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Berlin & BrandenburgHeißes Wahlkampfthema: Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld

06.07.2026, 05:31 Uhr
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Wohnungsnot trifft auf grüne Oase: Das Tempelhofer Feld wird im Wahlkampf zum Zankapfel. Architekten, Naturschützer und Politiker haben verschiedene Ideen.

Berlin (dpa/bb) - Vor fast 15 Jahren wurde im September 2011 in Berlin-Neukölln eine Initiative gegründet: "100 % Tempelhofer Feld". Sie forderte den Verzicht auf eine Bebauung des riesigen Geländes des früheren Stadtflughafens Tempelhof. 2014 wurde genau das dann mit einem Volksentscheid als Gesetz beschlossen.

Angesichts fehlender Wohnungen in Berlin werden die Forderungen nach einer Änderung dieses Gesetzes seit Jahren immer lauter. In Umfragen der letzten Zeit sprechen sich inzwischen Mehrheiten eher für als gegen eine Teilbebauung aus. Im Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September spielt das Thema eine große Rolle.

Was ist das Tempelhofer Feld und welche Größe hat es?

Das Tempelhofer Feld in Berlin, ein früherer Flughafen, ist mehr als zwei Kilometer lang und breit und umfasst rund 300 Hektar. Es gehört zu den größten innerstädtischen Freiflächen Europas und liegt zwischen den Bezirken Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg. Etwa 230 Hektar sind offene Wiesenflächen, durchzogen von den alten Start- und Landebahnen des Flughafens.

Seit der Öffnung 2010 wird das Gelände vor allem bei gutem Wetter von zahlreichen Menschen genutzt - zum Grillen, Joggen, Skaten, für urbane Gärten und Konzerte. In den Wintermonaten ist es allerdings oft auch weitgehend leer, ein riesiger ungenutzter Platz in der Großstadt.

Welche historische Rolle spielt das Gelände?

Das Feld war zunächst preußisches Militärgelände, wurde Anfangs des 20. Jahrhunderts zum Flughafen ausgebaut und war während der Berliner Luftbrücke 1948/49 ein Symbol der Versorgung West-Berlins. Das denkmalgeschützte Flughafengebäude zählt zu den größten Bauwerken Europas. 2008 wurde der Flughafen geschlossen.

Warum ist die Nutzung des Feldes politisch so umkämpft?

2014 entschieden die Berlinerinnen und Berliner in einem Volksentscheid, dass das gesamte Gelände unbebaut bleiben soll. Dieses Gesetz verbietet bis heute eine Bebauung und schreibt den Erhalt als Freifläche fest. Gleichzeitig verschärft sich der Wohnungsmangel in Berlin, wodurch der politische Druck steigt, zumindest Teile des Feldes für den Wohnungsbau zu nutzen. Nötig wäre dazu eine Gesetzesänderung durch das Berliner Abgeordnetenhaus. Gesetzesänderungen und neue Gesetze, die durch Parlamente beschlossen werden, sind in Demokratien ein normaler Vorgang.

Was favorisiert der Berliner Senat derzeit?

Der Berliner Senat aus CDU und SPD verfolgt ein Modell der "maßvollen Randbebauung". Diskutiert werden mehrere Bereiche entlang der äußeren Ränder, etwa am Tempelhofer Damm und an der Oderstraße. Vorgaben sind eine dichte, flächensparende Bauweise, ein hoher Anteil geförderter Wohnungen sowie klimaneutrale Baukonzepte. Die innere Freifläche soll unangetastet bleiben. In einem Vorschlag von Architekten zu einem Ideenwettbewerb ist von rund 20.000 Wohnungen die Rede.

Welche Position vertritt die Initiative "100 % Tempelhofer Feld"?

Die Initiative, die den Volksentscheid initiiert hat, lehnt jede Form der Bebauung strikt ab. Ihr Konzept setzt auf die Weiterentwicklung innerhalb der bestehenden Nutzung: Ausbau von Gemeinschaftsgärten, Förderung von Sport- und Freizeitangeboten sowie kulturelle Nutzungen ohne dauerhafte bauliche Eingriffe. Sie argumentiert, dass bereits eine Randbebauung einen Präzedenzfall schaffen und langfristig zu weiterer Bebauung führen könnte.

Welche Konzepte kommen aus der Stadtplanung und Architektur?

Architekturbüros und Universitäten wie die TU Berlin entwerfen kompakte Quartiere mit 5- bis 7-geschossiger Bebauung, die auf etwa 10 bis 15 Prozent der Gesamtfläche begrenzt sind. Ein Teil der Flächen soll gezielt an Baugruppen und Genossenschaften vergeben werden, um langfristig bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Einige Entwürfe sehen vollständig autofreie Quartiere mit Fokus auf Fahrrad- und Fußverkehr vor. Die Gebäude sollen so angeordnet werden, dass Frischluftströme möglichst wenig beeinträchtigt werden, etwa durch offene Baukörper und große Grünachsen.

Was fordern Umwelt- und Naturschutzverbände?

Verbände wie der BUND Berlin oder die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz verweisen auf die hohe ökologische Bedeutung des Feldes. Dort leben Feldlerchen, seltene Insektenarten und spezialisierte Pflanzen, die offene, ungestörte Flächen benötigen. Wichtig sei außerdem das Feld als Frischluftschneise. Nachts kühlt die offene Fläche stark ab und transportiert kühlere Luft in angrenzende dicht bebaute Quartiere. Sie fordern den vollständigen Verzicht auf Bebauung und eine Ausweitung von Schutzflächen.

Wie positionieren sich die Parteien?

Die CDU unterstützt eine Bebauung. Die SPD ist bei der Frage nicht einig, ein Teil der Partei befürwortet eine begrenzte Randbebauung mit Fokus auf sozialen Wohnungsbau, ein anderer ist dagegen. Die Grünen betonen die Klimafunktion des Feldes, sind aber teilweise offen für eingeschränkte Bebauung unter strengen ökologischen Bedingungen. Auch die Linke ist eher gespalten, manche Politiker lehnen das Bauen grundsätzlich ab, andere würden sozialen Wohnungsbau am Rand akzeptieren. Die AfD fordert den Bau von Wohnraum auf Teilen des Feldes.

Wie könnte der Entscheidungsprozess weitergehen?

Am 20. September wird das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt. Vom Ausgang der Wahl hängt vieles ab. In den Koalitionsverhandlungen der Parteien zur Bildung eines neuen Senats dürfte das Thema eine große Bedeutung haben. Diskutiert werden auch ein neuer Volksentscheid oder ein anderes Beteiligungsverfahren.

Quelle: dpa

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