Pressestimmen

Urteil im Fall Jonny K. "Gerecht ist es nicht"

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Die tödliche Attacke im vergangenen Jahr in Berlin löste bundesweit Entsetzen und eine Debatte über Jugendgewalt aus: Der 20-jährige Jonny K. wurde ohne Anlass nach einem Barbesuch mit Freunden in der Nähe des Alexanderplatzes mit Tritten und Schlägen malträtiert. Er starb wenig später an Gehirnblutungen. Die Angreifer kannten Jonny K. nicht. Nun - zehn Monate später - werden sechs junge Männer verurteilt. Der Haupttäter, Ex-Boxer Onur U., bekommt viereinhalb Jahren Haft. Für viele Beobachter stellt sich die Frage: Ist das Urteil angemessen oder hätte der Täter eine härtere Strafen verdient? Immerhin hat ein junger Mensch unschuldig sein Leben verloren.

Für die Nürnberger Nachrichten gibt es bei der Bewertung solcher Gerichtsurteile "immer zwei Gruppen: die einen, die betonen, der Staat müsse das Recht mit aller Härte durchsetzen; und die anderen, die auf die sozialen Ursachen solcher Taten hinweisen und deren Bekämp fung fordern". Dieser Widerstreit ist nach Ansicht der mittelfränkischen Zeitung jedoch "absurd und ideologisch", da er dem Problem an sich nicht gerecht werde. Beides sei notwendig: "Gewalttäter (und mögliche Nachahmer) müssen erfahren, dass die Justiz bei Gewaltdelikten kein Pardon kennt. Und die Politik muss sich überlegen, wie sie Jugendlichen und Heranwachsenden bessere Berufs- und Lebensperspektiven aufzeigt. Nur dann, wenn das eine und das andere zusammenwirken, können sich Menschen auch nachts in Großstädten wieder sicher fühlen."

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(Foto: dpa)

Auf die Welt wirken "viereinhalb Jahre Jugendstrafe für einen Täter, der nach Meinung des Gerichts für den Tod eines 20-Jährigen verantwortlich ist (…) ernüchternd". Und dennoch, so der Kommentar aus Berlin, sei die oft gestellte Frage, ob ein Menschenleben denn nur so wenig wert sei, der falsche Ansatz: "Auch 100 Jahre Haft können kein Äquival ent für ein geraubtes Leben sein. Es geht auch nicht um Rache in einem Strafprozess, sondern um die möglichst emotionslose Prüfung der Frage der Schuld und der Einordnung der Tat in den Rahmen der Gesetze. Onur U. wollte nicht töten, das scheint sicher. Er wurde verurteilt wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Das steht juristisch auf einer anderen Stufe als Mord". In diesem Kontext müsse so denn auch das Urteil gesehen werden. "Auch wenn das vor allem die für Angehörigen des Opfers schwer zu verkraften ist."

"Wie kann, wie soll die Gesellschaft auf einen solchen Exzess der Gewalt reagieren?", fragt die Berliner Zeitung: "Der Staat sanktioniert ihn mit Freiheitsentzug - und hoffentlich mit intensiver therapeutischer Betreuung der Inhaftierten. Aber wie antwortet die Gesellschaft auf eine tödliche Aggression aus ihrer Mitte?". Der Kommentator verbeugt sich  vor der älteren Schwester Jonny K.s, der es niemand hätte verdenken können, "wenn sie ihre Wut und ihre Trauer mit dem Ruf nach Vergeltung in die Welt geschrien hätte. Tina K. hat nicht geschrien, aber sie hat laut gesprochen - von der Liebe zu ihrem Bruder, davon, wie sie ihm im Krankenhaus die Hand gehalten und jeden Herzschlag gezählt habe. Nicht jedes überlebende Opfer eines Verbrechens, nicht jeder Angehörige des Opfers einer Gewalttat hat die Kraft, sich so von der erfahrenen Ohnmacht zu befreien. Aber jeder, dem es gelingt, ist für die Gesellschaft unbezahlbar."

"Das Urteil des Landgerichts wird nun den einen zu hart, den anderen zu lasch sein", resümiert die Nordsee-Zeitung aus Bremerhaven. "Gerecht ist es nicht, wie könnte es das jemals?" Jonnys Tod lasse sich nicht in Gefängnisjahren aufwiegen. Andererseits erziehe "der Richterspruch auch jugendliche Totschläger nicht zu friedfertigen Lämmchen. Ob die Täter durch dieses Urteil einsichtig werden, ist leider völlig unklar. Richtig ist es aber doch. Er ist ein Signal, das deutlich macht: Niemand darf frei herumlaufen, der mit solcher Brutalität auf Menschen einprügelt und anschließend sagt: Dumm gelaufen, seinen Tod wollte ich eigentlich gar nicht."

Zusammengestellt von Susanne Niedorf-Schipke

Quelle: n-tv.de

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