Diskussion um Frauenquote"Ignoranz und Unbedarftheit"
Arbeitsministerin von der Leyen will sie, doch Frauenministerin Schröder und Bundeskanzlerin lehnen ab: Keine Frauenquote für die deutsche Wirtschaft. Die Presse betrachtet die Regelung jedoch als überfällig, vermutet wahltaktisches Kalkül und wirft den beiden Politikerinnen Ignoranz vor.
Bundesarbeitsministerin von der Leyen will sie, doch Frauenministerin Schröder und Bundeskanzlerin lehnen ab: Keine Frauenquote für die deutsche Wirtschaft. Auf 30 Prozent wollte von der Leyen den weiblichen Anteil in Vorständen und Aufsichtsräten festschreiben. Merkel setzt dagegen auf freiwillige Verpflichtungen der Wirtschaft. Die Presse sieht wahltaktisches Kalkül, betrachtet die Regelung als überfällig - und wirft den beiden Politikerinnen Ignoranz vor.
Die Badische Zeitung bewertet das Machtwort der Kanzlerin gegen die Einführung der Quote als falsch: "Merkel versucht (..) eine Diskussion zu beenden, die es verdient, geführt zu werden." Dabei gehe es weniger darum, ob am Ende tatsächlich verbindliche Quoten für Frauen in Spitzenpositionen stehen – "sondern darum, wie wir künftig arbeiten möchten". Welche Rolle zum Beispiel die Familie dabei spiele, "ob es genügend Kinderbetreuung geben wird oder welcher Führungsstil von Vorteil ist." Die parteipolitische Debatte möge vorerst gestoppt sein - die gesellschaftliche sei es nicht.
Die Stuttgarter Zeitung sieht bei der Diskussion ein Opfer: "(Ursula) von der Leyen. Der landläufige Vergleich mit dem Tiger und dem Bettvorleger verbietet sich aus Gründen der Höflichkeit, wäre aber zutreffend. Man darf unterstellen, dass Merkel das Anliegen jener Frau in ihrem Kabinett, die sich am effektivsten in Szene zu setzen vermag, für richtig hält." Ihr unüblich promptes Machtwort zolle der Koalitionsarithmetik und dem Wahlkalender 2011 Tribut. "Die FDP mauert, und beim CDU-Publikum ist mit einer Frauenquote kein Blumentopf zu gewinnen. So einfach kann Politik sein."
Es grenzt an Starrsinn, dass Kristina Schröder in puncto Quote weiter auf Freiwilligkeit setzen will, heißt es in den Dresdner Neuesten Nachrichten. "Inzwischen ist die Frage berechtigt, warum die CDU-Politikerin überhaupt den Titel Frauenministerin tragen darf. Die Ignoranz und Unbedarftheit von Schröder wurde nur von der Bundeskanzlerin getoppt (..)" Was Angela Merkel als Pragmatismus verkaufe, sei nichts weiter als hilfloses Einknicken vor dem renitenten Koalitionspartner. "Denn wenn es um Gleichberechtigung im Job geht, hört die Liberalität der FDP ganz schnell auf."
"Sie hätte wirklich ein Zeichen setzen können. Eine Fahne in den Gipfel rammen, die sagt: Die Hälfte gehört uns. Doch von der Frauenquote lässt Merkel die Finger", beobachtet der Südkurier aus Konstanz. Dabei sei der Wandel in der deutschen Arbeitswelt längst fällig. "Selbstverpflichtungen und warme Worte haben in den vergangenen Jahren nur wenig gebracht." Und das, obwohl sich der Anteil der hochqualifizierten Frauen deutlich gesteigert habe. Doch "mit Vernunft kommt man in der Politik nicht immer weiter. Schon gar nicht in Wahljahren, die den Zusatz Super enthalten."
Die Zeit wagt sich und schreibt: "Man muss sich nicht zur Faulheitsthese versteigen, um zu sagen: Viele Frauen stehen nicht gern exponiert im kalten Wind." Aber mit der (möglichen) Einführung der Quote falle "das zentrale Schonargument für den Verbleib in der femininen Komfortzone. Gewiss, manche leidvollen Aspekte der internationalen Managertätigkeit werden sich nie vermeiden lassen. "Unterhalb dieser äußersten Belastungsgrenze besteht die Hoffnung, die sich mit mehr Frauen in den Unternehmensspitzen verbindet, ja gerade darin, dass sie andere Erfahrungen, ein anderes Bild von Welt und Wirtschaft mitbringen."