Politik
Freitag, 16. Februar 2007

"Mach das Maul auf!": Zahnarzt-Geist Chopper wird 25

Er war eine Nervensäge, ein rotzfrecher Bengel und weltweit ein Medienstar: Vor 25 Jahren "spukte" in einer bayerischen Zahnarztpraxis monatelang der Geist "Chopper" umher und sorgte nicht nur in Deutschland für schier unglaubliche Schlagzeilen. Nachdem das scheinbar übersinnliche Phänomen immer abenteuerlichere Dimensionen annahm, rückten sogar eine Sonderkommission der Regensburger Kripo und des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) dem Geist zu Leibe.

Nach zwei Wochen war es dann vorbei mit dem gespensterhaften Treiben: Die Beamten fanden heraus, dass die damals 16 Jahre alte Zahnarzthelferin, ihr Chef und dessen Ehefrau die Menschen in nah und fern mit bloßer Stimmakrobatik zum Narren gehalten hatten.

Es war ausgerechnet der Rosenmontag 1982, als bei der Kripo die Geisterakte auf dem Schreibtisch des Sachbearbeiters Norbert Czerny landete. Der Kriminalist sollte den Fall gemeinsam mit einer technischen Sondereinheit des LKA lösen, nachdem zuvor die zuständige Polizeiinspektion mehr als ein halbes Jahr lang vergeblich ermittelt hatte. Auch das damalige Staatsunternehmen Bundespost hatte schon zahlreiche Anstrengungen unternommen, unterirdische Leitungen neu verlegt und bei der Geisterjagd erfolglos High-Tech-Messanlagen installiert.

Fernsehteams aus aller Welt

Die Ermittlungen mitten in der "närrischen Zeit" begannen für Czerny unter erschwerten Bedingungen: "Als ich mit meinen Kollegen das erste Mal zu der Praxis kam, da konnten wir gar nicht rein", erinnert sich der heute 63-Jährige. Der Parapsychologe Hans Bender habe in einem Pulk von Journalisten davor gestanden und die Phänomene erläutert. "Da waren Fernsehteams aus Australien, aus Japan und aller Welt dabei."

In der Folge wurden die Geschichten aus Neutraubling in den Medien quasi zu einer "Daily Soap". Die quäkende Geisterstimme tönte angeblich aus Kloschüsseln, Spucknäpfen und Telefonhörern, war ein glühender Verehrer der hübschen Helferin Claudia ("Ich liebe dich, mein Schatz") und belegte Patienten mit allerlei Schimpftiraden ("Mach's Maul auf"). Die dunkelhaarige Auszubildende wurde von manchen "Experten" zu einem "Medium" hochstilisiert und einige erkannten in den derben "Chopper"-Sprüchen sogar "Botschaften aus dem Jenseits". Die "Chopperei" entwickelte eine enorme Eigendynamik und wuchs dann auch dem Praxisteam über den Kopf.

Für Ermittler Czerny war allerdings schon früh klar, dass es sich bei der krächzenden Stimme um "sehr irdische Laute" handelte. "Wir haben nicht an Geister geglaubt", betont er. Die Soko "Geist" besetzte mehrere Tage die Praxis und konnte so Claudia, den Zahnarzt und dessen Ehefrau als Urheber identifizieren. Am Abend des 3. März 1982 wurden die Verdächtigen schließlich stundenlang vernommen und so der Spuk beendet.

Gekachelte Praxisräume

Das Trio nutzte für die Gruselkomödie die besondere Akustik der gekachelten Praxisräume und die Hohlräume der Zwischenwände aus. Haupttäterin war Claudia, denn "Chopper" hatte immer dann frei, wenn das Mädchen montags in die Berufsschule musste. Aber auch der Mediziner imitierte gelegentlich die Geisterstimme, die vom Motorradfan Claudia nach den amerikanischen Bikes getauft worden war. "Der Zahnarzt hat mitgechoppert", erklärt Czerny.

Für alle drei endete die Geschichte Ende 1983 vor Gericht. Claudia wurde im Jugendverfahren verwarnt und musste 1.500 Mark (knapp 800 Euro) Geldbuße zahlen. "Sie hat sich eine Figur geschaffen, um von ihr bewundert zu werden", befand der Richter. Der damals 62 Jahre alte Zahnarzt und seine ein Jahr jüngere Frau bekamen wegen Vortäuschung einer Straftat und Beleidigung zusammen eine Strafe in fünfstelliger DM-Höhe. Zudem schickte die Post dem Ehepaar eine Schadenersatzrechnung über 35.000 Mark.

Behandlung in der Psychiatrie

Für die Protagonisten wurde der selbst angezettelte Geisterterror danach noch zur Tragödie: Claudia wurde von ihrem Chef gefeuert, der kurze Zeit später seine Praxis aufgeben musste und die kleine Stadt vor den Toren Regensburgs verließ. Mit dem ganzen Wirbel um seine Person kam der Zahnarzt nicht zurecht, er musste sich sogar in der Psychiatrie behandeln lassen.

Auch Ermittler Czerny fand den Trubel damals nicht lustig - und heute auch nicht: "Da sind sehr ernste Dinge passiert." Schließlich habe das Geister-Treiben auch für viele Unschuldige böse Folgen gehabt. "Es sind Leute vorläufig festgenommen und etliche Wohnungen durchsucht worden", sagt der inzwischen pensionierte Kriminalbeamte. "Das war wirklich kein Faschingsscherz."

Quelle: n-tv.de