Baden-WürttembergVor letztem großen Urteil: Was wurde aus der Gewaltserie?

Schüsse im Imbiss, Handgranaten auf dem Friedhof – wie eine Fehde zwischen jungen Gruppen Stuttgart jahrelang in Atem hielt. Was das aktuelle Urteil für die Region bedeutet.
Stuttgart (dpa/lsw) - Ein Imbiss im Umbau, eigentlich ein unscheinbarer Ort. Doch genau hier fallen Schüsse. Ein Mann wird schwer verletzt, getroffen von einer Salve aus einer vollautomatischen Waffe. Dieser Angriff im Stuttgarter Stadtteil Möhringen ist Teil einer brutalen Gewaltserie, die die Region seit Jahren erschüttert – und die nun mit dem Urteil (09.00 Uhr) vor ihrem vorläufigen juristischen Schlusspunkt steht.
Zwei Gruppen – eine aus Esslingen und Ludwigsburg, die andere aus Göppingen und Stuttgart-Zuffenhausen – bekämpfen sich seit vier Jahren. Stuttgart und Göppingen, Schorndorf, Esslingen, Plochingen, Reichenbach, Ludwigsburg – ihre Tatorte sind über die ganze Region verstreut. Der Imbiss-Prozess ist laut Gericht das letzte größere laufende Verfahren dazu.
Dem damals 26-Jährigen auf der Anklagebank wird vorgeworfen, gezielt auf einen Rivalen geschossen und ihn schwer verletzt zu haben. Der mutmaßliche Schütze gehört laut Anklage der Gruppierung aus Esslingen an, das Opfer hingegen steht der Bande aus Zuffenhausen nahe. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor allem versuchten Mord vor.
Eine Spirale, die sich langsam dreht
Anfangs wirken viele Fälle in diesem Konflikt noch wie einzelne Ausbrüche. Der erste Schuss – zumindest auf der offiziellen Liste – fällt am 20. Juli 2022 in Zuffenhausen: Aus einem fahrenden Auto feuert der Beifahrer auf Menschen vor einer Ladenzeile, niemand wird verletzt. Noch wirkt es wie ein Einzelfall. Erst mit der Zeit zeigt sich ein Muster.
Aus Provokationen werden gezielte Angriffe. Aus einzelnen Delikten wird eine Serie. Eine Spirale der Gewalt, die sich immer schneller dreht. Im Februar 2023 schaltet sich das Landeskriminalamt ein.
Auf die bundesweite Bühne gehoben wird der Konflikt spätestens mit dem Handgranaten-Anschlag im Juni 2023 auf dem Altbacher Friedhof. Nur durch einen Zufall wird ein Blutbad verhindert: Die Granate, geworfen von einem jungen Mann während einer Beisetzung, prallt an einem Ast ab und explodiert auf einer Anhöhe – wenige Meter vom Grab entfernt. 15 Personen werden verletzt. Trauergäste verfolgen den flüchtenden Granatenwerfer und verprügeln ihn wie im Rausch. Auch mehrere Sanitäter werden bedroht.
Nicht nur der Attentäter sitzt inzwischen hinter Gittern. Es wurde bislang auch ein Dutzend Männer wegen des Angriffs zu Freiheitsstrafen von insgesamt über 31 Jahren verurteilt.
Ein Auto als Waffe
Altbach markiert eine neue Dimension – und macht deutlich, dass sich die Auseinandersetzungen längst verselbstständigt haben. Es folgen weitere Taten, einmal wird sogar ein Auto zur Waffe: Im Oktober 2023 fährt ein damals 24-Jähriger einen flüchtenden Gegner gezielt an und verletzt ihn schwer.
Noch drastischer ist ein Fall in Göppingen: In einer Bar fallen 15 Schüsse. Ein 29-Jähriger stirbt, zwei weitere Männer werden schwer verletzt. Nach Überzeugung der Ermittler galt der Angriff eigentlich Mitgliedern der rivalisierenden Gruppe – getötet wird aber ein mutmaßlich Unbeteiligter, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Ein neues Phänomen, schwer zu fassen
Von Clans oder klassischer Bandenkriminalität wollen die Ermittler nicht sprechen. Das LKA beschreibt lose Gruppierungen aus dem Raum Stuttgart, Esslingen und Göppingen – ein Phänomen, das sie in dieser Form bislang nicht kannten. Nach früherer Schätzung gehörten den Gruppen einst mehr als 500 junge Menschen an: als Unterstützer, Mitläufer oder Führungsleute.
Die Gewalt eskalierte demnach zumeist nach Ehrverletzungen, es ging um territoriale Machtansprüche – und um ein Selbstverständnis, das das LKA mit "Crime as a Lifestyle" umschreibt: Verbrechen nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Lebensform, mit der sich viele stark identifizierten. Was die Gruppen zusammenhielt, was sie antrieb – das bleibt in vielen Fällen im Dunkeln. Fast immer herrscht eisernes Schweigen auf der Anklagebank, Entgegenkommen von den Tatverdächtigen gibt es kaum.
Stiller geworden – aber nicht vorbei
Allein die juristische Bilanz ist gewaltig: 319 Ermittlungsverfahren wurden geführt, mehr als 90 Haftbefehle vollstreckt, Gefängnisstrafen von insgesamt rund 137 Jahren verhängt. Über 20 Prozesse verhandelte das Landgericht Stuttgart seit März 2023, 43 Angeklagte standen vor Gericht. Die Akten füllen ganze Regale.
Es ist stiller geworden rund um die Fehde. Viele zentrale Akteure sitzen in Haft, die Intensität der Taten hat spürbar nachgelassen. Doch für Sicherheitsbehörden und Justiz ist die Serie nicht abgeschlossen.
Die Konfliktlinien zwischen den Gruppierungen gebe es weiter, heißt es im Innenministerium. "Sie speisen sich häufig aus persönlichen Fehden, kruden Ehrvorstellungen und gruppendynamischen Prozessen und weniger aus ökonomischen Interessen." Das Urteil im Imbiss-Fall wird daher nur ein vorläufiger Schlusspunkt sein.