HessenAntisemitismus nimmt zu - Im Schnitt drei Vorfälle pro Tag

In Hessen wurden im vergangenen Jahr mehr als 1.000 judenfeindliche Vorfälle dokumentiert. Wie ist die Lage in Schulen und Hochschulen? Und in welcher Stadt sind die Zahlen besonders hoch?
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Hessenweit kommt es im Schnitt zu drei dokumentierten antisemitischen Vorfällen pro Tag. Das geht aus den Daten der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Hessen hervor. Demnach wurden im Jahr 2025 insgesamt 1.099 judenfeindliche Vorfälle registriert.
"Dies bedeutet eine Steigerung von 18 Prozent im Vergleich zu 2024", hieß es. Seit 2023 hätten sich die erhobenen Zahlen demnach mehr als verdoppelt.
"Antisemitismus etabliert sich quantitativ auf hohem Niveau, wird dadurch normalisiert", erklärte Projektleiterin Susanne Urban, die auch Antisemitismusbeauftragte der Marburger Philipps-Universität ist.
Um welche Art von Vorfällen handelte es sich?
Konkret wurden laut den Angaben 27 körperliche Angriffe, 41 Bedrohungen und 58 gezielte Sachbeschädigungen registriert. Hinzu kamen 13 Massenzuschriften und 960 Vorfälle verletzendes Verhalten, darunter 303 Versammlungen.
36 Prozent aller dokumentierten Vorfälle richteten sich gegen Personen und Einrichtungen und wiesen damit unmittelbar Betroffene auf. In 241 Fällen wurden einzelne Menschen direkt adressiert; 159 Vorfälle richteten sich gegen Institutionen.
Wie ist die Lage an Schulen und Hochschulen?
In Bildungseinrichtungen stiegen die antisemitischen Vorfälle laut der Daten um sechs Prozent - von 178 auf 190 Vorfälle.
Aus Schulen wurden 71 Vorfälle bekannt (2024: 48 Vorfälle)- etwa Beschimpfungen. Zusätzlich gab es laut Rias neun Vorfälle, die sich im Internet abspielten, aber Schulen direkt betrafen.
Drei Vorfälle ereigneten sich 2025 in und um Kitas (2024: ein Fall).
Aus Jugendeinrichtungen wurden zehn Vorfälle bekannt (2024: acht Fälle)
Zurück gingen die Vorfälle an Hochschulen - von 121 auf 105 Vorfälle. Das liege aber daran, dass es im letzten Jahr keine propalästinensischen Camps auf Unigeländen gegeben habe, bei denen es in den Vorjahren meist mehrere Vorfälle an einem Tag gegeben habe, sagte Urban.
"Die Bedrohung jüdischen Lebens ist so schlimm, wie nie seit der Schoah", sagte der hessische Antisemitismusbeauftragte, Uwe Becker. Gerade der israelbezogene Antisemitismus werde zum Judenhass der Gegenwart.
Und: Die Vorfälle in Bildungseinrichtungen machten besonders fassungslos und wütend. "In Schulen, Orte in denen Kinder sich eigentlich sicher fühlen und gestärkt werden sollten, erfahren die Jüngsten Ausgrenzung anstatt Solidarität", erklärte Becker.
454 dokumentierte Vorfälle alleine in Frankfurt
Frankfurt sei dabei in Hessen zu einem antisemitischen Hotspot geworden, sagt Marc Grünbaum, der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in der Mainmetropole. Alleine dort wurden im vergangenen Jahr 454 Fälle registriert.
Zudem betonte Grünbaum, dass die Rias-Zahlen nur ein Ausschnitt seien. So gebe es eine hohe Dunkelziffer an nicht gemeldeten Vorkommnissen – "aus Angst oder weil es mittlerweile als normal hingenommen wird".
Antisemitismus löse wenig Störgefühl aus, werde nicht erkannt oder als Befindlichkeit bagatellisiert, betonte auch Projektleiterin Urban. Rias Hessen versuche, zu sensibilisieren und aufzuklären. "Wir werden Antisemitismus weiterhin klar benennen, gleich, wo er sich zeigt", sagte Urban.
Rias ist ein bundesweites Netzwerk von Meldestellen, bei denen Betroffene antisemitische Vorfälle melden können - auch solche, die nicht strafbar sind.