Umstellung seit 1916Warum wird an der Uhr gedreht?
Die Sommerzeit ist eine deutsch-österreichische Erfindung aus dem Ersten Weltkrieg. Sinnvoll ist sie nicht. Trotzdem ist ihre Abschaffung unwahrscheinlich.
Die Idee ist bestechend einfach: Wenn die Uhren im Sommer eine Stunde vorgestellt werden, wird weniger elektrisches Licht benötigt. Bei der weltweit ersten Einführung der Sommerzeit sollte die so gesparte Energie in die Rüstung gesteckt werden.
Mitten im Ersten Weltkrieg, in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1916, stellten Deutschland und Österreich ihre Uhren vor. Frankreich, Italien, Belgien, Dänemark, die Türkei und eine Reihe weiterer europäischer Staaten folgten dem Beispiel sofort. Drei Wochen später führte auch Großbritannien die Sommerzeit ein.
Doch die Idee bewährt sich nicht, zu gering ist der Anteil des elektrischen Lichts am Energieverbrauch. Und so schafft Deutschland die Sommerzeit nach dem Ersten Weltkrieg wieder ab – um sie im nächsten Krieg wieder einzuführen. Neun Jahre bleibt diese Regelung in Kraft, von 1940 bis 1949. In der Sowjetisch Besetzten Zone werden die Uhren 1945 gar um zwei Stunden vorgestellt. Eine solche "Hochsommerzeit" gibt es 1947 in ganz Deutschland zum ersten und letzten Mal.
Eine Frage der Harmonie
Nach den Gründungen von Bundesrepublik und DDR ist mit dem Drehen am Uhrzeiger in Deutschland zunächst Schluss. Als Frankreich die Sommerzeit in der Ölkrise von 1973 wieder einführt, zieht die Bundesregierung nicht mit; Bonn will verhindern, dass die westdeutschen Uhren anders gehen als die in der DDR. Sieben Jahre später führen die beiden deutschen Staaten die Sommerzeit gleichzeitig ein. Hauptargument ist jetzt weniger die angebliche Energie-Ersparnis, als vielmehr die "Harmonisierung" der europäischen Uhrzeit.
Von sommerzeitlicher Einheitlichkeit ist Europa 1980 jedoch noch weit entfernt: In der EG werden die Uhren zu unterschiedlichen Terminen umgestellt. Erst 1996 werden diese Stichtage angeglichen. Seither werden die europäischen Uhren alljährlich am letzten Sonntag im März um 2.00 Uhr morgens um eine Stunde vorgestellt. Die Rückkehr zur winterlichen Normalzeit findet am letzten Sonntag im Oktober statt. Dann wird um 3.00 Uhr die Uhr um eine Stunde zurückgestellt.
Schlechte Öko-Bilanz
Und so geht die Sonne in Europa zwischen März und Oktober eine Stunde später unter. Dummerweise geht sie auch eine Stunde später wieder auf. In dieser Stunde wird an den kalten Morgen im März und April, im September und Oktober verstärkt geheizt. "Was abends an Licht gespart wird, wird morgens mehr verheizt", sagt Thomas Hagbeck vom Umweltbundesamt. Seine Behörde fand heraus, dass unterm Strich mit der Sommerzeit sogar mehr Energie verbraucht wird.
Mit der stärkeren Verbreitung von Energiesparlampen sinkt der ohnehin geringe abendliche Lichtspareffekt immer weiter. Und schließlich sitzen die Leute abends ja nicht einfach nur auf dem Balkon. "Durch das veränderte Freizeitverhalten wird mehr Energie am Abend verbraucht", erklärt Astrid Fischer von der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke. Der umweltschädliche Spritverbrauch durch abendliche Spritztouren mit dem Pkw ist dabei noch gar nicht eingerechnet.
Trotz dieser miesen Öko-Bilanz macht sich kaum jemand für die Abschaffung der Sommerzeit stark. Zwar hat die EU das Thema für 2007 auf ihrer Agenda. Aber in den europäischen Hauptstädten ist man froh, endlich ein einheitliches und halbwegs funktionierendes System zu haben. Und, wichtiger noch: Die Sommerzeit ist außerordentlich populär. In Deutschland zeigten sich 1995 mehr als 70 Prozent der Befragten überzeugt, die Sommerzeit habe sich bewährt. Doch möglicherweise kippt die öffentliche Meinung. Im März 2004 fragte n-tv die Zuschauer nach ihrer Meinung. Nur zehn Prozent der Anrufer bezeichneten die Umstellung als sinnvoll.
Hubertus Volmer