Hamburg & Schleswig-HolsteinHilfe aus der Ukraine für Schleswig-Holstein

Ukrainische Experten zeigen in Schleswig-Holstein, wie man trotz Angriffen Krankenhäuser schützt und Minen räumt. Was kann das Land von den Erfahrungen aus dem Krieg lernen?
Kiel (dpa/lno) - Auf dem Weg zur Verteidigungsbereitschaft und einem besseren Bevölkerungsschutz für Krisensituationen setzt Schleswig-Holstein auch auf Hilfe aus seiner ukrainischen Partnerregion Cherson. "Wir haben gelernt, wie kritische Infrastruktur trotz permanenter Angriffe stabilisiert wird, wie Krankenhäuser und Schutzräume unter die Erde verlegt werden, wie Schulen und Kitas weiter funktionieren, wie Minenräumung organisiert und wie Verwaltung arbeitsfähig gehalten wird", sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) im Anschluss an eine Kabinettssitzung. Daran hatte auch Chersons Gouverneur Oleksandr Prokudin teilgenommen.
Experten-Teams aus der Ukraine sollen helfen, den Zivilschutz in Schleswig-Holstein und die Resilienz zu stärken. "Das geht über das Angebot hinaus, dass die ukrainische Armee der Bundeswehr gemacht hat", sagte Günther. Prokudin sprach von Teams, nicht nur aus Cherson, die ihre Erfahrungen aus dem Krieg weitergeben sollen. Laut Dolmetscherin sagte er, dass es um Fragen ginge, wie man nach der Zerstörung eines Krankenhauses Erste Hilfe leiste, wie Menschen am besten aus bestimmten Regionen herausgebracht und welche Wege Armeeeinheiten in diese Bereiche hinein nehmen sollten.
Als Beispiel führte er an, dass Polizisten in der Ukraine neben ihrer eigentlichen Aufgabe auch Kämpfer seien, die Drohnen abfangen und Panzer führen können müssten. Sie müssten auch Transportwege organisieren. Jeder Mitarbeiter in den Kommunen müsse geschult werden, um in Krisensituationen richtig reagieren zu können. Auch jeder Bürger müsse wissen, was er tue. Aber durch die moralische Vorbereitung der Menschen auf moderne Kriegsführung und Schulungen sei bereits einiges gewonnen.
Hilfe der Regierung
Das schwarz-grüne Kabinett beschloss, die Partnerregion mit einer Million Euro zu unterstützen. "Die Energie- und Wärmeversorgung ist in weiten Teilen zerstört. Tausende Menschen leben teilweise ohne Heizung und Strom", sagte Günther. Zudem wolle das Land zehn Streifenwagen, 35 Schutzwesten und möglicherweise weitere gepanzerte Fahrzeuge bereitstellen.
Prokudin und seine Delegation trafen sich auch mit der Arbeitsgruppe Wehrtechnik. Es seien bereits Absprachen getroffen worden, sagte der Gouverneur. Es sei Klartext gesprochen worden, welche Dinge im modernen Krieg notwendig seien. Wenn nur die Hälfte davon umgesetzt werde, sei Schleswig-Holstein wirklich bereit.
Wenn Russland es nicht schaffe, die Ukraine zu erobern, müsse das Land den Krieg vor der Bevölkerung rechtfertigen, sagte Prokudin. Seit vier Jahren habe Russland jedoch keine richtigen Erfolge erzielt. Deshalb werde ihr Ziel dann das Baltikum sein. Europa sieht der Gouverneur darauf aber nicht vorbereitet. Das hätten Nato-Übungen gezeigt, bei denen zehn ukrainische Soldaten innerhalb von zwei Stunden zwei voll ausgestattete Bataillone komplett niedergeschlagen hätten.
Auch für Günther gibt es noch reichlich Vorbereitungsbedarf in Deutschland. Die Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit müsse neu geregelt werden. "Es ist schwer vermittelbar, dass Bundeswehrsoldaten durch Schleswig-Holstein nach Kopenhagen fahren, dort Drohnenabwehr machen, aber sie in Schleswig-Holstein dazu nicht die Befugnisse haben." Notwendig seien bessere Strukturen.
"Deswegen ist es richtig, dass wir nicht nur an der Seite der Ukraine stehen, sondern dass wir auch davon lernen, wie wir uns besser vorbereiten können", sagte Günther. "Russland hat sich den Angriffskrieg auf die Ukraine auch anders vorgestellt und ist überrascht gewesen, wie resilient, wie gut vorbereitet, wie tapfer die Ukrainerinnen und Ukrainer auf diese Situation zugegangen sind und seit vier Jahren diesen Kampf führen."
Seit Montag hat die Landesregierung auf einer zweitägigen Sicherheitskonferenz mit einer Delegation aus Cherson beraten. An der Konferenz nehmen auch Vertreterinnen und Vertreter von Bundeswehr, Polizei, der unteren Katastrophenschutzbehörden, der zivilen Verteidigung sowie aus Ministerien und Wissenschaft teil.