger in verschiedener Form immer wieder dasselbe gehört: wie unser Land blüht, wie viel Millionen Tonnen an Stahl wir mehr erzeugt haben, wie glücklich wir alle sind", machte sich Havel bei seiner ersten Neujahrsansprache über die Planwirtschaft lustig: "Ich nehme an, dass Sie mich nicht für dieses Amt vorgeschlagen haben, damit auch ich Sie anlüge."

Bis 2003 prägte Havel als Staatsoberhaupt sein Land, kurz unterbrochen wurden seine Amtszeiten im zweiten Halbjahr 1992 durch die friedliche Trennung der CSSR in Tschechien und die Slowakei. Das Volk gewöhnte sich schnell an den eigenwilligen Präsidenten, der Rockmusikern wie Lou Reed und Mick Jagger die gleiche Aufmerksamkeit schenkte wie Parteiführern und politischen Staatsbesuchen. Als Schriftsteller hatte Havel vor dem Fall des "Eisernen Vorhangs" im Westen bereits Berühmtheit erlangt, in der Tschechoslowakei kursierten seine tragisch-komischen Werke als Privatkopien und Schmuggelware.

"Als Mitbürger bleibe ich bei Ihnen"

Vom "Mythos Havel" wird bis heute in den einheimischen Bierhäusern geschwärmt: wie er neben seine Unterschrift oft ein Herz zeichnet oder wie er US-Präsident Bill Clinton ermutigte, in einem Prager Jazz-Club Saxofon zu spielen. Das tschechische Fernsehen will am Abend des 20-jährigen Jubiläums von Havels Amtsantritt in einer Sondersendung rund 50 Persönlichkeiten zu Wort kommen lassen, darunter der Dalai Lama, tschechische Weggenossen und Ex-Präsidenten wie Richard von Weizsäcker und George Bush Senior.

Die seltene Mischung aus Künstlertum und politischer Intelligenz machte Havel weltweit zur Symbolfigur für den Systemwechsel in Ostmitteleuropa, mehrere Dutzend internationale Auszeichnungen zeugen davon. Der Dokumentarfilm "Obcan Havel" (Bürger Havel) von 2008 zeigt Blicke hinter die Kulissen der Macht, zehn Jahre lang war der "Dichterpräsident" von Regisseur Pavel Koutecky begleitet worden. Havel wacht am Krankenbett seiner ersten Ehefrau Olga, Havel ringt mit Rede-Manuskripten, Havel wehrt sich gegen das offizielle Protokoll - die Filmbilder kommen einem Präsidenten ungewöhnlich nah.

"Ich verabschiede mich von Ihnen als Präsident. Als Mitbürger bleibe ich bei Ihnen", sagte Havel am 2. Februar 2003, als seine letzte Amtszeit auslief. "Dichter und Präsident" nannte die autorisierte Biografin Ela Kriseova schon 1990 ihr Fazit. Havels Schreibtisch gehörte in den letzten Jahren wieder hauptsächlich der Literatur und dem Einsatz für Menschenrechte.

Quelle: n-tv.de, Jakob Lemke, dpa

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