Berlin & BrandenburgNeuer Union-Coach: Lustrinelli will Mensch sein

Mauro Lustrinelli kommt als sensationeller Schweizer Meister zum 1. FC Union Berlin. Der 50-Jährige soll dem Verein ähnliche Erfolge bringen wie sein Landsmann Urs Fischer.
Berlin (dpa/bb) - Der Andrang bei der Präsentation von Mauro Lustrinelli als Union-Trainer fiel im Vergleich zur Vorstellung seiner Vorgängerin Marie-Louise Eta geringer aus. Doch die Anforderungen an den zweiten Schweizer Cheftrainer in der Vereinsgeschichte sind höher und längerfristig angelegt.
"Mauro Lustrinelli hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie er Mannschaften formen und weiterentwickeln kann", sagte Union-Geschäftsführer Horst Heldt über den 50-Jährigen, der in der abgelaufenen Saison den Aufsteiger FC Thun sensationell zur Meisterschaft in der Schweiz geführt hatte. "Der Meistertitel mit einem Aufsteiger spricht für seine fachliche Qualität, aber auch für seine Fähigkeit, eine Gruppe zu führen und zu begeistern."
Übereinstimmende Werte
Der sechste Trainer nach der erfolgreichen Ära unter Urs Fischer soll mit seinem Stil Union in seiner achten Bundesligasaison möglichst mehr als den 13. Platz bescheren, den sich die Köpenicker als Ziel setzen, um mit 40 Punkten auch weitere Spielzeiten in der höchsten Klasse zu bestreiten.
Arbeit, Zusammenhalt und Kampf sind dabei auch für den ehemaligen Aktiven, Werte, die auch bei Union höchste Priorität besitzen. So versprachen die ersten Gespräche bereits guten Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit. "Wir haben die ersten drei Stunden nicht über Fußball gesprochen, sondern über Menschen", sagte Lustrinelli, dessen Muttersprache italienisch ist.
Überhaupt sind Beziehungen für Lustrinelli, der mit Thun in der Champions League hätte spielen können, sehr wichtig. Man müsse zuerst "Mensch sein. Für mich ist es wichtiger, eine Beziehung mit dem Team und den Spielern zu haben."
Treppe statt Lift
Auf der anderen Seite verlangt Lustrinelli von seinen Spielern "nur das Beste." Jeden Tag sollen sie die Winnermentalität an den Tag legen. Systeme will der Schweizer dabei flexibel behandeln, ebenso wie er selbst seinen Führungsstil sieht: "Von einer Seite möchte ich die Mannschaft führen, auf der anderen Seite die Mannschaft inspirieren", sagte der gebürtige Tessiner, der 2013 in Thun ein halbes Jahr als Co-Trainer unter Fischer gearbeitet hatte.
Als Vorbild sieht Lustrinelli seinen Landsmann aber nicht. Überhaupt will er selbst seinen Stil finden, auch wenn es einen Prozess erfordert. Der Schweizer, der erst mit 23 Jahren Profi wurde, spricht deshalb von einer "komischen Karriere": "Während andere den Lift nach oben nehmen, habe ich die Treppe genommen. Aber dann sieht man mehr."
Kein Kontakt mit Fischer
Zu Fischer, der von 2018 bis 2023 die erfolgreichste Ära der Vereinsgeschichte prägte, habe er im Vorfeld keinen Kontakt gehabt. Lustrinelli wollte sich seine eigenen Vorstellungen machen. Die Mannschaft werde er erst am 28. Juni kennenlernen, einen Tag bevor die Leistungsdiagnostik die Vorbereitung auf die neue Saison einleitet.
Auf dem Platz wird Lustrinelli am 1. Juli erstmals die Kommandos übernehmen. Bis dahin will der frühere U21-Nationaltrainer der Schweiz auch mit Fischer gesprochen haben.
Sechster Trainer seit der Ära Fischer
Seit dem Ende der Ära Urs Fischer 2023 ist Lustrinelli der bereits sechste Trainer an der Seitenlinie der Eisernen. Baumgart hatte sich mit 464 Tagen noch am längsten im Amt gehalten. Die Engagements von Marco Grote, Nenad Bjelica, Bo Svensson und Eta waren dagegen jeweils nur kurze Episoden.
Seit ihrem Bundesliga-Aufstieg 2019 sind die Köpenicker fester Bestandteil des Oberhauses. 2023 krönten sie ihre Entwicklung mit Rang vier und der erstmaligen Qualifikation für die Champions League – dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Danach kehrte jedoch die Realität zurück: Der Hauptstadtklub zählt seither wieder zu den Teams, die lange um den Klassenerhalt bangen müssen.