Politik
Montag, 19. März 2007

Gegen Kopftuch und Ehrenmord: Zentralrat der Ex-Muslime

Sie erhält Drohbriefe, es gibt einen Mordaufruf gegen sie, und ohne Polizeischutz ist kaum noch ein Schritt möglich. Seit Mina Ahadi vor einigen Wochen mit zehn Mitstreitern den Zentralrat der Ex-Muslime in Köln gründete und dies Ende Februar in Berlin publik machte, wird sie von Beamten in Zivil rund um die Uhr geschützt. "Ich bin zur Zielscheibe geworden", sagt die aus dem Iran stammende 50-Jährige. In Drohbriefen wurden den Mitgliedern der Gruppe "Schüsse in den Nacken" angekündigt. Nachdem Ahadi im Internet heftige Kritik gegen islamische Organisationen äußerte, hätten Unbekannte zum Mord an ihr aufgerufen. Es gibt aber auch sachliche Kritik an der neuen Gruppe - und viel Zuspruch.

"Wir wollen uns in die Politik einmischen, gegen das Kopftuch, gegen den Bau von Moscheen in Deutschland kämpfen, gegen Ehrenmord und Steinigung", erklärt die seit 1996 in Deutschland lebende Menschenrechtlerin Ahadi die Ziele der Neugründung. "Das Fundament des Islam ist menschenfeindlich und frauenfeindlich", meint die 50-Jährige. "Wir wollen auch ein Zeichen setzen, dass die 3 bis 3,5 Millionen Menschen aus islamischen Ländern, die in Deutschland leben, in erster Linie Menschen sind und nicht das Hauptmerkmal 'Muslim' tragen".

Ahadi, deren Ehemann im Iran hingerichtet worden war, verlangt von deutscher Regierung und Öffentlichkeit mehr Engagement vor allem für Frauen und Mädchen, die auch hierzulande von einem "politischen Islam" unterdrückt würden. "Die Mädchen dürfen keinen Freund haben, werden zwangsverheiratet, müssen Kopftuch tragen und gelten als Schlampe, wenn sie unverheiratet schwanger werden." Vorstandsmitglied Nur Gabbari (40), ein aus dem Irak geflohener Ex-Muslim, betont: "Es ist sehr gefährlich, was wir machen, aber wir können nicht zuschauen wie in einem Theater, was die Religion mit den Menschen macht."

Der Zentralrat der Muslime in Köln steht der Neugründung - rotz der provozierenden Anlehnung an dessen Namen - gelassen gegenüber. "Jeder kann einen Verband gründen, dieses Recht haben auch diese Leute", sagt der Vorsitzende Ayyub Axel Köhler. "Jeder kann seine Meinung haben und diese dann natürlich auch öffentlich äußern." Die Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Lale Akgün kritisiert dagegen die Behauptung, der Islam sei nicht mit den Menschenrechten vereinbar. Das sei falsch und heize die "Islamophobie" noch an. "Wieso brauchen wir einen eigenen Verein für nicht-gläubige Menschen mit muslimischem Hintergrund?", fragt die Politikerin.

Die Ex-Muslime lehnen die Sprecher-Rolle der muslimischen Verbände in Deutschland ab. Gabbari: "Wenn die Organisationen sagen, dass 3,5 Millionen Menschen wegen der Mohammed-Karikaturen beleidigt sind oder 3,5 Millionen Menschen wollen, dass Mädchen ein Kopftuch tragen und nicht zum Schwimm-Unterricht müssen, dann sagen wir: Nein." Mit diesem öffentlichen Nein - beim Berliner Auftritt provokant als Kampagne "Wir haben abgeschworen" deklariert - begeht die Gruppe einen riskanten Tabubruch, da der Islam keinen Austritt kennt.

Die Gruppe hat aber auch viel Zulauf erhalten. "Wir sind in so kurzer Zeit schon über 400 Mitglieder und jeden Tag kommen weitere Anfragen von Menschen aus vielen Ländern hinzu, aus Marokko, Iran, Ägypten, aus der Türkei oder Deutschland", sagt Gabbari. "Viele wollen ehrenamtlich mitarbeiten oder uns schützen." Auch die atheistische Giordano Bruno Stiftung unterstützt die Ex-Muslime. In Abstimmung mit der Polizei wird nun ein sicheres Büro gesucht. Für Mai ist eine erste Konferenz zu "Scharia und Grundgesetz" geplant.

Kritiker werfen einigen Gründungsmitgliedern Bindungen zu kommunistischen Parteien ihrer Herkunftsländer vor. Ahadi wird von einzelnen Stimmen als "Hardlinerin" mit einer "stalinistischen Gesinnung" bezeichnet. Dazu betont die 50-jährige Vorsitzende: "Im Iran habe ich gegen Todesstrafe und Steinigung gekämpft, wir haben Menschenleben gerettet, und ich habe damals mit der kommunistischen Partei zusammengearbeitet. Aber meine Lebensgeschichte zeigt, dass ich Politik mache für die Menschenrechte."

(von Yuriko Wahl, dpa)

Quelle: n-tv.de