Politik
Mittwoch, 02. Januar 2008

Plage und Attraktion: Wilde Kamele in Australien

Nach neuen Schätzungen leben im australischen Outback mehr als 800.000 wilde Kamele. In keinem anderen Land der Erde gibt es solche Herden.

Ein Polizist Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen Australiens.
Ein Polizist Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen Australiens.

Wasser? Nirgendwo in Sicht. Nur rote Erde, staubtrocken, karge Akazienbüsche, Spinifexgras, Geistereukalypten. In der Ferne streift eine Herde wilder Kamele durch die Wüstenhitze. Kaum zu glauben: Sie fühlen sich wohl, haben hier eine neue Heimat gefunden, fern von Afrika und Arabien - im australischen Outback. Die Erschließung dieses schier endlosen Hinterlandes im 19. Jahrhundert wäre ohne die zähen Lasttiere nicht möglich gewesen, doch inzwischen bedrohen die Kamele immer mehr die Zukunft des Roten Zentrums.

"Es sind einfach zu viel geworden; sie zerstören unser Buschland", sagt Dennis Orr von der "Frontier Camel Farm" in Alice Springs. Der Sohn eines Aborigines sattelt sein Rennkamel "Partner". Mit ihm hat er schon zweimal den "Camel Cup" gewonnen, das bekannteste Kamelrennen "down under". Orr lebt von den Kamelen, sieht in ihnen aber auch eine Gefahr - und zugleich eine Riesenchance für Tourismus, Ernährungsindustrie und die australischen Ureinwohner.

Nach neuen Schätzungen leben im Outback mehr als 800.000 wilde Kamele. In keinem anderen Land der Erde gibt es solche Herden. "Unsere Regierung hat vor einigen Jahren darüber nachgedacht, eine Kopfprämie für die Jagd auf Kamele zu zahlen, um den Bestand zu senken", berichtet Orr. Mittlerweile scheint sich aber eine andere Idee immer mehr durchzusetzen: Kameljäger treiben die wilden Herden zusammen und bringen sie zur Südküste. Dort werden die Tiere getötet, ihr Fleisch in Boxen verpackt und verschifft. Am Ende landen die Kamele als Exportgut auch in den Ländern, aus denen sie vor über 150 Jahren herkamen.

Adelaide, 12. Oktober 1840: Das vermutlich erste Kamel in der Geschichte Australiens wird von Bord eines Schiffes gehievt. Als einziges von neun Tieren hat es die Überfahrt von den Kanarischen Inseln überlebt. Auf dem Rücken dieses Dromedars zieht der Pionier und Forscher John Horrocks Richtung Norden. Sein "Wüstenschiff" bringt ihm kein Glück. Gerade in dem Moment, als Horrocks sein Gewehr lädt, macht das Tier einen Ruck - eine Kugel löst sich und verletzt den Reiter so schwer, dass er drei Wochen später stirbt.

Den Siegeszug der einhöckrigen Kamele konnte dieser Unfall nicht aufhalten. Zwischen 1860 und 1907 importierten die weißen Siedler 12.000 Dromedare, vor allem aus Pakistan, Indien und Nordafrika. Auf ihre Rücken wurde alles geladen, was die Pioniere brauchten zum Bau von Straßen, Eisenbahnlinien und Telegrafenleitungen, bis zu 600 Kilogramm je Tier. Auch der schwunghafte Handel mit Gold, Diamanten, Wolle und Weizen folgte den Fußspuren der Kamele - bis immer mehr Güterzüge und Lastwagen den Transport übernahmen. Die Meister des Entbehrens: Jetzt waren sie selber entbehrlich. Man überließ sie ihrem eigenen Schicksal. In den Wüsten und Steppen des Hinterlandes verwilderten sie - und vermehrten sich.

Experten wie der Biologe Glenn Edwards vom "Northern Territory" schlagen nun Alarm: Alle acht Jahre verdoppele sich die Zahl der Dromedare, die im Outback keine natürlichen Feinde haben. Es sei höchste Zeit zu handeln, warnt Edwards in der Titelstory der Zeitung "Alice Springs News" vom 6. Dezember. Allein im vergangenen Sommer haben demnach zehntausende Kamele auf der Suche nach Wasser flächendeckend die spärliche Vegetation zerfressen oder zertrampelt, Zäune niedergerissen und Trinkwasser verschmutzt - existenzbedrohend nicht nur für die Viehwirtschaft der weißen Farmer, sondern auch für die Siedlungen der Aborigine-Stämme.

Aus der Not wollen die Australier nun eine Tugend machen, aus der Kamelplage ein Geschäft. Ein Riesengeschäft. Experten sehen darin eine Ressource von hunderten Millionen Dollar im Jahr. Die Vereinigung der Viehzüchter im Northern Territory hat bereits Pläne zum Bau eines großen Schlachthofes im Landesinneren. Von dort aus soll das Kamelfleisch im großen Stil vermarktet werden, als Delikatesse für Edel-Restaurants ebenso wie als Tierfutter für Viehfarmen. Auch für die kalziumreiche Milch, die Lederhaut, die Wolle und für Kamelöl-Cremes aus Höckerfett hoffen die Australier auf eine Nachfrage aus aller Welt.

Wer wissen will, wie Kamelfleisch schmeckt, kann ins Overlanders Steakhouse in Alice Springs gehen. Dort begrüßt ein Bär von Mann mit einem kräftigen Händeschlag die Gäste. Wayne Kraft heißt er, fast alle nennen ihn hier Krafty. Ihm gehört das Restaurant mit dem abgedunkelten Schummerlicht und den vielen emaillierten Erinnerungen an die Pionierzeit an den Wänden.

"Meine Vorfahren kommen aus Preußen", sagt er. Dann stellt er einen schwarz-rot-goldenen Wimpel auf den Tisch und winkt zwei Angestellte herbei. Sie präsentieren das, was der Küchenchef seinen Gästen empfiehlt: eine 50-Kilo-Keule Kamelfleisch. "Fett- und cholesterinarm", ruft Krafty mit breitem Akzent. "Viele Proteine und sehr schmackhaft." Die Touristen staunen, greifen zu und kommen auf den Geschmack - der ungefähr in der Mitte zwischen Rind und Lamm liegt.

Auch als Reittiere treffen die Kamele immer mehr den Geschmack der Touristen, gerade auch aus Deutschland. Mehr als 50 Kamelfarmen in Australien bieten Touren auf dem Rücken der Dromedare an - von einstündigen Kurztrips bis zu mehrwöchigen Abenteuer-Safaris quer durch die Wildnis.

Richtig gefährlich sind die Touren nicht. "Wir hatten noch nie einen Unfall, aber wichtig ist es, Respekt vor den Tieren zu haben und sie gut zu behandeln", sagt Henk van Eek, der Chef der "Sharkbay Camel Safaris". Der gebürtige Holländer steht am Strand von Monkey Mia an der Westküste Australiens und wartet auf Gäste. Eine Stunde Kamelreiten kostet bei ihm 55 Dollar, umgerechnet etwa 33 Euro.

Mehr als das Tausendfache muss hinblättern, wer ein australisches Rennkamel kaufen will. Rassetiere sind bis zu 50 Stundenkilometer schnell; die australischen gelten als besonders stark und gesund. Vor allem reiche arabische Scheichs leisten sich dieses Vergnügen. Für die Zucht und den Nachschub im Gestüt zahlen sie in Einzelfällen sogar Millionensummen.

Eine der größten Kamelfarmen des Landes, die sich auch um die Zucht kümmert, ist die von Dennis Orr in Alice Springs. Sie hat mehr als 40 Tiere, eine Filiale am Ayers Rock und eine ständige Ausstellung zur Geschichte der Kamele in Australien. Rund 8000 Besucher kommen jährlich, Tendenz steigend.

Vor allem auch deutsche Touristen interessieren sich für das Schicksal dieser Tiere, das eng verknüpft ist mit dem Schicksal der "terra Australis incognita", des unbekannten Südlandes. "Manche Touristen kommen zum Einkaufen nach Australien, andere zum Strandurlaub, Deutsche aber suchen hier oft das Abenteuer und die Natur", sagt der Tourismusmanager Murray Mason in Perth. Wer sich auf die Spuren der Kamele macht, kann beides verbinden: Abenteuer und ganz viel Natur.

Der Australienreisende kann dann vielleicht sogar ähnliche Erfahrung machen wie der Erforscher der Simpson-Wüste, Cecil Thomas Madigan. 1939 schrieb er in sein Tagebuch: "Am Anfang sind sie eigenartig, umbeholfen, langsam, schwer zu verstehen, dumm, übel riechend, unzugänglich und störrisch, schrecklich laut mit ihrem Gegrunze beim Aufladen. Aber wenn die Temperatur auf über 40 Grad steigt, wenn die Vorräte schwinden und nur trockene Sträucher zu finden sind, wenn schließlich die Möglichkeit, auf Wasser zu stoßen, nichts als eine wilde Hoffnung wird, dann kommen die Kamele in ihr wahres Element. Ohne zu klagen und zu jammern leben sie dann als starker Rückhalt voller Komfort vom Fett ihres Höckers und schaffen noch mehr als 200 Meilen."

Quelle: n-tv.de