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Zwischenruf Elfenbeinküste: Wehe den Besiegten!

Zum ersten Mal steht mit dem gestürzten Präsidenten der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, ein ehemaliger Staatschef vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Die Anklage: "indirekte Mittäterschaft an Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Dem Prozess haftet der Geruch der Siegerjustiz an.

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Gbagbo muss sich in Den Haag vor Gericht verantworten.

(Foto: dpa)

Noch während des Bürgerkrieges 2011 in der hierzulande besser als Elfenbeinküste bekannten Republik Côte d'Ivoire, hatte es vonseiten des Internationalen Strafgerichtshofes geheißen, man wolle die mutmaßlichen Verbrechen sowohl der Milizen von Alassane Outtara als auch die seines Vorgängers Laurent Gbagbo untersuchen. Jetzt steht in Den Haag nur Gbagbo vor Gericht. Die Anklage lautet auf "indirekte Mittäterschaft an Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Unvoreingenommenen Beobachtern der Geschehnisse vor zwei Jahren zufolge, klebt Blut an den Händen der Krieger beider Seiten. Der Unterschied ist, dass Gbagbo den wirtschaftlichen und politischen Einfluss Frankreichs in seinem Land spürbar beschnitt, während der Trauzeuge bei Outtaras Hochzeit Nicolas Sarkozy hieß. Dessen Sieg über Gbagbo 2011 wäre ohne die Hilfe französischer Soldaten schwierig, wenn nicht unmöglich geworden.

Sicherung westlicher Interessen?

Zur Erinnerung: Es war Outtara, der 2002 mit einer im benachbarten Burkina Faso gebildeten Rebellentruppe gegen den demokratisch gewählten Gbagbo ins Feld zog. Dessen Partei Front Populaire Ivoirien ist übrigens Mitglied der Sozialistischen Internationale. Stellungnahmen der Dachorganisation sozialdemokratischer Parteien zum Prozess gegen Gbagbo sind nicht bekannt.

Dass Frankreich zur Durchsetzung seiner Interessen mit fragwürdigen Gestalten gemeinsame Sache macht, ist so neu nicht. Der Mörder von Thomas Sankara, bis 1987 marxistischer Präsident von Burkina Faso, heißt Blaise Compaoré und ist in Paris als Sankaras Nachfolger bis auf den Tag wohlgelitten. Einen Antrag auf Strafverfolgung gegen Compaoré gibt es bislang nicht. Wie auch nicht gegen Outtara, sondern eben einen Prozess gegen den unterlegenen Gbagbo.

In Afrika mehren sich die Stimmen, die im Strafgerichtshof ein Instrument zur Sicherung westlicher Interessen sehen. Schließlich ist das Land an der afrikanischen Westküste weltgrößter Kakaoproduzent und verfügt über beachtliche Erdöl-, Erdgas- und Goldvorkommen. Vae victis!

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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