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HessenAusländische Ärzte: ausgebremst oder angekommen?

13.03.2026, 04:02 Uhr
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Eine Kardiologin aus der Ukraine und ein Unfallchirurg aus Syrien schildern, wie sie in Hessen als Mediziner Fuß fassten - oder was sie davon abhält.

Frankfurt/Langen (dpa/lhe) - Das Gesundheitssystem ist auf Zuwanderung angewiesen - aber die Bürokratie macht es Medizinern aus dem Ausland nicht immer leicht. Wie finden sie den Weg ins System - und was behindert sie dabei? Zwei Fallbeispiele zeigen, wie unterschiedlich es laufen kann.

Der Unfallchirurg Faisal Shehadeh (42) stammt aus Syrien und hatte wenig Probleme, in Deutschland Fuß zu fassen. Heute arbeitet er als Spezialist für Schulter- und Ellenbogenchirurgie in der Asklepios Klinik im hessischen Langen. Lesia Haidych (41), Fachärztin für Innere Medizin, kam 2022 aus der Ukraine und hängt seit Jahren in der Warteschleife.

"Herausfordernde Situation"

Die Situation für ausländische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland empfindet sie "als sehr herausfordernd", sagt die alleinerziehende Mutter. Man investiere Energie, Zeit und Geld, um die Sprache auf ein professionelles medizinisches Niveau zu bringen. "Doch genau an dem Punkt, an dem man beruflich eigentlich starten möchte, beginnt das große Problem: Das Anerkennungsverfahren bremst viele Menschen aus - oft über Jahre."

Wie unterschiedlich es laufen kann, weiß auch Atilla Vurgun. Er leitet in Frankfurt die gemeinnützige Akademie für Heilberufe, die ausländische Ärztinnen und Ärzte auf dem Weg ins deutsche Gesundheitssystem begleitet.

Jahrelanges Warten

Er kennt Fälle, in denen Mediziner seit fünf Jahren auf ihren Gleichwertigkeitsbescheid warten oder seit zwei Jahren auf einen Termin für die Kenntnisprüfung. Das sind die beiden Wege ins deutsche Gesundheitssystem, wenn man im Ausland Medizin studiert hat.

Ob die Papiere am Ende anerkannt werden oder man die Prüfung bestehe, sei "wie eine Lotterie", sagt Vurgun. Denn es gebe keine Standards - jedes Bundesland und jede Kammer entscheide in eigenem Ermessen.

Aus der Ukraine nach Frankfurt

Lesia Haidych kam 2022 aus der Ukraine nach Hessen. Vor fast zwei Jahren beantragte sie nach bestandenen Sprachprüfungen die Anerkennung ihrer Abschlüsse - vor wenigen Tagen bekam sie die Ablehnung. Nun soll sie nach Auffassung des Amts die Kenntnisprüfung ablegen. Dafür muss sie - wie am Ende ihres Medizinstudiums 2007 - wieder Fragen zu allen Fachgebieten beantworten, obwohl sie in der Ukraine seit Jahren als Fachärztin für Kardiologie gearbeitet hat und als Dozentin an der Universität tätig war.

"Warum sollte ich Chirurgie von vorn lernen und OP‑Schritte für die Prüfung auswendig lernen? Ich werde hier keine Chirurgin, sondern weiterhin in meinem Fachbereich arbeiten", sagt die Kardiologin. Atilla Vurgun erinnert sich an einen argentinischen Neurochirurgen, der nach 20 Jahren Berufserfahrung Fragen zu Knochenbrüchen, EKG und Psychopharmaka beantworten musste.

"Die langen Wartezeiten und die Unsicherheit wirken stark demotivierend, selbst auf diejenigen, die hoch motiviert und sehr belastbar sind", sagt die ukrainische Ärztin. Das ist auch Vurguns Erfahrung. Allerdings sagt er auch, dass die Sprachkenntnisse der Bewerber im Schnitt schlechter geworden seien.

Neue Heimat Langen

Für den Unfallchirurgen Faisal Shehadeh lief es besser. Sein Medizinstudium schloss er 2006 im syrischen Aleppo ab, wo er auch Deutsch lernte. 2015 beendete er seine Facharztausbildung in NRW, wurde anschließend Oberarzt im Saarland. Heute ist er an der Asklepios Klinik in Langen Spezialist für Schulter- und Ellenbogenchirurgie.

Dass seine Wahl auf Deutschland fiel, lag daran, "dass in Deutschland sehr hohe Standards in der Medizin gelten und die Facharztausbildung eine der besten weltweit ist", wie er im Interview berichtet.

Der bürokratische Aufwand, bis sein Abschluss als gleichwertig anerkannt war, sei "überschaubar" gewesen. Schon zuvor konnte er dank einer befristeten Arbeitserlaubnis in einem Krankenhaus mitarbeiten. Der Facharztmangel in Deutschland habe seinen Einstieg erleichtert, glaubt der syrische Arzt.

Engagement für Syrien

2009 initiierte Faisal Shehadeh mit anderen syrischen Ärzten in Deutschland eine Gruppe, um sich über medizinische Prüfungen und das Anerkennungsverfahren auszutauschen. Inzwischen hat die "Syrische Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland" 480 Mitglieder.

Nach Deutschen, die im Ausland Medizin studiert haben, stellen Syrer die zweitgrößte Gruppe bei den anerkannten ausländischen Abschlüssen, wie das Statistische Bundesamt mitteilt.

Seit dem Sturz Assads engagieren sich viele in Deutschland lebende Mediziner aus Syrien in ihrem Heimatland, wie Shehadeh sagt. Sie unterstützen den Wiederaufbau des Gesundheitssystems, helfen bei der Ausbildung oder operieren im Urlaub. "Komplett zurück wollen aber die wenigsten."

Rat der Arbeitsagentur: Supermarktkasse

Shehadeh selbst fühlt sich in Langen wohl. Er lobt Lebensqualität und Freizeitmöglichkeiten, die politische Stabilität und die Sicherheit. Lesia Haidych aus der Ukraine hat inzwischen ebenfalls einen Job gefunden - als Dozentin in der Akademie für Heilberufe.

Lieber würde sie mit Patienten arbeiten, aber immerhin habe sie weiterhin mit Medizin zu tun. Dennoch frage sie sich manchmal: "In der Ukraine bin ich Ärztin. Aber wer bin ich hier in Deutschland?" Einer Kollegin aus der Ukraine habe die Arbeitsagentur kürzlich geraten, sich einen Job an der Supermarktkasse zu suchen, während die auf ihre Prüfung warte.

Quelle: dpa

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